Pop und Politik

Mit Rechten singen

Von Tobias Rüther
 - 07:33
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Am Mittwoch dieser Woche ist der englische Popmusiker Morrissey in Berlin aufgetreten, in einem Club vor ein paar hundert Leuten. Es war ein Konzert für den Sender Arte, der es am Tag danach im Netz übertrug, irgendwann wird es auch im Fernsehen ausgestrahlt: Eine Stunde lang spielte Morrissey vor allem Songs aus seinem neuen Album „Low in High-School“, das Mitte November erscheinen soll und das, wie noch jedes Album des ehemaligen Sängers der weltweit angebeteten Band The Smiths, wieder ein Ereignis sein wird: Weil, je länger es diese Smiths schon nicht mehr gibt, die Phantomschmerzen größer und größer werden; ihre letzte Platte, „Strangeways, Here We Come“, liegt in diesem Herbst schon dreißig Jahre zurück. Und zugleich ist da immer die Hoffnung auf wenigstens einen neuen Song von Morrissey, der mit den alten von den Smiths wie „Still Ill“ mithalten könnte. Oder auch nur mit den alten von Morrissey wie „Everyday Is Like Sunday“.

Diesmal aber ist die Lage kompliziert, komplizierter als je zuvor: Denn wir leben im Brexit, und Morrissey steht im Verdacht, dafür zu sein, weil er mal Sympathien für Nigel Farage geäußert hat, für den Demagogen und Spalter von der rechten Ukip-Partei, die entscheidend den Austritt der Briten aus der EU vorangetrieben hat.

Auch schon zu Zeiten der Smiths hatte Morrissey immer mal wieder mit dem Union Jack kokettiert; seine Texte sind voller Beschwörungen eines ominösen Olde England der umrankten Friedhofsmauern, überspannten Bibliothekarinnen und eines keuschen öffentlichen Nahverkehrs. Aber weil Morrissey gleichzeitig ein militanter Vegetarier ist und darüber singt („Meat Is Murder“, 1985) und die Monarchie abschaffen will und darüber singt („The Queen Is Dead“, 1986), legte man ihm seine weiße Englishness lange als Exzentrik aus: als eine im Ästhetischen gründende Position eines Spezialgeschmacksmenschen. Als Künstlergerede, das man nicht ganz ernst nehmen muss, weil die Wahrheit eines Kunstwerks doch im Kunstwerk liegt und nicht im Künstler, diese Trennung lernt man doch schon in der Schule. Und die Kunst der Smiths war die einer Emanzipation aus menschlichen Unzulänglichkeiten, der Triumph des Schüchternen über alles Blöde, das immer schon im Besitz der Dinge gewesen ist, und wofür haben wir die Popmusik denn, wenn nicht, um das Blöde zu bekämpfen?

Aber jetzt, Frühherbst 2017, hat Morrissey den sogenannten Bogen wohl überspannt: Bei einem Konzert für die BBC behauptete er Anfang dieses Monats zwischen zwei Songs, die Wahl des neuen Ukip-Vorsitzenden Henry Bolton sei geschoben gewesen, damit dessen Gegenkandidatin, die rechtsextreme und islamophobe Anne Marie Waters, nicht gewinnt. „It was very interesting to me to see Anne Marie Waters become the head of Ukip“, sagte Morrissey, „oh no, sorry, she didn’t. The voting was rigged. Sorry, I forgot.“ Damit bekannte er sich zwar weder zu der einen noch zum anderen oder gar zu Ukip, sondern setzte eine Verschwörungstheorie in die Welt.

Gleichzeitig erschien dann aber auch noch die erste Single von Morrisseys neuer Platte, „Spent the Day in Bed“, deren Refrain den Fall zu besiegeln scheint: „Stop watching the news“, singt Morrissey da nämlich, „because the news contrives to frighten you / To make you feel small and alone / To make you feel that your mind isn’t your own.“ Schau’ keine Nachrichten mehr, denn die denken sich was aus, um dir Angst zu machen, damit du dich klein und allein fühlst und als wärst du nicht im Besitz deiner geistigen Kräfte. Als sänge Morrissey die Kommentarspalten unter einem Bericht über Flüchtlinge. Oder Trumps Twitterfeed. Fake news!

Die Reaktionen auf die Sache mit Anne Marie Waters und diesen neuen Song waren dann deutlich: Der linksliberale „Guardian“ rief Johnny Marr, den Gitarristen der Smiths und ebenbürtigen, ehemaligen musikalischen Partner, dazu auf, Morrissey zu untersagen, die Smiths zu mögen: Das hatte Marr nämlich auch schon mal dem Tory-Premierminister und Smiths-Fan (und Brexisten) David Cameron untersagt. Morrisseys Verhältnis zur Presse war zwar immer angespannt, ähnlich wie das von Hillary Clinton, er fühlte sich falsch zitiert, missverstanden, vorgeführt, wenn er sagte, dass die Chinesen eine „Subspezies“ sind, oder wenn er sich beklagte, dass er auf dem Kontinent immer wisse, wo er sei, in Deutschland, in Frankreich, auf britischen Straßen aber nicht mehr, „je größer der Zustrom nach England“, hat er auch mal gesagt, „desto stärker schwindet die britische Identität“. Jetzt aber, nach der Ukip-Verschwörungstheorie und dem Fake-news-Songs, ist der Ton seiner Kritiker noch mal aggressiver geworden.

„Die unvergängliche Brillanz der Gitarrenriffs von Johnny Marr ist zum Teil dafür verantwortlich, dass wir die reaktionäre Nase vor unseren dämlichen Gesichtern nicht erkennen konnten“, schrieb zum Beispiel ein Kolumnist der „Irish Times“, was auch deswegen bedeutsam ist, weil Morrissey irische Wurzeln hat und die beschwört. „Das Spiel ist aus für Morrissey. Wir können nicht weiter so tun, als ob er nur maliziös alle Erwartungen an einen Popstar von heute untergräbt. Wir sollten ihm, um der alten Zeiten willen, den Gefallen tun und glauben, dass er es ernst meint, wenn er so redet.“ In seiner Autobiographie, 2013 erschienen, schrieb Morrissey einen erhellenden Satz: „Es ist oft eine Erleichterung, falsch zu liegen“ – ein Aphorismus, der viel über die Affekte eines Künstlers verrät, der Unverstandenheit und Außenseitertum zur Perfektion gebracht hat und damit weltberühmt wurde. Ein weltberühmter Außenseiter: Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, hier die Paradoxien aufzuzählen, die in so einer Karriere stecken.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Das Spiel ist aus für Morrissey, nicht nur Kritiker sagen das. Es gibt Fans, die Morrissey so geliebt haben, dass sie ihm seit Jahren quer durch Europa zu Konzerten gefolgt sind, die aber jetzt mit ihm gebrochen haben. Und nichts mehr von ihm wissen wollen. Oder zumindest schwanken. Am Mittwoch, in Berlin, waren ein paar dieser Schwankenden offenbar im Publikum. Morrissey ließ hier und da zwischen den Songs einen Satz fallen, „Good old England“, sagte er zum Beispiel, „always behind me – with a shot gun!“, typisch für seine Selbststilisierung. Aber er äußerte sich sonst nicht, was die Spannung spürbar steigen ließ, bis sie sich nach einer Dreiviertelstunde in einer Kette von Missverständnissen kurz entlud.

Gustavo Mansur, sein amerikanischer Keyboarder, sang den Refrain von Morrisseys „World Peace Is None of Your Business“ zuletzt allein auf Spanisch, seine Mutter stammt aus Ecuador, sein Vater aus Kolumbien. Der Jubel war groß, worauf Morrissey „wir haben hier Leute aus Katalonien“ sagte, und was auch immer das nun heißen sollte, plötzlich sang jemand „free, free, set them free“ im Publikum, eine Frau rief „fuck Trump, fuck the Nazis“, was Morrissey wiederum nicht richtig verstand, „was willst du uns sagen?“, fragte er, „du kannst es jetzt noch mal sagen, wir können dich alle hören“, worauf andere Leute „we love you“ riefen und Morrissey „nein, das habe ich nicht gemeint, jemand hat etwas sehr Provokantes gesagt“ antwortete und dann die Frau ans Mikro holte, die vorher „fuck Trump“ gerufen hatte, und die jetzt, laut und deutlich, „fuck AfD, the Nazis in Germany, Nazis fuck off, racists fuck off“ schrie, worauf jemand anderes „Antifascista“ brüllte und noch jemand anderes „fuck the Nazis“, „Nazis fuck off“ – Morrissey stand da, wischte sich den Schweiß mit einer koketten Morrisseygeste aus dem Nacken und sagte: „Anybody else?“ Gelächter.

Und dann bekam der Abend doch noch die Szene, die alle insgeheim erwartet oder wohl eher befürchtet hatten: „Mögt ihr Merkel?“, fragte Morrissey nämlich jetzt, und dann, in lauten Großbuchstaben: „Yes you do!“ Und dann wieder leise: „Tut nicht so rebellisch, ich kenne Leute wie euch, das ist alles gut und schön an einem Freitagabend, aber am Samstag – ein schöner Sessel, ein Kakao und ein gutes Buch . . .“ Danach sang er einfach weiter und ging schließlich ab, nach einer Stunde, mit dem Satz, er habe so viele Freunde, und wo auch immer sie hingingen, würden sie Barrieren einreißen.

In dieser Szene schien alles auf, was jetzt grad wirklich bei Morrissey auf dem Spiel steht: für seine Fans, die ihn mit Rufen nach der „Antifascista!“ zu einem Bekenntnis bewegen wollten, kein Nazi zu sein, was Morrissey nicht mitmachte – aber eben auch für Morrissey, für den es offenbar nur ein Entweder-oder Merkel gibt. Als wäre die Lage nicht viel komplizierter, als gäbe es nicht wie bei jeder komplizierten Lage viele Antworten auf sie.

Aber für den Komplexsänger Morrissey offenbar nicht. Dass er sich auf Zuruf nicht zum Antifaschismus bekennen will, was unter Popstars für eine Mark fünfzig an jeder Ecke zu haben ist, das ist nicht das Problem: sondern dass Morrissey, der poet laureate der Widersprüchlichkeiten und des Unverstandenseins, in der Politik offenbar nur schwarz oder weiß erkennt. Leave oder Remain. Als könnte er das, was er in der Kunst erkannt und unter die Leute gebracht hat, nicht in die Gegenwart retten. Als sei das vulgär. Aber auch das ist eine falsche Alternative, hier Kunst, dort Leben. Nicht wir haben ihn falsch verstanden, Morrissey hat seine eigene Kunst nicht verstanden.

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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