Album der Woche

Hymnen und Häme für die Generation Tinder

Von Elena Witzeck
 - 14:32

Bei diesen Musikern war es immer leicht, sich vorzustellen, wie sie an ihren Songs feilten, in einem vollgestellten Proberaum in Glasgow oder später im Londoner Studio. Wie sie, high von (unter anderem) ihren neuesten Ideen, in ihren Karottenhosen auf Ledersesseln herumlungerten und beim Einspielen der schrägen Riffs, die später unverkennbar als die ihrigen in Erinnerung bleiben würden, ihren Spaß hatten. Jetzt also, nachdem sie doch noch fast in Vergessenheit geraten wären, nachdem auf die Erwähnung ihres Namens zuletzt ein „Ach, die gibt es noch?“ folgte, schweben sie wieder ein, mit Leopardenjackett und Sneakers im Grenzbereich zwischen Tanz und Trance und der dazugehörigen überdrehten Musik: „Always Ascending“.

Die Neugier auf dieses fünfte Album war groß, weil seit 2013 wenig von Franz Ferdinand zu hören war, zu wenig zumindest, als dass es für keinen Smalltalk ausgereicht hätte. 2016 hatte dann noch Nick McCarthy, Gitarrist und Gründungsmitglied, die Band verlassen. Teil der neuen, erweiterten Besetzung wurden der Keyboarder Julian Corrie und der Gitarrist Dino Bardot. Alex Kapranos, Gesicht und Stimme Franz Ferdinands, blieb dabei. Er trägt inzwischen wasserstoffblonde Haare, aber der exzentrische Charakter, den er für seine öffentlichen Auftritte pflegt, ist noch der Alte.

Autodiebstähle und Drogenerfahrungen

Im selben Jahr wie The Kooks und zwei Jahre nach den Arctic Monkeys gründeten Kapranos, der in Deutschland aufgewachsene McCarthy und der Bassist Robert Hardy 2004 inmitten einer Postpunk- Britrock-Welle im schottischen Glasgow Franz Ferdinand. Sie präsentierten sich kühler, ironischer und skrupelloser als ihre Konkurrenz, umgaben sich mit Anekdoten und Gerüchten über Autodiebstähle und Drogenerfahrungen, und ihr erstes Album, eine tanzbare Mischung aus Synthie-Disko und handfestem Punkrock, wurde ein riesiger Erfolg. Dass man ihnen später attestierte, sie hätten den Indierock mitbegründet, beschäftigte sie nicht weiter. Für den Durchbruch waren alle Mittel recht.

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Musikvideo„Always Ascending“ von Franz Ferdinand

Es lief so lange gut, bis sich die Europäer am Britrock des neuen Jahrtausends sattgehört hatten. Bands wie „Hot Chip“, zu denen es sich sogar noch besser tanzen ließ, boten sich als Erneuerer an. Franz Ferdinand ließen sich Zeit und beschlossen dann, bei dem zu bleiben, was sie konnten. Sie veröffentlichten noch zwei Alben, für die sie mehr mit elektronischen Elementen experimentierten, die sonst aber eher einfallslos klangen. Die Zeiten der provokant-oberflächlichen Ohrwürmer waren vorbei.

Illusion des ewigen Steigens

Nun hätte sich mit der Neubesetzung etwas grundlegend Neues im Stil der Band bemerkbar machen können. So ist es aber nicht. Genauso wenig ließe sich sagen, dass Franz Ferdinand mit „Always Ascending“ zu ihrem Gründungsgedanken zurückkehren. Dafür haben sie sich nie weit genug von ihm entfernt. Worum geht es ihnen dann?

Vier Takte reichen, um sie wieder zu erkennen: Kapranos' spottender Bariton, der starre Schlagzeugbeat, die seltsam nichtssagenden, aber kraftvollen Instrumentalpassagen. Wieder sind es Songs zum Tanzen, dafür hat nicht nur die stellenweise chaotisch wirkende Tonsprache, sondern auch die Zusammenarbeit mit dem französischen House-Produzenten Philippe Zdar gesorgt. Titel und Name des ersten Songs nehmen Bezug auf die Shepard-Skala, eine scheinbar unendlich ansteigende Tonleiter, die niemals an die Grenze des eigenen Hörens stößt: eine Illusion, wie sie gut in den Franz Ferdinand-Kosmos passt.

Der Titelsong „Always Ascending“ macht musikalisch wie textlich nicht nur ausgiebig Gebrauch von dieser Referenz, sondern klingt auch wieder hoffnungslos nach alten Indie-Zeiten: ein hymnischer Einstieg, ein hauchender Chor, dann ein ohrwurmtauglicher Refrain. „Always Ascending“ setzt den Ton für das Album: Vergnüglich und unterhaltsam und voller kleiner satirischer Spitzen. Worum es wirklich geht, lässt sich in einem Lied, aus dem die Zeilen „Bring me a cup, but bring me water, yeah, bring me water“ stammen, nur erahnen. „Put your ladder down“, singt Kapranos, und später: „Talk to me“. Kritik an einer auf Leistung optimierten Gesellschaft, am vergeblichen Streben nach oben („Don't be concerned, it's just the way that gravity works round here“) und der großen Sprachlosigkeit, die sich daraus ergibt?

Tanzmusik mit halbherziger Sozialkritik

Who cares? Von der Vielschichtigkeit ihrer Texte war Franz Ferdinands Erfolg nie abhängig. Bewusst setzten sie sich von den sinnsuchenden Lyrics anderer Indiebands ab. Das hatte pointierte Zeilen zur Folge, die hängen blieben („I say, don’t you know, you say, you don’t know“), aber auch irritierende („Oh no, you girls'll never know, no you girls never know“), oder einfach dämliche, so wie in „Lazy Boy“ auf dem aktuellen Album: „I’m a lazy boy, yes, a lazy boy, lazy in the evening boy”. Aber all das konnten sie unter feiner britischer Satire verbuchen. Denn schließlich, verkündeten die Bandmitglieder immer wieder, ging es nur immer darum, Tanzmusik zu machen.

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Musikvideo„Feel The Love Go“ von Franz Ferdinand

Schwerer zu verzeihen ist gerade angesichts dieser Reputation die halbherzige Sozialkritik, die „Always Ascending“ anzubieten hat. „Glimpse of Love” amüsiert sich so unumwunden über die Generation Tinder, dass der Refrain „I need love, so someone better bring me a photographer” wie bloße Häme klingt. Dazu ein verwirrendes Durcheinander von Rhythmen, Referenzen und Stilen. „Academy Award“ handelt von Selbstdarstellung im Netz („We're starring in the movies of our lives“), und auch hier scheint es ratsam, nicht allzu aufmerksam auf den Text zu hören.

Das Album ist an den Stellen gelungen, an denen die Band nicht mehr wollte, als sie kann: Bei „Feel The Love Go“ zum Beispiel, wo Synthesizer, Saxophon und Kapranos‘ Stimme eine schmeichelhafte Verbindung eingehen und der Refrain gerade so sehr an einen zwölf Jahre alten Song erinnert, dass ein wenig Nostalgie aufkommt. Oder bei „Paper Cages“, einem kleinen Funksong, der mit elektronischen Elementen experimentiert und sich bei Johnny Cash bedient.

Nun waren die Bandmitglieder von Franz Ferdinand schon in ihren Anfangsjahren nicht mehr im jugendlichen Sturm-und-Drang-Alter, sondern um die 30. Sie entschieden früh, dass sie sich nicht mit jedem Album neu erfinden müssen, um gute Musik zu machen. Das ist durchaus konsequent, und es ist die sichere Variante. Mit dieser Strategie der Kontinuität füllen erfolgreiche Rockbands seit Jahrzehnten Stadien. Die Fans der Killers hätten gern auch auf Radioschlager wie „Human“ verzichtet. Aber ein Problem bleibt: Die Musik der Band passt nicht ohne weiteres in andere Zeiten. Sie klingt schon jetzt nach einer fremd gewordenen Vergangenheit.

Dass Franz Ferdinand auf ihrem fünften Album vor allem ihren Spaß haben, lässt sich anerkennen. Es passt zu ihnen. Wenn dieser Funke auch überspringen würde, wäre es eine der Neuerscheinungen, die man in diesem Jahr gehört haben sollte. So bleibt es bei einer immerwährenden Illusion: Always ascending eben.

Franz Ferdinand: „Always Ascending“. Domino Records

Konzerte am 1. März in Hamburg, am 5. März in Köln, am 7. März in Berlin und am 12. März in München.

Quelle: FAZ.NET
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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