Album der Woche

Die Leude woll’n, dass nichts passiert

Von Jonas Jansen
 - 12:20

Das endgültige Zeichen dafür, dass Fünf Sterne Deluxe Rapper aus dem letzten Jahrtausend sind, bietet das letzte Lied auf ihrem neuen Album. „Endrille“ heißt das Stück und es ist genau das, was man erwartet: Das wiederkehrende Knacken, das aus Schallplattenspielern tönt, wenn die Musik vorbei ist und die Nadel bloß noch über die schwarze Endrille der Platte fährt.

Wer aber bis zu dieser Stelle gebraucht hat, um das zu merken, hat vorher neunzehn Lieder lang nicht zugehört. Alles an dem Album ist oldschool: Schon zu Beginn rasieren die Rapper den verlotterten „Flash“, der jahrelang versteckt gelebt hat und vergessen wurde. Und wie es sich für ein Comeback-Album gehört, wollen die Rapper den „Flash zurückbringen“. Das Spiel mit dem wiederkehrenden Helden-Mythos haben unlängst schon die ebenfalls aus Hamburg stammenden Rapper Beginner versucht.

Allerdings haben sich die vier Musiker von den Fünf Sternen dabei deutlich mehr Zeit gelassen als die früheren Bühnenkollegen. Ganze siebzehn Jahre sind seit dem letzten Album vergangen. Der Rapper Das Bo begab sich auf Solopfade und saß in der Jury von Castingshows im Fernsehen, Tobi Tobsen wandelte als ein Teil von Moonbootica auf Elektro-Festivals umher. Der Flash aber, Namensgeber des neuen Werks, gehörte schon auf dem ersten Album Silium zum Standardrepertoire.

„Ich flash euch den Kopf auf“, die erste Zeile aus dem alten Hit „Nirvana“, wird denn sogar im Cut zitiert, wenngleich viele lieblose Reime leider verraten, dass sich technisch in den siebzehn Jahren Pause nichts getan hat. „Zehn Jahre nichts geschrieben, aber alles ist geblieben“, rappt Tobi Tobsen in „Afrokalle“, und da muss man sich freuen, dass es nicht schlechter geworden ist.

Aber die Wir-sind-coole-Typen-und-alles-ist-Flash-Masche wirkt dann doch ziemlich aus der Zeit gefallen. Das haben selbst Gangster-Rapper wie Kollegah und Farid Bang in den letzten Jahren humorvoller hinbekommen. Und wer technisch versierte und innovative Rap-Musik ohne Koks, Nutten und Waffen hören will, sollte eher dem Münchener Rapper Fatoni eine Chance geben.

Was Fünf Sterne Deluxe allerdings schon immer leichter fiel als den Kollegen aus der Zunft, ist ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Rolle und eine gute Portion Selbstironie. Deshalb ist „Flash“ immer da besonders gut, wo es ins Abgedrehte schwappt. So wie bei „Regeln Machen Tun“, in dem der Rapper Bo dem „RMT 500 SLS“, dem ersten Heimregulator, der stark an die klugen Heimassistenten wie Siri und Alexa erinnert, eine Einkaufsliste diktiert und nur Marihuana und Liebe hinzufügen möchte.

Auch das Lied „Das Feeling ist sensational“ klingt wie ein früherer R'n'B-Sommerhit, wo selbst die kleinsten Details stimmen. Etwa wenn im gesungenen Refrain die Zweitstimme im Hintergrund das „Genau genau genau“ genauso haucht wie Marvin Gaye sein „Wake up wake up wake up“ in „Sexual Healing“. Auch 30 Sekunden irres Gelächter wie im „Lachbolero“ zeigen: Die Rapper sind zwar älter, aber nie erwachsen geworden.

Das zeigt sich auch in den Videos zu den eher schwächeren Liedern „Moin Bumm Tschack“ oder „Davon“: In den Clips drehen die Rapper richtig auf und bauen kleine Vier-Minuten-Kunstwerke, die zwar immer komplett unstrukturiert und zusammenhanglos sind, aber daher genau das liefern, was Fünf Sterne Deluxe schon immer waren: Berauschte Geschichtenerzähler, die zwar jetzt auch Väter sind, aber doch immer noch „digger“ und „Leude“ sagen. Neue Fans werden Fünf Sterne Deluxe nicht gewinnen, wenn sie „Inspektor Jabidde“ bei der Suche nach einem Gemälde auf einem Kunstfestival auf den Bösewicht Schraubstock-Kalle treffen lassen. Aber es wird zumindest einige Fans der früheren Alben unterhalten. Und mehr scheinen die Rapper auch gar nicht zu wollen.

Fünf Sterne Deluxe: Flash. Warner Music

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Redakteur in der Wirtschaft.
FacebookTwitter
  Zur Startseite