Album der Woche

Skandinavisches Design und Depressionen

Von Jan Wiele
 - 15:37

Den Vergleich mit Tocotronic werden sie wahrscheinlich nie wieder los. Und es stimmt ja auch: Die Nerven, ein Trio aus Stuttgart, klingen stark nach Tocotronic, genauer gesagt nach einer Phase von Tocotronic, die diese inzwischen zugunsten des schwelgerischen Art-Rock verlassen haben: der Phase von „Aber hier leben: nein, danke“ bis „Macht es nicht selbst“. Nach gehetztem Schlagzeug, prügelndem Bass und nach Fluchttier-Gesang.

Spätestens, seitdem die Vorgänger 2014 im Musikvideo zu „Angst“ als Imitatoren der Nachfolger aufgetreten sind und man nicht sicher sein konnte, wem das Lied nun eigentlich gehört, drängte sich der Eindruck enger Verwandtschaft, fast schon einer Väter-Söhne-Beziehung auf.

Auch textlich bleibt der Vergleich naheliegend, wenn Maximilian Rieger auf dem neuen Album nun singt: „Finde niemals zu dir selbst“. Aber anstatt darin jetzt nur Epigonentum zu sehen, könnte man vielleicht auch sagen: Vielleicht ist Tocotronic ja auch nur eine – ihrerseits auf den Schultern von Vorgängern stehende – gültige Ausprägung eines musikalischen Stils. Also eine Art Zupfmuster, wenn man so will. Oder sogar ein Unter-Genre. File under: Dreckrock. Warum sollten den nicht auch andere machen dürfen?

Eine konsequente Fortsetzung

Genau das algorithmische Einordnen freilich haben Die Nerven in ihren Texten auf dem Kieker. „Musik, Mode, Meinung für Millionen / Mein Style wurde mir auf Amazon empfohlen“, heißt es sarkastisch in dem Stück „Skandinavisches Design“. Mit diesem Design einher gehen Depressionen. Das war auch fast schon der ganze Text, danach regieren wieder Guitar, Bass and Drums. Die Prägnanz der Botschaft, das Wegmeißeln von weiteren Informationen überzeugt: als Absage an das Geplapper, mit dem zum Beispiel auch der skandinavische Möbelmogul inzwischen im Stil von „Generation Golf“ auf zweifelhafte Weise Lebensgefühl und prägende Erinnerungen an Massenkonsum-Momente bindet.

Die Algorithmus-Kritik, die sie im Titelstück des Albums „Fake“ nochmal variieren, ist eine konsequente Fortsetzung von frühen Stücken wie „Asoziale Medien“ (2012), die sie damals noch ohne Plattenvertrag veröffentlichten.

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Musikvideo„Frei“ von Die Nerven

Mittlerweile haben Die Nerven vier konzeptuelle Alben gemacht, mit ihrerseits hübsch verdichteten Titeln: „Fluidum“, „Fun“, „Out“, und jetzt eben „Fake“. Dabei haben sie ihrerseits, auch wenn sie noch nicht beim Art-Rock angekommen sind, eine musikalische Professionalisierung, stilistische Verfeinerung und eine solche der Produktion durchlaufen, die wiederum an Tocotronic erinnert. Vom blanken Noise-Gewitter sind sie zu klareren, dynamischeren und auch rhythmisch abwechslungsreicheren Strukturen gelangt. Am deutlichsten kann man diese Entwicklung in ihrem neuen Musikvideo erkennen, das ungewöhnlicherweise zwei Songs des Albums kombiniert: „Fake“ und „Frei“, dabei die unterschiedlichsten Facetten der Band freilegend.

Ist der Witz verlorengegangen?

Leider haben sie es bei den Texten für das neue Album mit dem Wegmeißeln allerdings zu weit getrieben, und spätestens hier muss man dann auch einen großen Unterschied zu den Texten Dirk von Lowtzows konstatieren, die immer schon eher durch ambivalente Menge denn durch lakonische Prägnanz beeindruckten. Nur steckt bei den neuen Liedern der Nerven in der Kürze eben oft keine Prägnanz, sondern nichtssagende Phrase. „Wo ist hier? Kann nicht bleiben“, heißt es etwa oder: „Lass alles los / Gib alles frei / Nichts bleibt“. Fast schon belustigend schlecht dann der Text des Liedes „Neue Wellen“: „Immer wieder viel zu viel / Neue Weichen / Selbes Spiel / Immer wieder viel zu viel / Neue Leichen / Selbes Spiel / Erlaubt ist was gefällt / Alles zerfällt“.

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Musikvideo„Angst“ von Die Nerven

Schade ist, abgesehen von dem wohl unfreiwillig komischen Beispiel, dass im Vergleich zu früheren Texten ein bisschen der Witz verlorengegangen zu sein scheint (denkt man etwa an Lieder wie „George Michael“ zurück: „Du gehst duschen, wen interessiert's?“). Womöglich hat die Band auch in zu kurzer Zeit zu viel herausgebracht.

Das Album „Fake“ muss sich zumindest in Teilen den Vorwurf gefallen lassen, mit Design und Verpackung ein bisschen viel zu versprechen, das nach großem Konzept aussieht (insbesondere beim „Fake“-Thema), es dann aber gar nicht einzulösen. Vielleicht ist das ja der Witz.

Was den Groove angeht, überraschende Taktwechsel und auch die gelegentlich interessante Zähmung des Dreckrocks, die neue Ausbrüche dann umso wilder erscheinen lässt, ist das Album ein Fortschritt.

Die Nerven: „Fake“. Glitterhouse Records.

Quelle: FAZ.NET
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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