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Album der Woche

Jenseits des Regenbogens

Von Axel Weidemann
 - 08:53
Danke für diesen guten Morgen: Dave Grohl von den Foo Fighters Bild: AFP, FAZ.NET

Als Dave Grohl eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, stellte er fest, dass sein Land gespalten und seine Musik zwar immer noch laut, aber doch recht repetitiv geworden war. Da hatte Grohl, der freundliche Frontmann der Foo-Fighters, nun schon Nirvana überlebt, elf Grammys in sein Regal gestellt, hatte ein Konzert mit gebrochenem Bein im Sitzen bis zum bitteren Ende gespielt und danach die kurz unterbrochene Tour auf einem Rock-Thron mit Gitarrenhalter und Nebelmaschine fortgesetzt. Selbst Lemmy Kilmister von Motörhead hatte ihn schon im Video zum Song „White Limo“ in der titelgebenden weißen Limousine mit reichlich Gummiabrieb durch amerikanische Suburbs chauffiert. Was sollte nun noch kommen?

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Es ist ein ungeschriebenes Gesetz der Musik, dass ihre Darreichung unter einem Übermaß an guter Laune mitunter ihre Seele verdünnt. Eine Art musikalischer Spin-Doktor musste her. Gefunden hat ihn Grohl in Greg Kurstin, der mit seiner Band „The Bird And The Bee“ eine etwas spezielle Musik macht, die das Gefühl eingeschlafener Gliedmaßen in reduzierten MIDI-Sound übersetzt. Grohl aber, das erzählt er in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“, habe sich „regelrecht in die Band verliebt“. So wurde Kurstin – der auch mit Künstlern wie Adele, Pink und Beyoncé zusammenarbeitet – zum Produzenten des neuen Foo-Fighter-Albums „Concrete and Gold“.

Der Titel klingt nach einer Album-Kollaboration zwischen Helene Fischer und dem Rapper Fler. Tatsächlich setzt das Team Foo-Fighters-Kurstin stark auf gegenläufige Effekte: Gleich beim ersten der elf Stücke, „T-Shirt“, zuckt man kurz zusammen, weil man meint, es handele sich um die ersten Takte der Ukulelen-Version von „Over The Rainbow. Bis einen dann eine Chor-und-Gitarren-Bombast-Intervention zurück auf den bebenden Beton der Tatsachen holt: „And you get what you deserve“, heißt es zum Schluss wieder sanft und ahnungsvoll.

Im besagten Interview sagt Grohl, dem die miese Stimmung in Amerika derzeit schwer zu schaffen macht, er sei zwar nicht so politisch wie die Kollegen von Rage Against The Machine, doch auch er versuche seinen Frust über die Gegenwart auszudrücken. „Ich schreibe aber vor allem Songs, die die Leute zusammenbringen. Die sie mitsingen können und die ihnen das Gefühl von Hoffnung und Lebensfreude vermitteln.“ Das war auch schon die Maxime von Gotthilf Fischer. Und auch wenn Zynismus weder in der Musik noch im wahren Leben weiterhilft, es fröstelt einen bei solchen Sätzen.

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Ein bisschen Schmerz muss sein

Mit Song Nummer drei ist denn auch der Fluch des über 25 Jahre andauernden Erfolges der Foo Fighters treffend beschrieben: „Make It Right“. Hier hört man wenigstens zum ersten Mal wieder die Überdruckventile der alten Dampfmaschine Rock arbeiten. Schlagzeug, Gitarre und Grohls heiseres Brüllen stehen ebenbürtig und klar im Vordergrund – bevor nach einer Minute alles in einer süßlich klingenden Backgroundchor-Soße absäuft: „Everybody needs, everybody needs / Needs a little suffer.“ Dabei ist dies noch einer der Songs, die dem Hörer nicht mit der üblichen Akustik-Synthie-Vaseline ins Ohr geschoben werden.

Ohne die kommt auch „Run“ nicht aus. Ein Track, der sich wenigstens zwischenzeitlich zu einem anständigen Zaunpfahl auswächst, mit dem der Mensch aus seiner schlafwandlerischen Unmündigkeit gehauen werden soll: „The rats are on parade / Another mad charade / What you gonna do?“ Ein Hauch Politik durchweht das Lied, wenn Grohl sich ein anderes „perfektes Leben“ vorstellt, indem die Menschen, „aufwachen“ und „rennen“. Allein, man will den Textbaustein „perfect life“ eigentlich in keinem Lied der Welt mehr hören.

In guten Momenten klingen die Foo Fighters wie Dan Auerbachs Black Keys auf ihren ersten Alben: Garagen-Sound, ganz auf das Wesentliche reduziert. Der Song „The Sky Is The Neighborhood“ – eine im besten Sinne radiotaugliche Aufforderung, nicht an metaphysischer Schlaflosigkeit zu verzweifeln – klingt so. Bis die heilige Gitarren-Armee des Rock-Olymps das Stück mit aller melodischen Gewalt zu Tode sägt.

Spätestens bei „La Dee Da“ merkt man deutlich, was der Band abhandengekommen ist: Die Lust am rohen Schmutz, sie ist der Raffinesse gewichen. Immer gibt es drei Instrumentalspuren oder vier Effekte zu viel. Dadurch wirkt dieser Titel, der mit Hilfe seiner monotonen Bassakkordfolge so schön dreckig durchstarten könnte, am Ende doch recht brav. Dabei spricht aus allen Liedern diese Sehnsucht nach fruchtbarem Chaos, das jedoch auf „Concrete and Gold“ von der Ordnung ausgemerzt wurde. Zu oft muss man sich wie bei „Dirty Water“ durch Minuten der Seichtheit hören, bis der Song abhebt – als wären es Muse oder Silverchair (von einst). Daran, dass hier keine Tonspur einmal durchgehend den Raum bekommt, der ihr gebührt, kann selbst Paul McCartney nichts ändern, der in „Sunday Rain“ vergeblich gegen die Gefälligkeit des Arrangements antrommelt.

Doch in „Happy Ever After“ klärt sich endlich alles. Die zuvor so kunstvoll verzierte Maske fällt: Endlich darf die erfolgstrunkene Müdigkeit der Foo Fighters sich – begleitet von Akkordeon und sanfter Klampfe – in Töne hüllen und in Worten ausdrücken: „Drinking Till The Taste Is Gone“, heißt es da. Hier gibt es keine „Superhelden“ mehr, singt Grohl. Sie sind „underground“, „glücklich bis an ihr Lebensende / runterzählend bis zur Stunde null“. Es ist ein guter Song.

Quelle: FAZ.NET
Axel Weidemann
Redakteur im Feuilleton.
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