Album der Woche

Was sagt der Mainstream zum Fünfachteltakt?

Von Tilman Spreckelsen
 - 20:09

„Take Three Girls“, die Geschichte von drei jungen Frauen, die sich in Londons aufregendster Dekade ein Apartment teilen, war nicht nur als erste in Farbe gedrehte BBC-Fernsehserie innovativ. Die 1969 erstmals ausgestrahlte Produktion leistete sich mit „Light Flight“ auch ein alles andere als eingängiges Titellied mit rasanten Rhythmuswechseln bis hin zum Fünfachteltakt.

Es spricht für die aufgeschlossene Zuhörerschaft jener Zeit, dass das Lied mit der zugehörigen Platte „Basket of Light“ Platz fünf der britischen Charts erreichte – und das, obwohl die Band Pentangle als Teil der damaligen Folkmusikbewegung eigentlich nicht auf den Mainstream setzte.

Pentangle trat am 27. März 1967 erstmals öffentlich auf, exakt zwei Monate vor dem ersten Konzert der Folkrockband „Fairport Convention“, und beide Bands erscheinen aus heutiger Sicht als Antagonisten einer Musikrichtung, die traditionelles Repertoire wiederentdeckte, mit eigenen Kompositionen mischte und dabei auf unterschiedliche Weise aktualisierte: Fairport Convention, zumal seit dem Einstieg der Sängerin Sandy Denny, entschied sich für einen Weg, der kraftvolle Riffs und elektrisch verfremdete Klänge nicht scheute, während Pentangle vor allem anfangs eher auf akustische Gitarren, Kontrabass und Glockenspiel setzte, dazu die elfenhafte Stimme der Sängerin Jacqui McShee. Verschiedentlich nahmen die beiden Bands dieselben volkstümlichen Balladen auf, etwa „Willy O’ Winsbury“ oder „Tam Lin“, aber das Zupackende, das Fairport Convention besaß, fehlt Pentangle bisweilen dann doch.

Fünf Jahre lang, von 1967 bis Ende 1972, blieb Pentangle in der Gründungsbesetzung zusammen. Neben McShee waren das die Gitarristen Bert Jansch und John Renbourn, der Bassist Danny Thompson und der Drummer Terry Cox. Nun ist ein Box-Set erschienen, das die sechs Alben dieser Zeit, kräftig erweitert um Live-Aufnahmen oder alternative Studioversionen, auf sieben CDs präsentiert, ergänzt um ein reiches Booklet. Der Klang ist, von wenigen Livemitschnitten abgesehen, angenehm transparent und stellt die vorzüglichen Instrumentalisten heraus: Thompsons schwebende Basslinien sind die Grundlage nicht nur für diejenigen Stücke der Band, die eher an Jazztraditionen orientiert sind, und das Schlagzeugspiel von Cox ist hier so exquisit wie präsent. Wo McShees Stimme eine allzu liebliche Färbung aufweist – dass sie auch ganz anders kann, zeigt diese Box durchaus –, da hält nicht nur das filigrane Gewebe der Instrumente dagegen, sondern auch der warme Gesang des großen, leider bereits 2011 verstorbenen Gitarristen und Songschreibers Bert Jansch.

Es ist die Art Musik, die man an einem Winternachmittag hören möchte, in einem Moment ohne Verpflichtungen und Termine und ohne den Druck, sich mit irgendjemandem zu unterhalten. Dann offenbaren die Stücke ihren gesamten Reichtum, ihre Variationsfülle, besonders dort, wo ihre unterschiedlichen Quellen zutage treten und etwa der „Hunting Song“ unversehens in einen A-cappella-Kanon auf die Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“ übergeht. Pentangle zeigt sich besonders hier als eine Band vorzüglicher Musiker, die zuvor und danach zwar zahlreiche andere Platten veröffentlichten, ihr Bedeutendstes aber in gerade dieser Formation vollbrachten.

Pentangle: „The Albums 1968–1972“. Box-Set mit 7 CDs. Cherry Red (Rough Trade)

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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