Album der Woche

Überschreiten Grenzen, brauchen Platz zum Dancen

Von Kornelius Friz
 - 11:30

„Ich will nicht nach Berlin“ war der Slogan, mit dem Kraftklub der Durchbruch gelang. Ein Statement für die Provinz war damals offenbar das nötige Minimum an Rebellion, mit dem eine junge Band 2011 bereits für sich beanspruchen konnte, Punk zu sein. Dabei machen die fünf Männer aus Chemnitz gar keinen Punk. Auch die Etiketten Hiphop, Rock oder deutschsprachiger Indie-Pop treffen es nicht. Zwischen den Stühlen haben Kraftklub es sich bequem gemacht. Wahrscheinlich ist es die Mischung aus Randale, weißen Poloshirts und schrammeligen Gitarren, die den Erfolg ausmachen.

Die Anmaßung, sich in eine assoziative Reihe mit Ton, Steine, Scherben zu setzen, indem man sein Album „Keine Nacht für niemand“ nennt, ist für Kraftklub also nur konsequent. Und das, gerade weil Frontmann Felix Brummer in „Meine Stadt ist zu laut“ schon vor drei Jahren rappte „Wir sind hier nicht bei Rio Reiser, gehst Du schon? / Hier ist nichts besetzt, außer meinem Telefon“, womit er mehr ironisch als wütend den Ausverkauf seiner „Karl-Marx-Stadt“ besang.

Doch selbst mit dem Widerstand gegen die Landflucht oder Mieterhöhungen in Chemnitz ist es nun vorbei. Auf „Keine Nacht für niemand“ werden Songs über diese eine, besondere Nacht (ungerade Titel) brav mit rockballadenhaften Liebesliedern (Song 2, 4, 6 und 8) abgewechselt. Eine interessante Interpretation von Konzeptalbum. Das Fatale daran: Selbst das Carpe Noctum nimmt man den Mittzwanzigern nicht ab. Zeilen wie „Reiche Kinder laufen los / und kaufen Koks / Du hast ein Haus und Boot / Ich hab‘ Hausverbot“ aus der Graffiti-Hymne „Hausverbot (Chrom & Schwarz)“ klingen selbst wie die Parodie einer im Mainstream gelandeten Punkband, die sich durch Anleihen aus der Hiphop-Kultur und einer Handvoll Understatement neue (noch jüngere?) Publikumskreise erschließen will: „Wir haben kein Interesse an Sneakern oder Kunst / Die Meisten feiern ihre Feste lieber ohne uns / Wir kennen keine Grenze / ein, zwei Getränke / dann malen wir Schwänze / Mit Edding an die Wände“. Als Titel für die nächste Kraftklub-Platte böte sich in diesem Sinne „Popel-Gang“ an. Aktueller ginge auch „Gute Laune der Natur“ - oder ganz klassisch: „Campino“.

Exzessives Bedürfnis eines wütenden Bürgers

Einzelne Zeilen herauszugreifen und draufzuhauen, ist natürlich einfach. Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass die Band bislang zurecht für ihre klugen Texte gefeiert wurde, bleiben nach dem Hören des dritten Albums Fragen offen. Dass die auftaktige Gitarrenmusik sich mittlerweile immer stärker ähnelt: geschenkt. Aber was wollen Kraftklub, wenn ihnen für Punk sowohl die inhaltliche als auch die musikalische Durchschlagskraft abgehen? Beherrschen sie auch den Pop, der sich nicht nur zwischen den Genres bewegt, sondern ein Dazwischen der Gefühle ermöglicht? Ein Sowohl-Als-Auch, das Hörer auszuhalten erst lernen müssen, dann aber nie mehr dieses eine Album vergessen?

Leider geraten Anlehnungen etwa an Stereo Total, Alligatoah oder K.I.Z. immer wieder zur Farce, wie etwa das Deichkind-Zitat, das auch als uninspiriertes Abkupfern durchgeht: „Wir suchen wieder Streit, wir überschreiten Grenzen / schmeiß‘ die Möbel aus dem Fenster / wir brauchen Platz zum Dancen.“ Oder der zwölfte und letzte Song des Albums, wo nicht mehr, wie damals bei Stereo Total, aus Lebenslust sehnsüchtig „Liebe zu dritt“ gehaucht wird. Vielmehr scheint hier der Schrei nach "Liebe zu dritt" dem exzessiven Bedürfnis eines wütenden Bürgers („Und alles war umsonst, das Leben und das Sparen / am Ende erben alles deine undankbaren Blagen“) nach Sex mit angezogener Handbremse und Sicherheitsnetz zu entspringen. Und falls sich doch einer verletzt, passt einer auf ihn auf, der Dritte holt Hilfe.

Auch das Anti-Drogen-Lied „Chemie Chemie ya“, hinter dem sich diesmal keine Heimathymne auf die „Verlierer“ der sächsischen Arbeiterschaft verbirgt, überrascht da nicht. Für die Teenies, die diesen Sommer bei Rock im Park oder dem Highfield-Festival zu Kraftklub headbangen wollen, mag das zwar keine falsche Botschaft sein, guter Pop hingegen ist anders, weniger eindeutig, weniger didaktisch.

Und dann, wie aus Versehen, gelingt doch noch ein kleiner Aufreger. Im Grunde ist „Dein Lied“ keine besondere unter zig – Achtung, Streicher! – melancholischen Trennungsballaden. Obwohl Brummer schon immer eine „krasse Sprache interessiert, um krasse Emotionen ‘rüberzubringen“, kam es selbst bei Fans nicht nur gut an, dass das lyrische Ich seine Ex-Freundin als „verdammte Hure“ beschimpft. Kraftklub steht mit diesem rüden Text im deutschsprachigen Pop aber nicht alleine da. Auch Liedermacher Faber und die Gruppe Von Wegen Lisbeth wenden sich in ihren Songs an eine „Nutte“ oder die sogar titelgebende „Bitch“. Vielleicht verschieben diese Popmusiker tatsächlich Grenzen. Vielleicht ist es Zeit, dass sich auch radiotaugliche Schnulzen ein Vokabular aneignen, das der Gangsterrap bislang für sich allein beanspruchte. Vielleicht ist das „Huren“-Phänomen aber auch nur ein weiteres Symptomen eines sexistischen Musikbetriebs. „Verkrustete Rollenklischees finden wir furchtbar“, betont Brummer dennoch: „Wir fanden es einfach spannend, diese Figur brechen zu lassen, zum rachsüchtigen Psycho.“

Einen bitteren Geschmack hinterlässt auch das Lied „Venus“, wenn es heißt „Von Hamburg bis nach Wien, von Frankfurt bis Schwerin, von Stuttgart nach Stettin (sic!), von Brixen bis Berlin, ich spare das Benzin“, was womöglich als das übliche Gehabe einer Boyband gemeint ist, die ihr Territorium absteckt. Und doch erinnert der Schlachtruf dieser Hook unweigerlich an die erste Strophe aus dem „Lied der Deutschen“. Anders als die Memel liegt Stettin zwar unmittelbar hinter der heutigen deutsch-polnischen Grenze, und sowieso haben Kraftklub „nur Städte ausgewählt, zu denen wir eine Verbindung haben“. Doch wenn man sich zu dieser Aufzählung das überdimensionierte brennende „K“ und die kunstblutigen Leichen aus den aktuellen Musikvideos anschaut, oder vor allem die Farben, mit denen die sächsische Band ihre Alben bewirbt – Schwarz („In Schwarz“, 2014), Weiß („Mit K“, 2011) und nun Rot – dann fehlt nicht mehr viel zur Verschwörungstheorie. Höchste Zeit, mal wieder Ton, Steine, Scherben aufzulegen, bei denen es noch richtig gab und falsch.

Kraftklub: „Keine Nacht für niemand“ (Universal)

Quelle: Faz.net
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