Album der Woche

Die Gitarre spielt links

Von Edo Reents
 - 15:33

Woran liegt’s, dass die FDP noch kein Strategiepapier für die Durchdigitalisierung der Rockmusik aufgesetzt hat? Widerstand wäre ihr jedenfalls sicher. Die School of Rock war seit je analog. The kids are alright, und damit das auch so bleibt, brauchen sie keinen überflüssigen Kram wie „Kompetenzen“ oder „Bildung“, mit dem ins Digitale vernarrte Politiker ihre, der Kids, Überflüssigkeit (auf dem Arbeitsmarkt) beschwichtigen, sondern im Grunde und immer wieder nur eins: „auf die Fresse“ (A. Nahles). Falls sie dabei auch noch nachdenken wollen – das kann ihnen jede vernünftige Band abnehmen.

Altmodisch, na und?

Die Manic Street Preachers zum Beispiel. Mit voller Wucht spielen sie seit einem guten Vierteljahrhundert gegen die Verhältnisse an und tun es auch nun wieder, in dem begründeteten Wissen um die Unwiderstehlichkeit ihrer Musik, auf die der Titel ihres dreizehnten Studioalbums nun ausdrücklich hinweist: „Resistance Is Futile“ (Widerstand zwecklos). Der Melodienreichtum des walisischen Trios wurde immer schon gerühmt und kam auf einen Höhepunkt mit „Everything Must Go“ (1996), dem Album, mit dem die Band das wohl für alle Zeit unaufgeklärte Verschwinden ihrer Galionsfigur Richey James Edwards, der die Rhythmusgitarre gespielt und die Texte geschrieben hatte, nun ja, verdaute oder jedenfalls irgendwie verarbeitete.

So zwingend und gewinnend wie hier spielten sie danach nur noch selten, vor allem nicht auf dem unverhältnismäßig schwülstigen Nachfolger „This Is My Truth Tell Me Yours“ (1998), der als Kommerzerfolg ein einziges Missverständnis war und vom Bassisten und seitherigen Texter Nicky Wire später ehrlich als Fehler bezeichnet wurde. Immerhin enthielt die Platte die Predigt „If You Tolerate This Your Children Will Be Next“, die dem bis dahin rückhaltlos destruktiven Bandgestus plötzlich etwas aufdringlich Belehrendes gab und Weltverbesserung zumindest theoretisch als möglich erscheinen ließ – ein Ausrutscher, denn auf dem Grunde ihrer wilden Herzen waren die Manic Street Preachers immer der Ansicht, dass Verbesserung weniger durch etwas Neues als vielmehr durch die Negation des Bestehenden möglich ist. Sie sind rückwärtsgewandte Sozialisten, deren Widerstand gegen die Verhältnisse den Einzelnen in seiner Entfremdung von einem einst heilen oder zumindest heileren, natürlicheren Zustand betrauert, Hardrock gewordener Rousseau oder sogar Fourier, wenn man so will.

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MusikvideoManic Street Preachers – International Blue

Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass ihr neues Album so einen bündigen, entschlossenen Eindruck macht, selbst wenn die Vorgängerplatten durchweg zu überzeugen wussten. Wie man hört, fühlten sich die Musiker nämlich ausgebrannt und gingen zögerlich an die Sache heran, verwarfen den einen oder anderen Song, wechselten das Studio, müssen aber irgendwann doch den Dreh rausgehabt und sich ihrem eigenen Drive überlassen haben. Dass ihre stürmische Direktheit sie inmitten einer Szene, in der auf Smartheit, auf Durchblickertum so verbissen Wert gelegt wird, inzwischen wie ein Fossil aus längst vergangener Zeit wirken lässt, wird sie selbst kaum kratzen.

Als vertonte Kritik an dem, was man seit geraumer Zeit den digitalen Kapitalismus nennt, wird sich die Platte jedenfalls nicht so schnell erledigen; sie wurde von den beiden maßgeblichen Kräften der Band, die nie besonders scharf darauf war, den neuesten heißen Scheiß zu bringen, auch ausdrücklich als solche lanciert. Nicky Wire gab ganz offen zu, dass er in der digitalen Gegenwart längst den Überblick verloren habe: „Jeder hat heute sein iPhone, und wir haben immer noch unsere Gitarren.“ James Dean Bradfield, der reizbar-mürrische Sänger, Gitarrist und Komponist, sekundiert, indem er Front macht gegen jede Form von Konsum: „Ich hatte nie das Bedürfnis, mir ein blitzendes Auto kaufen, und auch nie ein Drogenproblem. Stattdessen habe ich mir die ganze Zeit Gitarren gekauft.“

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MusikvideoManic Street Preachers – Liverpool Revisited

Die Investition in Berufsausrüstung macht sich nicht erst jetzt bezahlt. Und so wurde aus der Guerrilla-Truppe, als die sich die Manic Street Preachers gründeten – die Idee dabei war, nur eine Platte zu machen, mit der man dann aber „Appetite For Destruction“ von den Guns N’Roses übertreffen und somit als größte Band in die Geschichte eingehen wollte –, im Laufe der Zeit eine der beständigsten unter den härteren britischen Gruppen. Freilich steht die Negativität, die von ihnen ausgeht, in Kontrast zu der üppig-schwelgerischen Machart ihrer Musik, die eine Einordnung nach wie vor erschwert: Hard- oder Glamrock? Oder doch eher Synthesizer-Pop? Von Verzicht oder Minimalismus konnte jedenfalls nie die Rede sein; sogar ihr knüppelhartes Debüt „Generation Terrorists“ (1992), durch das die Gitarren wie Schneidbrenner gehen, enthielt in Gestalt von „Motorcycle Emptiness“ einen langen, bis heute nachhallenden Moment verschwenderischer Elegie.

Wenn die Manic Street Preachers jetzt ihrem Meisterwerk „Everything Must Go“ so nahe gekommen sind wie lange nicht, dann liegt das daran, dass sie mit ihren Punkriffs vergleichsweise sparsam umgehen und im Zweifel der Melodie den Vorrang geben; es gibt, diesbezüglich, denn auch kein schlechtes Lied auf der Platte. Der Stammproduzent Dave Eringa hat ihre vom notorischen Weltschmerz getränkten Mutmacher- und Durchhalteparolen, die Bradfield meistens über die Lärmgrenze hinausbrüllt – etwas anderes kann und soll er auch gar nicht –, wieder schön verpackt, mit allerhand Streichereinheiten und den hymnischsten Refrains. Das siedelt manchmal nahe am Kitsch von „This Is My Truth“, aber lupenreine Popstücke wie „Dylan & Caitlin“ hätten auch ihre linken Blutsbrüder von The Beautiful South kaum besser hinbekommen. Die Manic Street Preachers sind jetzt alle um die fünfzig. Der ganz große Zorn ist verflogen, aber ihre Gitarren brauchen sie noch lange nicht an den Nagel zu hängen.

Manic Street Preachers: „Resistance is Futile“. Columbia (Sony)

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
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