Zum Tod von Rick Hall

Aus Schande zum Ruhm

Von Edo Reents
 - 14:47

Dass zu Beginn der sechziger Jahre ausgerechnet im hochsegregierten Alabama ein Stil entstand, der eine nicht nur stilistisch, sondern auch soziologisch einwandfreie Synthese aus Schwarz und Weiß darstellte, gehört zu den Wundern der Musikgeschichte. Der nach dem gleichnamigen Städtchen benannte Muscle Shoals Sound, war, neben dem Memphis Sound, die tragende Säule des Südstaaten-Soul, der in seiner Gesamtheit den Antipoden zu Motown bildete und trotz seinem Mangel an produktionstechnischer Glättung auch kommerziell einträglich war, freilich nicht so sehr wie die Konkurrenz aus Detroit.

Rick Hall war gleichsam der Erfinder dieses Klangs, der noch gröber, erdiger und insgesamt kräftiger anmutete als der aus Memphis. Er hatte sich in Muscle Shoals gerade sein FAME-Studio (für Florence Alabama Music Enterprises) zusammengezimmert, in dem die erstklassigen Session-Musiker auf ihren ersten großen Auftrag warteten, der sie in Gestalt des schwarzen Country-Aficionados Arthur Alexander Ende 1961 ereilte. Alexander hatte die Eigenkomposition „You Better Move On“ dabei, die wenige Jahre später von den Rolling Stones zur eigentlichen Entfaltung gebracht werden sollte, und im Handumdrehen hatte man das gute Stück im Kasten.

Produzent Hall baute von den 10.000 Dollar, die er phänomenalerweise damit verdiente, sein Studio am nämlichen Ort gehörig aus und konnte irgendwann von den Plattentantiemen leben, während Arthur Alexander diesen Coup weniger zu nutzen wusste und vom ortsüblichen Rassismus bald in die Flucht geschlagen wurde.

Nach einem Tag musste Aretha Franklin abreisen

Die FAME-Studios waren rasch eine begehrte Aufnahmestätte, die 1967 Epoche machte, als Atlantic-Vizepräsident Jerry Wexler dort einen Schützling namens Aretha Franklin vorbeischickte. Die Einspielung von „I Never Loved a Man (The Way I Love You)“ gilt als die Geburt des modernen Soul, in den gospelhafte Tiefe ausdrücklich mit einbezogen war und der mit relativ harter, lastender Instrumentierung eine hohe Durchschlagskraft hatte. Über diese Titel-Single zur gleichnamigen Platte kam man allerdings nicht hinaus, Aretha Franklins Ehemann hatte sich vom hinterwäldlerischen Rauhbein Hall zu einem Faustkampf provozieren lassen, anderntags reiste man ab.

Rick Hall hatte dafür andere Pferde im Stall, vorzugsweise Atlantic-Stars, die, vorzüglich betreut, in Muscle Shoals ihre besten Platten aufnahmen, allen voran Wilson Pickett, dazu stilistisch verwandte Interpreten wie Clarence Carter, Arthur Conley, Percy Sledge und Etta James.

Es spricht für die Integrationsleistung des Soul

Der Atlantic-Mann Wexler wollte Hall entmachten, biss aber auf Granit – um dann ein Schisma zu betreiben: Als die geniale Muscle-Shoals-Rhythmussektion, inzwischen bestehend aus Barry Beckett (Keyboards), Roger Hawkins (Schlagzeug), Jimmy Johnson (Gitarre) und David Hood (Bass), gegen ihren als diktatorisch empfundenen Hausvater rebellierte, gab Wexler den Musikern Geld, mit dem sie sich ihr eigenes Haus bauten, das Muscle Shoals Sound Studio in Sheffield, Alabama, das FAME als Heimstatt des Südstaaten-Soul ablöste, nachdem Hall sich flacheren Stilrichtungen mit Nähe zum Easy Listening zugewandt hatte.

Hall blieb über all die Jahre eine Schlüsselfigur im Süden, wie in dem Dokumentarfilm „Muscle Shoals“ (2013) zu sehen und in seiner Autobiographie „The Man From Muscle Shoals: My Journey From Shame To Fame“ (2015) zu lesen ist. Das Kind bettelarmer Farmpächter aus Mississippi, das nie Manieren beigebracht bekam, blieb eine große Nummer, und es spricht für die Integrationsleistung des Soul, dass jemand wie dieser Mann es darin so weit brachte und so viele Musiker inspirierte. Nun ist Roe Erister „Rick“ Hall, dieser wahrhaft große Produzent, in Muscle Shoals fünfundachtzigjährig gestorben.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAretha FranklinAlabamaMemphisRolling Stones