Album der Woche

Mein Selbstvertrauen? Da habt ihr’s!

Von Livia Gerster
 - 15:27

Es muss schwer sein, sich müde und kraftlos zu fühlen, wenn man als bester Rapper der Welt gilt. So geht es jedenfalls Eminem. Mal wieder. It's the curse of the standard / That the first of the Mathers discs set - vom Fluch des Maßstabs, den er sich selbst gesetzt hat, ist gleich zu Beginn seines neuen Albums „Revival“ die Rede. Diese Angst vor dem Versagen zieht sich durch die ganze Platte, im Wechselspiel mit einem erbitterten Aufbäumen gegen die Zweifel, die eigenen und die der andern. Der Rap-Gott: alles Fassade, sagt er, so anstrengend. Wie kann man die Geschwindigkeit beibehalten, wenn man das Wettrennen längst gewonnen hat? Ja, ihn schmerzt der Spott, das Stirnrunzeln. Er ist zwar Eminem, einer der erfolgreichsten Musiker der Welt, dem diese jahrelang bereitwillig aus der Hand fraß, aber er kann sich offenbar immer noch nicht wehren, wenn man ihm sein Selbstvertrauen nimmt. If you bitches are trying to strip me of my conficdence / Mission accomplished.

Das mag ein wenig larmoyant sein, aber für einen früher rücksichtslos brutalen Slim Shady ist diese radikale Ehrlichkeit verblüffend. Eminem nimmt seinen Kritikern den Wind aus den Segeln, indem er sich selbst der aller schonungsloseste Kritiker ist. Er rappt von früher, von Mindestlohn und Sozialhilfe, und wie ihm dieser Scheiß ein Motor war, ein Spiegel dessen, wer er war und er wo er hin wollte, und wie ihm dieser Motor nun fehlt, jetzt wo er angekommen ist, in der Gated Community, way in the sky.

Doch kampflos will er das Mikrofon nicht abgeben, und aus diesem Kampf ist ein interessantes Album geworden. Das wurde heruntergeschrieben, bevor es überhaupt erschienen ist. Dabei bietet es viel. Nicht nur Pop-Prominenz von Beyoncé über Alicia Keys und Pink bis hin zum britischen Singer-Songwriter Ed Sheeran. Sondern alles, was man auch von einem guten Film erwarten würde: Pathos und Witz, Reue und Hoffnung. Es gibt Pop-Balladen mit viel Piano und Tremolo wie „Walk on Water“ mit Beyoncé, aber auch alte Rap-Schule wie bei „Framed“ oder „Heat“. Eminem packt Ohrwurm-Refrains hinein, in denen Ed Sheeran vom Abwaschen seiner Sünden in heiligem Wasser säuselt, und klassisch misogyne Reime, in denen Frauen in Eminems Kofferraum gesperrt sind - nur dass eine dieser Frauen diesmal Ivanka Trump ist.

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MusikvideoEminem - „River“ ft. Ed Sheeran

Wenn sie nicht gerade Opfer seiner Gewaltphantasien sind, dann treten Frauen als sexuelle Biester auf, wie in „Remind Me“. Dieser Track sampelt den Achtzigerjahre-Gassenhauer „I Love Rock‘n‘Roll“ von Joan Jett und gehört zusammen mit den Neuauflagen von „Zombie“ (The Cranberries) und „The Rose“ (Bette Midler) offenbar zu den größten Provokationen für eingefleischte Eminem-Fans. Doch was als Marketing-Strategie, als Chart-Garantie daherkommt, ist viel mehr als das. Eminem ruht sich hier nicht einfach auf gefälligen Hits aus, sondern gibt seinem Album einen ganz neuen, ungewöhnlichen Klang. „In Your Head“ und „Arose“ gehören zu den persönlichsten und berührendsten Songs.

Verbeugung vor „Black Lives Matter“

Auch Politik steckt im Album. „Like Home“ featuring Alicia Keys ist die feierliche Hymne zum Album-Cover, auf dem der Rapper hinter einem Amerikaschleier aus Sternen und Streifen in einer Geste der Verzweiflung den Kopf in die Hand stützt. Es ist ein Lied wie für das Football-Stadion, dramatisch, patriotisch – und es funktioniert. Hier rechnet der White-Trash-Aufsteiger Eminem mit dem White-Trash-Präsidenten Trump ab und riskiert damit, seine eigene Klientel zu verprellen. Es ist nicht sonderlich originell, wie Eminem Trump da einen Nazi heißt, der aussieht wie ein Papagei und alles nachzwitschert, was er auf Fox News hört, aber es gibt auch ein paar bemerkenswerte Lines, mit denen Eminem vielleicht sagen will, dass Trump zwar ein Unfall, aber ein nötiger, läuternder Unfall für Amerika ist: 'Cause nothin' inside drives us like this fight does / Similar to when two cars collide 'cause / Our spirit's crushed, and this spot's a tight one / But here the jaws of life come / To pull us from the wreckage, that's what we get pride from.

Der eigentlich politische Song auf dem Album ist aber nicht dieser, sondern „Untouchable“, eine Art Hommage an die Black-Lives-Matter-Bewegung. Der Weiße aus dem schwarzen Detroiter Vorort, der sich gegen alle Widerstände einen Platz im rein afroamerikanischen Rap-Geschäft erkämpft, und schließlich damit berühmter wird als die meisten schwarzen Rapper, ein Widerspruch in sich, der 2002 reimte: Ich bin das Schlimmste seit Elvis Presley, so wie ich schwarze Musik mache um reich zu werden. Dieser Typ reflektiert nun das Privileg seiner Hautfarbe, rappt von weißen Polizisten in schwarzen Vierteln, die Angst haben vor schwarzen Gesichtern, und nichts verstehen, und davon, warum es diese schwarzen Viertel überhaupt gibt: „Weil Amerika uns gespalten hat, uns getrennt hat voneinander, in Gegenden zugeteilt“ und entfremdet.

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MusikvideoEminem – „Walking On Water“

Am besten ist Eminem da, wo er von sich erzählt, vom Gewinnen und Verlieren, Aufstehen und Weitermachen, von seiner Kindheit, seiner Ehe, seiner Tochter, seinen Drogen. Das ist der Rahmen des Albums, es sind vor allem die ersten und die letzten Lieder, aber auch „Bad Husband“, in dem sich Eminem bei Kim entschuldigt, die er zweimal geheiratet und tausendmal begraben hat. Jahrelang hat er seine Ex-Frau in Form einer Sexpuppe mit auf die Bühne geschleppt, alle Tabus brechend, mit Gesten und Worten so brutal, wie nur ein Menschenfeind es fertigbringt, und dieser Menschenfeind entschuldigt sich nun, versucht es jedenfalls, immerhin. And it's been an exhaustive search to find the words / But I just heard mockingbird.

Die vertraute Melodie des Neunzigerjahrehits „Zombie“ begleitet Eminems Abrechnung mit sich selbst („In your head“): Dass er seine Tochter nicht zum Hauptthema seiner Raps hätte machen sollen, Slim Shady besser vom echten Leben hätte trennen sollen. In „Castle“, das in Form und Klang an „Stan“ erinnert - auch hier Briefe, ein unschuldiger Refrain, eine tragische Steigerung -, erklärt Eminem sich gegenüber seiner Tochter, die nervöse Unruhe und Hoffnung der frühen Jahre, Aufstieg und Ruhm, Drogen und Fall. Schließlich „Arose“ mit Bette Midler im Hintergrund, das sein Ringen mit dem Tod nach einer Überdosis nachzeichnet, die Ohnmacht, die Reue, die vertanen Chancen, ausgebliebenen Aussprachen, und das Überleben, der Entzug. Das Lied endet mit dem letzten Brief an Tochter Haily: Fuck it! Excuse the cursing, baby, but just know / That I'm a good person, though they portray me as cold.

Es ist sein Vermächtnis, er will nicht mehr und nicht weniger, als letztlich als guter Mensch von der Bühne zu gehen - trotz allem. Fast naiv klingt es, wie Eminem diesen Wunsch ausspricht. Es ist rührend, weder cool noch brutal noch witzig, aber dennoch das, was im Rap ja bekanntlich am wichtigsten ist: authentisch. Nur ist diese neue Wohlstands-Authentizität voller Selbstzweifel eines alternden Has-Beens natürlich nicht halb so faszinierend wie die der jungen Jahre im Elend von Detroit. Längst ist sein Rap kein exotisches Gift für aufgeräumte Kinderzimmer mehr. Und es ist auch kein Ventil mehr für den Frust halbstarker Aggressivlinge der weißen Unterschicht. Auch wenn Wut und Chuzpe der Vergangenheit immer wieder aufblitzen, sind sie doch verloren, gebrochen durch Bitterkeit und Scham, und daraus macht Eminem keinen Hehl. Das ist mutig und verdient Credit.

Eminem: „Revival“. Interscope/Shady Records(Universal)

Quelle: Faz.net
Livia Gerster
Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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