Album der Woche

Es ist Chaos, aber es funktioniert

Von Florian Kölsch
 - 16:05

Was tun, wenn deine Freunde plötzlich weg sind? Das fragte sich Chris Taylor, Bassist der Independent-Rockband Grizzly Bear, vor zwei, drei Jahren – und er wusste, er muss etwas unternehmen. Er wollte wieder mit seinen alten Kumpanen musizieren. Doch das war schwieriger als gedacht: Sänger Ed Droste ist umgezogen nach L.A. und wollte sogar schon aus der Musikszene aussteigen. Auch Drummer Chris Bear und Gitarrist/Sänger Daniel Rossen waren in anderen Projekten beschäftigt, lebten zudem ebenfalls nicht mehr in Brooklyn – jenem Ort, an dem die Formation einst gegründet wurde.

Doch Not macht erfinderisch: Taylor hatte die Idee, den Arbeitsprozess einfach über das Internet laufen zu lassen. Über eine Cloud konnten alle Mitglieder ihre Songideen hochladen, es sollte ein moderner Ersatz für das gemeinsame Jammen sein. Das war dann allerdings weniger produktiv als erwartet, weswegen sich das Quartett doch wieder im Studio zusammenfand. Taylor hat dann doch sein Ziel erreicht – man hatte sich wieder.

Da Grizzly Bear in den vergangenen Jahren mehrere einschlägige Alben des Genres – darunter „Veckatimest“ (2009) – abgeliefert haben, waren die vier Musiker in der komfortablen Situation, nicht viel an der eigenen Rezeptur verändern zu müssen. Sie haben es dann aber ganz fein getan: Die bekannten Songkonzepte wurden angereichert, beispielsweise durch die Einbringung elektronischer Klangelemente, wie in der Single „Three Rings“. Eine nur kleine Veränderung, aber eine große Veredlung. Fünf Jahre nach dem letzten Album, „Shields“, auf dem schon eine sehr deutliche Hinwendung zum Pop stattfand (man höre: „Yet Again“), ist das Quartett nun auch auf „Painted Ruins“ nicht abgeneigt, zugänglicher zu klingen.

Paradebeispiel hierfür ist die zweite Single „Mourning Sound“, ein sich angenehm anschleichender, treibender Pop-Song mit wunderschönem Refrain und beachtlichem Hitpotential. Darauf wechseln sich die beiden Hauptsongwriter der Band, Daniel Rossen und Ed Droste, im Gesang ab. Die beiden liefern sich auf dem Album auch wieder ein Wettbieten um das beste Lied: Es ist eine Partnerschaft von Lennon/McCartneyschem Ausmaß, bei der man nicht entscheiden mag, wer die Nase vorne hat. Ein starker Anwärter immerhin ist Daniel Rossens „Four Cypresses“ – auch, weil es textlich einen Schlüssel bereithält. Das sehr subtil mit einer Snare Drum und einem dezenten Basslauf beginnende Indie-Folkstück entwickelt sich zu einem psychedelischen Rocker mit einem ausufernden Finale, in dem die komplette Band einsetzt. In einer Zeile schildert Rossen gewissermaßen auch die Arbeit der Band am Album: „It’s chaos, but it works“, wiederholt er mehrfach.

Obwohl der Arbeitsprozess anfänglich noch sehr fragmentiert war, wirkt die Platte sehr kohärent: Zwar bilden die Songs von Rossen und Droste den üblichen Kontrast, doch ist dieser Abwechslungsreichtum eher von Vorteil: Das Album wirkt farbenfroh, auf einen Pop-Jam wie die Droste-Komposition „Losing All Sense“ folgt dann ein rockigerer Track wie „Aquarium“, bei dem Songwriter Daniel Rossen sein unvergleichlich eigenwilliges Gitarrenspiel ausleben kann.

Die Produktion von Chris Taylor, der auch schon für die drei vorhergehenden Alben verantwortlich war, überzieht das Ganze mit einem charakteristischen Guss: Alles wirkt natürlich, der Sound ist warm, sommerlich und einladend. Langjährige Fans werden auf „Painted Ruins“ sogar noch eine Überraschung erleben, denn das Album bietet den ersten Song, der ohne Beteiligung von Rossen und/oder Droste geschrieben wurde: „Systole“ stammt aus der Feder von Chris Taylor, und er übernimmt zusätzlich auch gleich den Gesang: eine schöne Anomalie, die den demokratischen Grundgedanken der Band gut widerspiegelt.

„Painted Ruins“ liefert weiterhin die wunderbar schönen Harmonien, die man von Grizzly Bear seit Jahren kennt. Die Brüche und das Vertrackte sind zwar weniger geworden seit „Yellow House“ und „Veckatimest“, eben jenen einschlägigen Alben aus den nuller Jahren, die Grizzly Bear als eine der zentralen Bands der „New Weird America“-Bewegung um Acts wie Animal Collective oder Joanna Newsom etablierten. Doch das schrittweise Verschwinden der seltsamen, neo-psychedelischen Anteile zugunsten einer zugänglicheren Musik schadet hier nicht der Qualität. Für die Band war es der logische Schritt, den poppigeren Sound von „Shields“ weiterzuentwickeln. Dabei wurden auch keineswegs die eigenen Wurzeln im Independent-Rock vergessen. Die Band hat sich – trotz des Wechsels vom langjährigen Independent-Label Warp Records zum Major-Giganten RCA – alles andere als selbst verkauft. Grizzly Bear bleibt sich selbst treu und ist meilenweit davon entfernt, dem Mainstream gefallen zu wollen.

Grizzly Bear: „Painted Ruins“. RCA (Sony)

Quelle: F.A.Z.
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