Album der Woche

Wie der Wildtöter auf den Schwan losgeht

Von Kai Sina
 - 18:23

Ein Cello auf einem eigenen Fenstersitzplatz in der ersten Klasse eines Fluges von Berlin nach New York? Der auf einem Nebensitz platznehmende Bill Murray reagierte auf diesen Anblick, so erzählt es der Inhaber und Begleiter des fraglichen Musikinstruments, mit amüsierter Verwunderung – mit der Verwunderung eines Filmschauspielers, so lässt sich vermuten, der nur eine ungenaue Vorstellung vom Versicherungswert eines Cellos aus der Werkstatt des legendären Antonio Stradivari hat.

Lustigerweise hatte der deutsche Starcellist Jan Vogler seinerseits keine Ahnung, wer ihn und seinen Instrumentenkasten da so aufmerksam musterte. Hier konnte allerdings schnell eine Klärung erzielt werden: Die Komödie „Stripes“, mit Bill Murray in der Hauptrolle, lief zufällig gerade im Bordprogramm.

Was aus dieser denkwürdigen Begegnung im Jahr 2013 folgte, war ein langes, eingehendes Gespräch über klassische Musik und amerikanische Literatur – und, im Anschluss an dieses Kennenlernen, eine künstlerisch ergiebige Freundschaft.

Aus ihr ging drei Jahre später die Idee eines gemeinsamen Abendprogramms hervor, das die literarischen und künstlerischen Traditionen der Neuen und der Alten Welt zusammenführen, gegenüberstellen, miteinander verbinden sollte. Wesentlich getragen war dieses Vorhaben, dessen Ergebnis sich nun auf dem Album „New Worlds“ nachhören lässt (und dem 2018 eine Welttournee folgen wird), vom Reiz der Kombinatorik: Was etwa geschieht, wenn man eine Landschaftsbeschreibung aus James Fenimore Coopers Roman „The Deerslayer“ mit dem Andante aus dem späten Klaviertrio Nr. 1 von Franz Schubert verbindet – ausgerechnet Schubert, den Meister der musikalischen Naturdarstellung, von dem außerdem überliefert ist, er habe sich noch auf seinem Sterbebett die Zusendung einiger Cooper-Romane erbeten?

Welche ästhetische Wirkung hat es, wenn man unmittelbar auf die hymnenhaften „Songs“ des amerikanischen Nationalpoeten Walt Whitman das weltberühmte Prélude aus Johann Sebastian Bachs Cello-Suite Nr. 1 erklingen lässt? Und wie anders hört man Camille Saint-Saëns graziöses Andante „Der Schwan“, wenn darüber Verse der Lyrikerin Lucille Clifton gesprochen werden – „may you / open your eyes to water / water waving forever“?

Die Freude zweier Künstler, Entferntes und Fremdes der Musik- und Literaturgeschichte zusammenzubringen, sodass es ästhetische Funken schlägt – sie artikuliert sich auch in der Besetzung. Mit Vogler und Murray, ergänzt um die Pianistin Vanessa Perez und die Geigerin Mira Wang, treffen musikalische Hoch- und filmische Unterhaltungskultur so aufeinander, dass sich daraus hörbare Friktionen ergeben: Die technische Meisterschaft des Cellisten und seiner Mitmusikerinnen kontrastiert doch markant mit den recht begrenzten stimmlichen Möglichkeiten des Schauspielers, der sich gleichwohl nicht vollständig auf die literarische Rezitation beschränken will, im Gegenteil – mit Van Morrisons „When will I Ever Live in God“, das hier in einer kammermusikalischen Fassung dargeboten wird, stellt er sich einer echten gesanglichen Herausforderung. Was Murray dabei gelingt, ist geradezu berührend, denn er führt uns vor, was sich mit etwas Unerschrockenheit und großer Hingabe alles erreichen lässt – ein sehr amerikanischer Zugang, natürlich, der sich aber aufs Schönste mit dem Grundansatz der „New Worlds“ in Verbindung bringen lässt.

Puerto Rico liegt in Amerika

Murray und Vogler bei all dem ein politisches Anliegen zu unterstellen – das führte am Kern ihres brückenschlagenden Projekts eher vorbei. Und doch: Wenn sie ihre Platte ausgerechnet mit Leonard Bernsteins „America“ beschließen und ganz zuletzt den Satz „Puerto Rico՚s in America“ in den Fokus rücken, und zwar mit einer Betonung auf der Präposition „in“ – wer dächte an dieser Stelle nicht an Präsident Trump, dem offenbar erst nach dem Katastrophen-Hurrikan „Maria“ wirklich bewusst wurde, dass Puerto Rico ein Außengebiet der Vereinigten Staaten und zudem eine Insel ist, „surrounded by water, big water, ocean water“, wie er auf einer Pressekonferenz meinte erklären zu müssen. Der Schlusssatz des Albums deutet aber nur an, worauf Vogler und Murray insgesamt hinauswollen: auf eine durch und durch kosmopolitische Idee von Kunst, die nicht nur kulturelle Grenzen überwindet, sondern auch konventionelle Gattungs- und Genreschranken überschreitet.

In der transatlantischen Verknüpfung von Musik und Literatur, Rede und Gesang bewirken Murray und Vogler Großes, nämlich eine von aller Ehrfurcht befreite Entstaubung des Kanons. Wenn Maurice Ravels „Blues“ und James Thurbers Kurzgeschichte „If Grant Had Been Drinking at Appomattox“ zusammenklingen, ja in der ästhetischen Reibung regelrecht zu glühen beginnen, dann lassen sich beide Werke geradeso hören, als hörten wir sie zum ersten Mal. Genau darin aber zeigt sich, worum es bei den „New Worlds“ entscheidend geht: nicht um das Wiedererkennen des vermeintlich allzu Bekannten, sondern – ja, tatsächlich – um ein neues Sehen.

Quelle: FAZ.NET
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