Album der Woche

Sich selbst ein Bein stellen, um laufen zu lernen

Von Alexander Müller
 - 12:51

Nervöse Schläge auf die Hi-Hat, gespenstische Synthesizerklänge, eine weitere beschissene Nacht, die in ein apokalyptisches Szenario mündet. Dann nehmen Bassgitarre und Schlagzeug Fahrt auf, während King Krule sprechsingt, röhrt und Galle spuckt; der Track verwandelt sich in einen Post-Punk-Albtraum, der abrupt endet. Das erleichterte Aufwachen bleibt indes aus. Krule veralbert mit seinem Namen „King Creole“, einen Film mit Elvis Presley in der Hauptrolle, der im Deutschen „Mein Leben ist der Rhythmus“ heißt.

Mit dem King hat Archy Marshall, so sein richtiger Name, wenig gemein. Er ist ein rothaariges, sommersprossiges Milchgesicht, gesegnet mit der Stimme eines versoffenen Crooners. Außerdem spielt er nur eine Gastrolle auf dem neuen Album von Mount Kimbie. Aber was für eine! „Blue Train Lines“ ist nicht nur der unbestrittene Höhepunkt von „Love What Survives“, der Song gehört auch zum Besten, was die Popmusik dieses Jahr hervorgebracht hat. Weil er packend ist, von sich steigernder Intensität, doch so gar nicht dem Schema F von Clubkultur oder Hitfabrik entspricht. Allein das dazugehörige Video, das sich einer historischen Figur bedient, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum anthropologischen Studienobjekt wurde, wirkt in seiner Kritik des kolonialen, kapitalistischen Blicks, der am Ende in allem den Profit sieht – Speerspitzen, die auf Ebay verhökert werden – reichlich aufgesetzt.

Der Qualität der Musik tut das keinen Abbruch. Sie markiert einen neuerlichen Wendepunkt in der Karriere von Mount Kimbie. Das 2008 gegründete, britische Duo, bestehend aus Dominic Maker und Kai Campos, die sich an der London South Bank University kennengelernt hatten, reüssierte in seinen Anfangstagen als Erneuerer des Dubstep. Es verlieh der elektronischen Tanzmusik durch Einflüsse aus R&B und Post-Rock neue Impulse und bekam alsbald das Etikett Post-Dubstep angeheftet. Davon jedoch distanzierten sich Mount Kimbie ein Stückweit mit ihrem zweiten Album, „Cold Spring Fault Less Youth“ (2013): weniger verhackstückte Gesangsspuren, weniger Field Recordings, mehr Melodie, mehr Selbstbeobachtung. Hauptsache, raus aus der Schublade, in die man sie gesteckt hatte. King Krule war damals übrigens bereits mit von der Partie.

Mehr Innerlichkeit war selten

„Love What Survives“ geht nun noch einen Schritt weiter. Man hatte sich vorgenommen, alte Erfolgsrezepte hinter sich zu lassen, sich also selbst ein Bein zu stellen, um wieder Laufen zu lernen. So entstand das Album in weiten Teilen auf zwei Vintage-Synthesizern, einem Korg MS-20 und einem Korg Delta. Beide hätten, so Campos, diese „punkige, schloddrige Qualität, die an Robert Wyatt erinnert“. Punkig und schloddrig klingt beim ersten Hören kaum etwas, dafür aber so maschinell wie beseelt, so krautrockig wie schwerblütig. Insbesondere für Letzteres ist der Gesang von James Blake – Freund, langjähriger Kollaborateur von Maker und Campos und ohnehin der Pop-Melancholiker vom Dienst – ein Garant. In „We Go Home Together“ erhebt er sich über schlierige, weiche Orgelklänge, ein zaghafter Versuch in Sachen Gospel, bruchstückhaft und unfertig, im Zuge dessen aber umso nahbarer: „And it’s the best it could’ve been / We go home together / To our innermost.“ Mehr Innerlichkeit war selten.

Ganz anders hingegen „Audition“, das ins Kraut schießt, detailverliebt und schillernd, während „SP12 Beat“ in weniger als drei Minuten beweist, dass das Leben von Mount Kimbie der Rhythmus ist. Oder „Marilyn“, ein Duett mit der Sängerin Mica Levi alias Micachu, das trotz des synthetischen Beats Wärme und Leichtigkeit ausstrahlt. In „You Look Certain (I’m Not So Sure)“ wiederum lassen Mount Kimbie ungeschlachte Gitarrenriffs kreisen, ohne auch nur den Verdacht aufkommen zu lassen, in die Nähe herkömmlicher Rockmusik zu geraten. So ist alles eine Spur daneben, alles, wie es nicht sein sollte, aber anders doch gar nicht ginge. Unheimlich gut.

Auf „Love What Survives“ schluchzen, jauchzen, tanzen die Maschinen, während der Mensch sich gehätschelt und umsorgt fühlt. Das Album ist extrem findig hinsichtlich der Instrumentierung und stilsicher, jedes Stück wirkt offen und geerdet. Trotz dieser Offenheit sind die Songs bis ins letzte Detail durchdacht und fein austariert. Die Melodien treffen von hinten durch den Kopf ins Herz, nehmen selten den einfachsten Weg, strahlen aber dennoch einen souveränen Pop-Appeal aus.

Schönheit muss nicht immer mit interesselosem Wohlgefallen einhergehen. Oft entsteht sie dort, wo die Widersprüche in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen: Ordnung und Chaos, Wärme und Kälte, Minimalismus und Opulenz. Ob Mount Kimbie mit diesem Drahtseilakt endgültig zu ihrem Sound gefunden haben, ist schwer zu sagen. Attraktiv an der Gruppe ist schließlich, dass sie sich nicht festlegen lässt, nicht festlegen will. Die stilistische Bandbreite ist enorm. Und so verweist die Musik von „Love What Survives“ indirekt auch darauf, was hätte sein können, was in Zukunft noch möglich wäre. Sie könnte jederzeit anders, ist aber so, wie sie ist, makellos. Das hört man gern.

Mount Kimbie: „Love What Survives“. Warp Records (Rough Trade)

Quelle: Faz.net
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