Album der Woche

Da lebt noch was im Beton

Von Kornelius Friz
 - 20:05

Trettmann schirmt sich ab: Mit Basecap und Sonnenbrille schützt er sich vor der Außenwelt. Seine Singstimme verzerrt er zudem so konsequent mit Autotune, bis er klingt wie ein fluffiger Cyborg. Dass seine Videos schwarzweiß gehalten sind, macht den „leidenschaftlichen Raver“ - so bezeichnet er sich selbst - noch unnahbarer. Auch das Cover seines aktuellen Albums „#DIY“ (Do It Yourself) ist in schwarzweiß. Doch anstatt auf der ersten Platte hinter seine Musik zurückzutreten, erzählt der im damaligen Karl-Marx-Stadt Gebürtige in zehn kurzen Tracks mit breiter Brust von seiner eigenen Geschichte.

Das Titeltstück „Grauer Beton" über seine Jugend im Wohngebiet Fritz Heckert, dem zweitgrößten Neubaugebiet der DDR, ist in seiner sprachlichen Einfachheit eine eindrückliche Hassliebeserklärung an die verlorene Heimat. Die Wohnung seiner Mutter in einem der oberen Stockwerke des längst zurückgebauten Wohnriegels war dem Teenager eine Insel in der Eintönigkeit. Dort konnte er dank der Höhe Westradio empfangen und kam so früh in Kontakt mit Musikern wie Stevie Wonder, Billie Holiday oder Aretha Franklin und mit allem, was die Amiga-Plattensammlung seiner Mutter hergab. Raffiniert, dass ausgerechnet historische Fotos des halbstarken Trettmanns und seiner Gang in schrillen Trainingsanzügen und Jeansjacken im Video zu „Grauer Beton“ etwas Farbe in die Betonwüste bringen.

Bald verbrachte Trettmann seine Jugend Breakdance tanzend unter dem gewaltigen Sockel des Karl-Marx-Monuments. Oft genug ist er in den Straßen seiner Heimatstadt selbst Opfer rechter Gewalt geworden. Umso beachtlicher ist, dass die Single über Chemnitz keine Heimatballade mit Rock-gegen-Rechts-Floskeln geworden ist: „Seelenfänger schleichen um den Block und / machen Geschäft mit der Hoffnung / Fast hinter jeder Tür lauert 'n Abgrund / Nur damit du weißt, wo ich herkomm'“. Sein Blick zurück dient auch dazu, den Peripherien der neuen Bundesländer heute nachzuspüren. Dass Trettmann Chemnitz längst hinter sich gelassen hat und zum Arbeiten selbst von der sächsischen Kreativ-Insel Leipzig „nach Berlin flieht“, liegt nicht nur daran, dass er selbst dort musikalisch „im eigenen Saft kocht“. Noch nie hat Trettmann so viele Demos besucht wie in den letzten Jahren - und das obwohl er auch zur Wendezeit gegen das Verbot seiner Mutter auf die Straßen ging: „Natürlich trüben die aktuellen Entwicklungen den Vibe.“

Nachwendegeschichte im deutschsprachigen Rap

In der deutschsprachigen Belletristik kann man sich mittlerweile kaum retten vor Vor- und Nachwendegeschichten (etwa „89/90“ von Peter Richter, „Kruso“ von Lutz Seiler oder „Als wir träumten“ von Clemens Meyer), die von in der DDR aufgewachsenen Männern mal nostalgisch, mal verklärend aus ihrer Erinnerung ins Fiktionale übertragen wurden. Dass Erzählungen wie diese auch im deutschsprachigen Rap funktionieren, war vor zehn Jahren ebenso wenig denkbar wie der Literaturnobelpreisträger beim Poetry Slam - selbst in dessen damaliger Blütezeit. Mittlerweile gelten Gangsterrapper wie Haftbefehl ausgerechnet wegen ihres babylonischen Kuddelmuddels und der mehrsprachigen Wortneuschöpfungen auch in den Feuilletons als große Lyriker. Nicht nur deshalb ist deutschsprachiger Rap nach seiner Kindheit in den Neunzigern (niedlich!) und der Jugendphase (aggro!) mittlerweile als erwachsen geworden.

Im Jahr 2006, „Als wir träumten“ lief gerade als Leipziger Streetmovie von Andreas Dresen lief in den gesamtdeutschen Kinos, nannte sich Trettmann noch Ronny Trettmann. Mit seinen Dancehallhits auf Sächsisch („Sommer ist für alle da!“) war er eher Persiflage denn ernsthafter Musiker. Über diese ersten Gehversuche als MC spricht der Homemade-Künstler heute nicht mehr. Ihn interessiert stattdessen alles Neue. Ebenso wie Chemnitz verblasst jene Ronny-Phase nun hinter der Erfolgswelle, die den Sänger trägt - auch weil er vom Hype um deutschsprachigen Cloudrap profitiert. Weder der goldenen Ära des HipHop, noch seiner Jugend in der DDR trauert Trettmann hinterher. „#DIY“ ist in seiner Machart also gegenwärtig wie kaum ein anderes HipHop-Album des Jahres. Sprachlich ist es - der Hashtag im Titel zeigt es an - auch vom elliptischen Twittersprech inspiriert.

Mit seinem Produktionsteam Kitschkrieg hat er seit 2016 drei Mixtapes veröffentlicht, jedes feiner gebaut als sein Vorgänger. Dazu kommen die EPs „Herb und Mango“ und „Palmen aus Plastik“ mit den Rappern Megaloh sowie Bonez MC und RAF Camora. „Plötzlich war es mega viel Zeug“, stellt Trettmann fest, „das ging einfach ratzfatz.“ Nicht nur die wolkigen KitschKrieg-Beats sind also nach Cloudrap-Art gebastelt. Auch die rasend schnelle Taktung, in der er Videos, Singles und Mixtapes ins Netz pustet, kennt man bisher nur von österreichischen Internet-Rappern wie Yung Hurn oder Money Boy.

Trettmann scheint selbst etwas überrascht zu sein, dass sein erste LP - seit Youtube und Spotify nicht mehr das wichtigste Veröffentlichungsformat - auch außerhalb der einschlägigen HipHop-Magazinen auf so großes Echo stößt. Tatsächlich sind weder sein obligatorisch in die Höhe gepitchter Sprechgesang („Wer außer mir Autotune sagt, ist ein Hater“), noch das prägnant knappe Storytelling einzigartig, doch die Leichtfüßigkeit, mit der er allein, ohne eines der großen Labels im Rücken, die Szene durchrüttelt, ist ungewöhnlich: „Nur noch mit der Fam, brauch' keine Helfer / Die Welt arschkalt, wird immer kälter", singt er im Intro zu „#DIY“ . Statt mit dem Distinktionsgehabe des gemeinen Gangsters fällt Trettmann durch seine Herzlichkeit auf. Als Familie bezeichnet er dabei nicht nur die halbe Hiphop-Elite Deutschlands, mit der er schon zusammengearbeitet hat (allein auf diesem Album Marteria, Gzuz, Hayiti etc.), sondern etwa auch die Reggae-Künstler Jamaikas.

Anfang der Neunziger war er erstmals auf der karibischen Insel. Seine Leidenschaft für die dortigen Dancehall-Beats hat er seitdem nicht abgelegt und lässt auch auf „#DIY“ einen Hauch Karibik zu, jedoch ohne jemals nach Culcha Candela, „Despacito“ oder dem alten Ronny Trettmann (angelehnt an den karibischen Dreadman) zu klingen. Jedenfalls ist der Künstler alles andere als inselbegabt: Mit dem winzigen Produktionsteam von KitschKrieg gestaltet er alles selbst: die Videos, Fotos, Partys, Öffentlichkeitsarbeit, bis hin zu den T-Shirts: Das Programm wurde mit dem Album „#DIY“ zum Namen. Wenn die Tour vorbei ist, geht es wieder nach Jamaika, wohin er es seit einem Jahrzehnt nicht mehr geschafft hat. Dass Trettmann noch Zeit hat, seine Premium-Boxen selbst zu packen, wenn er von der Insel zurückkommt, ist unwahrscheinlich. Bescheiden feiert er auf dem Track „Knöcheltief“ seinen Status als Star der Stunde: „Kein' Plan, wie das hier anfing / doch Gott sei Dank, dass wir da sind."

Trettmann: „#DIY“. SoulForce Records.

Quelle: FAZ.NET
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