BAP spielt vor

Heimkehr in die Fremde

Von Andreas Platthaus, Essen
 - 19:25
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Sie begleiten seit beinahe dreißig Jahren mein Leben. Das war im Rheinland meiner Schulzeit gar nicht zu verhindern. Aber später habe ich diese Untermalung auch immer wieder gesucht, und einige meiner pathetischsten ästhetischen Erfahrungen verdanken sich Konzerten von BAP. Jenem in der längst verschwundenen Kölner Sporthalle etwa, an dem Tag, als amerikanische Flugzeuge 1986 Libyen bombardiert hatten und das Auditorium auf Wunsch der Band für eine Viertelstunde strikte Stille wahrte.

Und jenem fünf Jahre danach gleichfalls in Köln, im E-Werk, wo „Affrocke“ aufgenommen wurde. Oder jenem allerschönsten in der Dortmunder Westfalenhalle, als sich der ganze Innenraum spontan auf den Boden setzte, um „Do kanns zaubere“ so zu hören, wie es den besten Liedern der Band gebührt: in familiärer Atmosphäre - und das bei siebzehntausend Zuhörern.

Die Klangwellen decken den Rest zu

Deshalb stellen BAP ihr neues Album in „ihrem Wohnzimmer“ vor, wie Wolfgang Niedecken, einziges konstantes Element des Dritteljahrhunderts Bandgeschichte, die Essener Lichtburg nennt - jenes Kino, in dem Wim Wenders vor acht Jahren sein BAP-Filmporträt „Viel passiert“ gedreht hat.

Seitdem ist der gewaltige Saal, ein Traum in Plüsch und Gold, mustergültig renoviert worden, aber der Akustik für ein Konzert hat das nichts genutzt: Immer, wenn Bass und Schlagzeug die Fundamente der Musik legen, wabern die Klangwellen, als wären sie einem Schleudergang ausgesetzt, und decken den Rest zu. Macht nichts - Niedecken singt ja auf Kölsch, und da Essen auch bei größter Toleranz nicht als unmittelbarer Nachbar gelten darf, hat Textverständlichkeit keine Priorität.

Unprätentiöse Heimkehr nach Essen

Trotzdem gilt der Auftritt in der Lichtburg als Heimkehr und soll auch keine Entscheidung gegen Köln sein, wie Niedecken vorsorglich zur Begrüßung betont. Die 1200 Besucher im seit Wochen ausverkauften Saal kenne er eh fast alle persönlich, denn die BAP-Gemeinde ist treu, und jeder Zuhörer wird mehr eigene Erinnerungen mitgebracht haben als Kenntnisse über das neue Werk namens „Radio Pandora“. Dadurch entfällt das sonst obligatorische Mitsingen: „So ist es, wenn man die Lieder nicht kennt“, spottet Niedecken. Wie aber ist es nun wirklich in diesem Konzert? Höchst bemerkenswert.

Denn die Vorstellung der Band ist unprätentiös, weil noch ohne jede Routine im Umgang mit den insgesamt zwanzig neuen Liedern. Sie sind bei „Radio Pandora“ auf zwei Platten verteilt: plugged und unplugged, also einmal im schweren Rockgewand und dann ganz intim-akustisch instrumentiert, wobei das dem Schwung der Kompositionen in beiden Fällen keinen Abbruch tut.

Hommage an Kerouac

Es ist die beste Platte von BAP seit etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, und das Vertrauen ins Songmaterial ist so groß, dass sich gleich acht Stücke in zweifachen Arrangements finden. Einziger dramaturgischer Wermutstropfen des Konzerts: dass der Mut fehlt, auch auf der Bühne eines dieser Lieder zweimal zu spielen. Dafür ist es sehr mutig, kein einziges altes Stück zu bieten. Essen kann nunmehr von sich behaupten, BAP gehört zu haben, aber nicht „Verdamp lang her“.

Stattdessen ein Konzertauftakt, zu dem Niedecken vom Band Jack Kerouac vorliest, „On the Road“, auf Deutsch „Unterwegs“, und danach beginnt die Musik zu „Wat für e Booch“, einer rock'n'rollenden Hommage an das Hauptwerk der Beat-Literatur aus fünfzig Jahren Abstand. Niedecken ist Jahrgang 1951; im Jahre 1957 wird er es also nicht schon gelesen haben.

Von allen guten Geistern heimgesucht

Das Lied ist Rollenprosa, aber auch die hat es bei BAP immer gegeben, sei es in der Fernfahrerprosaik von „Frau, ich freu mich“, die nun in „Morje fröh doheim“ einen Nachfolger gefunden hat, der das Potential dazu hat, eine der ganz großen Hymnen der Band zu werden; oder dem von allen guten Geistern der Rockgeschichte heimgesuchten „Diego Paz wöhr nüngzehn“, einer nacherzählten Episode aus dem Falkland-Krieg von 1982. Diese beiden Lieder stehen am Schluss des Konzerts, vor einem kleinen Zugabenblock, der im einzigen Stück gipfelt, das nicht auf „Radio Pandora“ zu finden ist: „Money“ von Barrett Strong aus dem Jahr 1959.

Da hat der Klang mittlerweile zu sich gefunden, und die Leute stehen in den Sesselreihen. Vergessen, dass BAP zwischendurch bisweilen noch auf der Suche nach der endgültigen Bühnengestalt des neuen Repertoires waren. Der kleine Unplugged-Block in der Lichtburg zeichnet sich dadurch aus, dass die vierköpfige Saiten-Fraktion der Band auf Hockern am Bühnenrand Platz nimmt und Schlagzeuger Jürgen Zöller Pause machen darf.

Manches neue Lied hätte alte Meilensteine geziert

Doch warum just jene vier Lieder diese Intimisierung erfahren, erschließt sich dramaturgisch nicht, auch wenn die schöne lange Erzählung „Dä letzte Winter em letzte Kreech“ dabei ist. Dafür aber merkt man hier, dass die drei Bob-Dylan-Adaptionen und speziell „Señor“ zum Stärksten gehören, was „Radio Pandora“ zu bieten hat. In diesem Stück vor allem ist zu spüren, wie sich der mittlerweile auch schon ein Jahrzehnt zur Besetzung zählende Gitarrist Helmut Krumminga das alte BAP-Material anverwandelt hat - obwohl es in Essen ja gar nicht gespielt wird. Manches neue Lied aber hätte auch die alten Meilensteine geziert. Dass dadurch sowohl Nostalgiker wie junges Publikum beglückt werden, ist das erstaunlichste Phänomen einer phänomenalen Bandgeschichte.

Von November an, wenn BAP auf Tournee gehen - an bewährte Stätten wie Volkshaus Zürich, Große Freiheit in Hamburg, Jahrhunderthalle Frankfurt und mangels Sporthalle in der Heimat inzwischen die Kölnarena - werden es die gleiche Band sein, das gleiche Publikum und sogar zur Hälfte das gleiche Repertoire. Aber das Essener Konzert wird einmalig bleiben - wobei auch dieses Wohlgefühl danach eine Konstante im jahrzehntelangen Zusammenleben mit BAP ist.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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