AC/DC-Gitarrist wird sechzig

Wie Angus Young einmal doch ein Interview gegeben hat

Von Edo Reents
 - 08:19

In seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Brüder Young - Alles über die Gründer von AC/DC“ klagt Jesse Fink über die Schwierigkeiten, mit den Herren ins Gespräch zu kommen: Alle Anfragen lehnten die schottischen Dickschädel ab, die das wohl durchschlagskräftigste Gitarristen-Duo der Rockgeschichte bilden.

Dass man sich an ihnen die Zähne ausbeißt, ist bekannt. Wann das Schweigekartell errichtet wurde, ist schwer zu sagen. Es muss jedenfalls mehr als fünfzehn Jahre her sein. Denn im Jahre 2000 habe ich einen dieser raren Brüder zu fassen gekriegt und sogar gesprochen - wenn „sprechen“ der richtige Ausdruck dafür ist.

Das Gespräch kam auf eine Weise zustande, die heute phantastisch anmutet: Es wurde mir von einem Kollegen, mit dem ich den Tourneeauftakt in Ostdeutschland besuchen wollte, aufgedrängt: „Frag unbedingt die Pressetante, ob wir die vorher interviewen können, das müssen wir unbedingt machen!“ Also rief ich die Pressedame von AC/DCs Plattenfirma an. Ich bekam sofort eine Zusage: „Ja, Angus Young steht vor dem Auftritt bereit.“ Mir war das nicht recht; zum einen, weil mir Malcolm lieber gewesen wäre als Angus, zum anderen bin ich der Meinung, dass es über Rockmusik sowieso nicht viel zu sagen gibt, schon gar nicht über die, die AC/DC machten.

Das war tatsächlich Angus Young

Warum musste Angus Young auch zusagen?! Hatten sie es plötzlich nötig, sich mit Journalisten abzugeben? Tatsächlich befand sich die Band damals in einer relativen (relativen!) Flautezeit. Das Album „Stiff Upper Lip“ zündete nicht so richtig, eine Tournee sollte es herausreißen, da konnte ein kleiner Zeitungsbericht nicht schaden.

Komischerweise schien es bei dem Interview keinen Haken zu geben, keine Frageliste, die man einreichen musste, keine Tabus, an die man auf keinen Fall rühren dürfe. Leider wurde mein Kollege im letzten Moment krank, so dass ich allein hinfahren musste. Das Problem war nur: Ich wusste gar nicht, was ich fragen sollte.

„Vielleicht werde ich ja auch noch krank“, dachte ich. Vergebens. Kerngesund fand ich mich an einem Samstagnachmittag in dem Hotel ein, in dem die Musiker Station machten, und wartete. Schon nach kurzer Zeit kam ein winzig kleines Männlein zur Tür herein, die schütteren Haare in Unordnung; offenbar kam es gerade aus dem Bett. Zerstreut gab es mir, das zerknautschte Gesicht halb abgewandt, die Hand und murmelte mit unglaublich tiefer Stimme etwas, das ich für eine Begrüßung hielt. Mein Gott, das war tatsächlich Angus Young. Ich war schweißnass.

Er trinkt ja nicht

Zuerst erzählte ich ihm davon, wie wir - ich und meine Freunde (der Esel nennt sich selbst immer zuerst) - den Huckepack-Rock in der Schule nachmachten, den er, Angus Young, erst mit Bon Scott, dann mit dem Nachfolge-Sänger Brian Johnson, so großartig auf der Bühne praktizierte. Dabei sei mir, da ich, wie er, Angus Young, unschwer sehe, selbst etwas kurz geraten sei, naturgemäß der Part des Reiters, also quasi seine, Angus Youngs, Rolle zugefallen. Auf diesen plumpen Vereinnahmungsversuch fiel der Gitarrist natürlich nicht herein. Er schwieg. Und ich wusste: Diese eine Stunde, die man mir sagenhafterweise genehmigt hatte, wird lang. Angus Young vertrieb sie sich mit fast einer ganzen Schachtel Zigaretten und wohl einem Liter Kaffee. Alkohol, das wusste ich noch aus der „Bravo“, rührte er nicht an.

Um Zeit zu schinden, berichtete ich, wie ich im Herbst 1980 von meiner ostfriesischen Schule aus einen Bus beim örtlichen Reiseunternehmen chartern wollte, um das Bremer Konzert zu besuchen. Leider habe sich auf den Aushang am Schwarzen Brett hin aber nur ein einziger Mitschüler gemeldet, so dass die Sache ins Wasser gefallen sei. Tja, fügte ich unmotiviert hinzu, und jetzt sitze ich hier und dürfe mit ihm, Angus Young höchstpersönlich, reden. Angus Young lächelte.

Ich muss ohnmächtig geworden sein

Und dann stellte ich die einzige Frage, die ich mir zurechtgelegt hatte: Ob er nicht auch meine, dass Bon Scott (über dessen Tod ich bis heute nicht richtig hinweggekommen bin) der einzig wahre Sänger sei? Nichts gegen Brian Johnson, der seine Sache ja mehr als gut mache, aber an Bon Scott komme er nicht heran, oder? Hier machte der Musiker ein überraschendes Zugeständnis: „Well“, sagte Angus Young gedehnt und nahm einen Zug von seiner Zigarette, „Brian does his best.“ Ja, sagte ich, aber das Beste sei manchmal nicht gut genug, jedenfalls nicht für eine Band wie AC/DC.

An den Rest kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich muss ohnmächtig geworden sein oder so etwas. Jedenfalls stellte ich keine einzige vernünftige Frage, zum Beispiel zur neuen Platte, zu seinem Gitarrenspiel oder zum großen Vorbild Chuck Berry; noch nicht einmal die Idiotenfrage, wie es ihm denn in Deutschland so gefalle, fiel mir ein. Nichts. Nur eines weiß ich noch: Zum Abschied murmelte Angus Young: „God bless you.“ Das sei interessant, sagte ich, plötzlich mutig geworden. Er, der ja gewissermaßen der Teufel in Person sei, wenn auch nur einer in Schuluniform, glaube demnach an Gott? Da wäre es mir natürlich am liebsten, wenn er mich jetzt noch schnell segnen wollte. Über diese Frechheit ging er souverän hinweg.

Auch schwierige Splittertöne

Das war alles. Zu sagen, dass ich aus diesem schweigsamen Menschen sonderlich viel herausbekommen hätte, wäre übertrieben; und in dem Zeitungsbericht, den ich über das Konzert verfasste, habe ich diese peinliche Begegnung nur am Rande erwähnt. Heute, wo ich weiß, wie schwer an die Brüder heranzukommen ist, ärgert mich das - das hätte damals gut und gerne der Start in eine Enthüllungsjournalistenkarriere sein können. Andererseits, sage ich mir, schlachte ich das Privatleben eines Superstars eben nicht aus, bloß um persönlich weiterzukommen. Eines bleibt richtig: Ich habe mit einem der berühmtesten Rockgitarristen aller Zeiten gesprochen, wenn auch eher unfreiwillig.

Jetzt, zu seinem Geburtstag, geht mir das alles wieder durch den Kopf. Was findet man, nach so vielen Jahren, noch an dieser Musik? Ich persönlich habe auf den Gesang des unsterblichen Bon Scott und auf Malcolm Youngs Rhythmusgitarre immer am meisten Wert gelegt, auch wenn ich anfangs gar nicht genau unterscheiden konnte, wer was spielt - zu sehr sind vor allem die Brüder ineinander verzahnt. Malcolms brutale Gretsch-Akkorde gehören zum Machtvollsten, was es überhaupt gibt, während Angus seiner dunkelroten Gibson SG Jaulereien entlockt, die sich eher langsam die Tonleiter hocharbeiten, obwohl er auch schwierigere Splittertöne beherrscht. Dass er sein Instrument, anders als mancher Kollege, nie allzu verzerrt einstellen lässt, ist Teil seiner vielgerühmten Ehrlichkeit: Er mogelt nicht; das, was man hört, das kann er auch.

Er könnte, wenn er wollte, doch warum sollte er?

Er hat aber in den mehr als vierzig Jahren, die es die Band gibt, nichts dazugelernt - er war früh perfekt, wie seine Solistenarbeit auf den ersten beiden AC/DC-Platten von 1975 (jeweils in der australischen Ausgabe) zeigt: Man höre ihn nur, wie er sich auf Liedern wie „Live Wire“ oder „Baby, Please Don’t Go“ von Malcolms Klangteppich mit scharfkantigen und doch hochmelodiösen Tönen wieselflink abhebt - besser kann Eric Clapton das wahrscheinlich auch nicht.

Es ist viel gemutmaßt worden über die Beschränktheit des AC/DC-Stils, für den heute, nach Malcolms krankheitsbedingtem Ausscheiden, Angus als letztes Mitglied, das ununterbrochen dabei ist, allein steht. Aus seinem Umfeld hieß es unlängst wieder, er könne, wenn er wolle, auch „verdammt cleveren Jazz“ spielen. Ich würde da nicht allzu hoch wetten; und selbst wenn er es könnte - wieso sollte er? Er ist ja nicht Pat Metheny.

Wohl ewig dieses Kellerkind

Schon mancher Rockkritiker hat die Young-Brüder in die Trümmer des Glasgower Elendsviertels zurückverflucht, unter denen sie einst hervorgekrochen sind, insbesondere Angus Young, diese „atomare Mikrobe“, wie ihn die heimische Plattenfirma Albert Productions einmal nannte. Heute bewundert alle Welt die Sturheit und Zähigkeit der Youngs, und man hält sie entweder für besonders dumm oder für besonders intelligent. Sieht man, wie weit sie es als Sprösslinge einer praktisch mittellosen Einwandererfamilie von Australien aus in der Welt gebracht, wie viele Platten sie verkauft und welche Reichtümer sie angehäuft haben müssen, neigt man dazu, sie für gerissen zu halten. Aber um Intelligenz geht es gar nicht. „Denken“, sagt Malcolm McDowell als Alec in „Uhrwerk Orange“, „ist etwas für Bekloppte. Wahre Genies lassen sich von Inspirationen leiten.“

Das hätte auch von dem Kobold sein können, der die Geschicke dieser einzigartigen Band nun allein in der Hand hat und wohl bis in alle Ewigkeit dieses Kellerkind bleiben wird, das sich in seiner Schuluniform auf der Bühne wie ein Verrückter aufführt, kopfwackelnd und mit offenem Mund, dabei wie ein Karpfen nach Luft schnappend. „Rock“, sagte einst Pete Townshend, „ist etwas für überdrehte Kinder, und nur bei ihnen funktioniert er.“ An diesem Dienstag wird Angus McKinnon Young, dieses größte Kind aller Zeiten, sechzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
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