CD der Woche: „Another Self Portrait“ von Bob Dylan

Als er sein Meisterwerk so hinpinselte

Von Edo Reents
 - 16:27
© Sony Music, Sony Music
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„Self Portrait“ war die erste Platte, für die Bob Dylan richtig Prügel bezog. Die vorausgegangenen Ausflüge in den Country, „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“, hatten zwar, auf Grund der zurückgenommenen Musizierweise und wohl auch wegen des fremdartig klingenden, bisweilen richtiggehend knödeligen Gesangs, Irritationen hervorgerufen. Aber was nun kam, wurde überwiegend als Bankrotterklärung gewertet, wobei es die Sache nicht besser machte, dass Dylan sie ja nur mit voller Absicht abgegeben haben konnte.

Greil Marcus, der damals vermutete, Dylan habe die Platte bloß aufgenommen, um sich die Fans endlich vom Hals zu halten, dies aber inzwischen etwas anders sieht, gab die Parole aus: „Was soll dieser Mist?“ Da hatte es, wenn schon der Statthalter auf Erden dieser Meinung war, das im Juni 1970 erschienene Doppelalbum naturgemäß schwer, was freilich nicht verhinderte, dass es trotzdem auf Platz 4 in den Billboard-Charts kam und sogar auf Platz 1 der britischen.

Teilweise ist es ebenfalls bedeutende Kunst

Mit nunmehr doch recht großem Abstand wird man darüber anders urteilen. In Zeiten, in denen jede Dylan-Äußerung unvermindert Aufmerksamkeit beanspruchen darf, wird man diese überaus disparate Sammlung aus obskuren oder geschmacklich nicht so recht einleuchtenden Coverversionen aus Country & Western und Pop (die bekanntesten waren von Johnny Cash, dazu eine Paul-Simon-Verhöhnung), Liveaufnahmen und wenigen eigenen Liedern (darunter eine wahrscheinlich mutwillig verschlechterte Version seines opus magnum, „Like a Rolling Stone“) zumindest unter dem Aspekt ihrer „Interessantheit“ hören müssen. Jedenfalls gehört diese vermeintlich eher stille Phase, die noch das schöne, damals erleichtert aufgenommene, längst aber wieder vernachlässigte Album „New Morning“ abwarf, zwar nicht zu Dylans produktivsten - er war gewissermaßen noch in der Vaterzeit -, aber doch zu seinen bemerkenswertesten, eigenwilligsten und gewinnt, ähnlich wie die früher gleichfalls geringgeschätzte Gospel-Zeit um 1980, immer noch neue Kontur.

Das wird man sich auch bei Columbia Records gedacht haben. Man hat eben das Glück, einen Musiker nach wie vor unter Vertrag zu haben, dessen noch unveröffentlichtes Material sich, im Gegensatz zu dem vieler anderer Rockmusiker, nicht nur aus finanziellen Erwägungen heraus auf den Markt werfen lässt, sondern auch, weil es teilweise ebenfalls bedeutende Kunst ist. Wenn wir die „Bootleg Series“, die sich längst zu einem Werk eigenen Rechts ausgewachsen haben, nicht hätten, bliebe uns Kostbarstes vorenthalten, zum Beispiel „Blind Willie McTell“, das Sean Wilentz in seiner gewichtigen Studie „Bob Dylan In America“ zu einem Schlüssellied erklärt hat, oder „Tell Me“, nicht nur in der Sparte „Liebeslied“ mit das Beste, was Dylan je gemacht hat.

Wie ein Rennauto, das nur auf den Hinterrädern fährt

„Another Self Portrait (1969-1971). The Bootleg Series Vol. 10“ rückt das doppelte Paradox, das Dylan irgendwie gereizt haben muss, nämlich: dass ein Singer/Songwriter sich einerseits und ausgerechnet mit einem Selbstporträt unbeliebt macht, andererseits dafür aber eben viel Fremdmaterial wählt (ein „Selbstbildnis von fremder Hand“ im Grunde, wie Joachim Fests Horst-Janssen-Buch heißt), nun wieder in den Mittelpunkt, indem es den ursprünglichen Titel aufnimmt und gleichzeitig durch das Beiwort signalisiert, dass auch dies (nur?) „Another Side Of Bob Dylan“ ist. Das meiste sind sogenannte Outtakes, Demo- und Alternativversionen des fast gleichnamigen offiziellen Albums, zehn von „New Morning“, zwei Liveaufnahmen mit The Band von der Isle Of Wight, dazu Versprengtes von den „Basement Tapes“ und „Nashville Skyline“.

Wer sich statt der normalen Doppel-CD-Ausgabe die Vierer-Box kauft, bekommt noch das Konzert dazu, das Dylan im August 1969 mit The Band auf der Isle Of Wight gab, darunter eine Version von „Highway 61 Revisited“, die Greil Marcus vorkommt wie ein Rennauto, das durchdreht und nur auf den Hinterrädern fährt; diese vierzig Livestücke sind aber nicht auf dem Dreifachvinyl enthalten. Man braucht sie auch nicht, die Tonqualität ist einfach minderwertig.

Dermaßen entblättert, wirkt sie nur noch hinreißender

Den Rest aber, immerhin noch 35 Lieder, muss man haben, selbst wenn man Zweit-, Dritt- und Viertversionen von Liedern jene gesunde Skepsis entgegenbringt, die einem sagt, dass es am Ende kein Zufall ist, wenn sie es nie auf ein Album geschafft haben. Erwartungsgemäß klingen die nun zu hörenden, gleichsam noch unbehandelten Stücke frischer, unmittelbarer und entbehren jener produktionstechnischen Süße, für die Bob Johnston seinerzeit verantwortlich war und welche die Kritiker damals so gegen Dylan aufbrachte. So treten sie uns jetzt in ihrer ganzen Folk- und Countrysimplizität entgegen, die, anders als auf dem offiziellen Album, aber jener Schärfe nicht entbehrt, für die man Dylan ja auch liebt. Bestes Beispiel: „Days of ’49“, schon auf „Self Portrait“ einer der wenigen Höhepunkte; ähnlich verhält es sich mit dem auch von Tony Joe White und besonders Bobby Womack kompetent interpretierten „Copper Kettle“.

Ein Nachteil ist diese Entkleidung nur bei dem lyrisch so genügsamen „Wigwam“, das ohne die Bläser seine merkwürdige Verführungskraft eingebüßt hat. Anderes, vor allem das Material von „New Morning“, wirkt in den ursprünglichen Arrangements fremdartig, vor allem der Auftakt „If Not For You“, eines der bekanntesten Lieder aus jener Dylan-Phase, während die Horn-Sections das Titellied nun stark in Richtung Soul abdriften und irgendwie moderner klingen lassen. Warum der hymnische Gospel „Bring Me a Little Water“ mit Dylans Inbrunst und dem perfekten Chorgesang damals nicht gut genug gewesen sein soll, begreift man genauso wenig wie bei dem fast schon handfesten Blues von „Working on a Guru“. Und die „Wallflower“ wirkt, dermaßen entblättert, nun noch hinreißender. Auf den orchestralen Schwulst von „Sign on the Window“ hätte man natürlich verzichten können.

CD der Woche
Bob Dylan: „Another Self Portrait“
© Sony Music, Sony Music

Dass Dylan für die Interpretation seiner eigenen Sachen nicht unbedingt immer der beste Mann ist, merkt man gleichfalls wieder. Auch die jetzt hörbare Fassung von „Only a Hobo“ reicht an die Rod Stewarts (auf „Gasoline Alley“, 1970) nicht heran; Gleiches gilt für das programmatische „When I Paint My Masterpiece“, das The Band zum überragenden Lied ihrer Platte „Cahoots“ (1971) machten.

Ungeachtet der Kritik, die damals auf Dylan einprasselte, konnte von so etwas wie einem Formtief oder davon, er backe nun ganz absichtlich kleine Brötchen, nie die Rede sein. Dieses immer mächtiger werdende Werk kannte keine linearen „Phasen“; alles, oder zumindest das Wichtigste, war immer schon da: Zynismus und Sentiment, Anklage und Trauer. Dylans warmherziges, damals bisweilen so auffallend gefälliges Musikantentum, das immer rein intuitiv vorging - und dies auch von den Mitspielern verlangte; hier vor allem: David Bromberg, Gitarre, und Al Kooper, Orgel, sowie Charlie McCoy, verschiedene Instrumente - und das in „Pretty Saro“ auf seinen Gipfel kommt, hat man in dieser Konzentration noch nicht erleben können. Die Provokation, die das „Self Portrait“ einst tatsächlich darstellte, ist etwas anderes und entsprang, wie wir jetzt begreifen, genuin künstlerischen Überzeugungen, die ihn abermals als den modernen Paten der Americana-Musik ausweisen.

Bob Dylan, Another Self Portrait (1969-1971). The Bootleg Series Vol. 10, 2 CDs. Columbia 2576283 (Sony Music)

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
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