Beatles-Vinyl-Box

Endlich eine Plattensammlung zum Angeben

Von Hans Zippert
 - 11:37

Das Wichtigste vorweg: Ja, Sie brauchen die Beatles-Mono-Box auf Vinyl! Sie brauchen Sie unbedingt. Selbst, wenn Sie schon die Stereobox und die Mono-CD-Kollektion haben sollten und die amerikanische CD-Box und die alten Mono-Pressungen. Die Mono-Box wird Ihre letzte Anschaffung sein, danach brauchen Sie nichts anderes mehr von den Beatles. Möglicherweise überhaupt keine anderen Platten mehr. Wir haben es schließlich mit so etwas wie der historisch kritischen Werkausgabe der bedeutendsten Musikgruppe aller Zeiten zu tun.

Dieser 8100 Gramm schwere Kasten kann als endgültiger Beweis dafür dienen, dass früher tatsächlich alles besser war. Auf jeden Fall waren die Beatles früher besser; aber erst heute, 44 Jahre nach ihrer Auflösung, kann man das wirklich hören.

Damit Ihnen die Bedeutung und das Gewicht dieses Werks von Anfang an klarwerden, dürfen Sie sich die Mono-Box auf keinen Fall von einem dieser übel beleumundeten Versandunternehmen ins Haus liefern lassen. Bestellen Sie die Mono-Box beim örtlichen Vinyl-Händler Ihres Vertrauens, und seien Sie überrascht, wie schwer und unhandlich der Karton tatsächlich ist, den Ihnen der Mann (es ist immer ein Mann) auf die Theke wuchtet.

Ich schleppte den Kasten zwei Kilometer weit vom Schallplattenladen bis zum Bahnhof, später noch zur S-Bahn und dann zum Bus. Obwohl es Mono-Aufnahmen waren, benutzte ich beide Arme, anders ging es einfach nicht.

George Martin hieß Rüdiger

Kommen wir zum unwichtigen Teil. Ich wollte eigentlich nie jemand anderes sein, nicht, weil ich besonders zufrieden mit mir war, sondern, weil ich mich mit mir halbwegs auskannte. Die Vorstellung, einen anderen darstellen zu müssen, auch wenn er schöner, reicher, erfolgreicher war, erschien mir beängstigend; aber eine Ausnahme gab es: Ich wäre gerne einer von den Beatles gewesen, egal, welcher. Gut, wenn ich jetzt die Wahl hätte, dann Paul oder Ringo, weil John und George sind ja schon tot. Mir ging es dabei nie um Ruhm, Reichtum und Erfolg; die hätte ich billigend in Kauf genommen. Mir wäre es um den ungeheuren Spaß gegangen, mit drei Kumpels die Popmusik zu erfinden, alles zum ersten Mal machen zu können. Das war kein besonders origineller Wunsch, irgendwann wollte jeder aus meiner Altersgruppe ein Beatle sein.

Die Beatles hatten echten Spaß, zwischen 1962 und 1968 vielleicht den größten, den man sich vorstellen kann. Die Rolling Stones hatten mit Sicherheit auch Spaß, aber nicht so guten oder sagen wir, er klang für mich nicht so gut. Wichtig ist übrigens, dass es neben den vier Freunden noch einen fünften gibt, der die Ideen, die unaufhörlich aus den Freunden heraussprudeln, auch umsetzt; vier Freunde brauchen immer einen George Martin. Ich habe das Beatles-Modell in meinem Leben zumindest einmal erfolgreich nachgestellt, aber mit den Freunden keine Musik, sondern eine Zeitschrift gemacht, und obwohl ich als Einziger eine Brille trug, war ich Paul, und unser George Martin hieß Rüdiger.

Der Beatles-Wahn ergriff mich relativ spät. Mein erster bewusst gehörter Song war „All You Need Is Love“, aber meine erste LP war merkwürdigerweise „Bridge Over Troubled Water“, die nur sehr wenig mit den Beatles zu tun hatte, dafür aber mit „So Long Frank Lloyd Wright“ ein Stück, das mir für einige Zeit zu denken gab. Ein Freund von mir war weitaus reifer und wünschte sich schon zu seinem zehnten Geburtstag „Sgt. Pepper“. Er bekam aber „Revolver“ in Mono, die er wutentbrannt entsorgte, sobald die dafür verantwortliche Tante das Haus verlassen hatte.

Mono in Weiß

Mono war Ende der sechziger Jahre so ungefähr das, was heute ein Faxgerät, ein Festnetztelefon oder vielleicht Windows XP sind; Mono war etwas, das man überwinden musste. Inzwischen ist Mono auf dem besten Wege, das neue Stereo zu werden. Obwohl die Beatles eigentlich immer an der Spitze der Bewegung standen, interessierten sie sich nicht wirklich für die Stereotechnik, sie lehnten sie anscheinend sogar ab. Die Beatles überwachten nur die Mono-Abmischungen und überließen die künstliche Kanalaufteilung meistens George Martin und den Technikern in den Abbey Road Studios.

John Lennon wird der Ausspruch zugeschrieben: „Wer Sgt. Pepper nicht in Mono gehört hat, der hat es gar nicht gehört.“ Er verzichtete darauf, dieses Dogma weiter zu erläutern, es könnte also auch ironisch gemeint gewesen sein. Dagegen spricht, dass dann tatsächlich noch das Weiße Album in Mono abgemischt wurde.

Im Alter von ungefähr zwölf Jahren fragte mich mein Sohn, ob ich ihm mal was von den Beatles vorspielen könne. Wir befanden uns bereits im einundzwanzigsten Jahrhundert, und der Sohn musste ein Referat halten. Zunächst war ich begeistert, wahrscheinlich so, wie es ein Vater eine Generation vorher gewesen wäre, wenn man ihn freiwillig nach seinen Kriegserlebnissen gefragt hätte. Ich wusste, dass ich mit dem richtigen Song alle entscheidenden Türen im Herzen meines Sohnes öffnen und alle Weichen für sein späteres Leben richtig stellen konnte. So hatten es die Beatles schließlich auch bei mir getan. Doch je mehr Beatles-Platten ich hörte, umso verzweifelter wurde ich, denn mir wurde klar, ich würde DEN Song nicht finden.

Die Aufnahmen klangen plötzlich alle dünn und blechern und konnten mit den fett produzierten Werken von Monster Magnet und Limp Bizkit, die meinem Sohn als musikalische Nahrung dienten, nicht im Geringsten mithalten. Ich suchte nach wuchtigen Nummern, deren Energie man sich als Zwölfjähriger nicht entziehen konnte, und wählte schließlich „Birthday“ vom Weißen Album als Einstiegsdroge, obwohl ich genau wusste, dass das Quatsch war. Der Sohn nahm den Song eher belustigt zur Kenntnis, sicher wurden auch Türen geöffnet und Weichen gestellt; aber wohin die führten, weiß ich bis heute nicht. Hätte es damals schon die Mono-Box gegeben, wäre die Geschichte anders ausgegangen.

Popgeschichte neu entdeckt

Denn hier klingt nun wirklich nichts mehr dünn und blechern, sondern alles kraftvoll, frisch und direkt. Ganz so, wie es Nik Cohn den Beatles attestierte: „Sie veränderten alles . . . und sie ließen die schlechte Luft zum Fenster raus.“ Mit den ersten Takten des ersten Songs der ersten LP „I Saw Her Standing There“ wird man direkt überwältigt, man begreift sofort, warum diese Musik so unwiderstehlich umwerfend und elektrisierend wirkte, auch weil sie leicht und unangestrengt gespielt wird. Ringo Starr hat seinen ersten Auftritt als Sänger in „Boys“ und erklärt dazu bei einem BBC-Auftritt: „Between you and me I think that’s the track that’s selling it.“ Selbst „Love Me Do“ klingt hier nicht mehr dürftig, sondern schlüssig.

Es herrscht alles in allem eine ungeheure Helligkeit und Schnelligkeit. Der längste Song dauert 2,55 Minuten, der kürzeste 1,44. In nur drei Jahren nehmen die Beatles sechs Alben mit 83 Stücken auf, plus sechzehn Titel, die nur als Single erscheinen. Und dann kamen noch „Revolver“, „Sgt. Pepper“, „Magical Mystery Tour“ und das Weiße Album. Und „Yellow Submarine“, „Let It Be“ und „Abbey Road“; aber die gab es dann nur in Stereo und spielen deshalb hier keine Rolle.

Die Songs der Beatles, so wie wir sie von den Platten kennen, sind immer endgültig, es gibt keine alternativen Takes, die wirklich überzeugender klingen, das konnte man auf den „Anthology“-CDs sehr gut hören, und soweit man weiß, gibt es auch keine wirklich wichtigen „verschollenen“ Werke, kein Great Lost Album. Trotzdem bleibt es der größte Wunsch jedes Beatles-Fans, unbekannte Stücke seiner Band zu entdecken - und diesen Wunsch erfüllt die Mono-Box.

„Mono was king“

Man kennt zwar alle Titel; aber man hat die Songs noch nie so gehört. Das ergibt 151 neue, bisher unveröffentlichte Beatles-Songs. Zählt man die Mono Masters dazu, kommt man auf 185. Wie klingt das nun genau? Sehr transparent und federnd, vor allem zentrierter, wie man es bei Mono auch erwarten sollte; denn da kommt die gesamte akustische Information aus einem Lautsprecher. Die Abmischungen erreichen eine erstaunliche räumliche Tiefe, die Produzenten sprechen von einem „beinahe dreidimensionalen Sound“. Man braucht dazu auch keine spezielle Mono-Ausrüstung. Die Überlegenheit des neuen Materials wird ohne weiteres auch mit einem Stereotonabnehmer deutlich.

Wir können davon ausgehen, dass die Beatles jetzt annähernd so klingen, wie die Beatles wollten, dass sie klingen sollten. Möglich machten das die genialen Aufnahmetechniker der damaligen Zeit, vor allem Harry Ross, der alle technischen Vorgänge bei den Aufnahmen akribisch dokumentiert hat. Seine Aufzeichnungen nutzten Sean Magee und Steve Berkowitz für die Produktion der Mono-Vinyl-Box. Sie arbeiteten ohne doppelten digitalen Boden, es gibt keine Nachbearbeitungen, es wurde nichts geglättet, als Quelle wurden ausschließlich die ursprünglichen Monobänder genutzt. Wie das genau vor sich ging, ist in dem gut hundertseitigen, selbstverständlich überwiegend schwarzweiß bebilderten Booklet nachzulesen, das der Box beiliegt - mit Sicherheit die wichtigste Buchveröffentlichung des verflossenen Jahres. Falls Sie selten zum Lesen kommen, beschränken Sie sich auf dieses Werk. „In the sixties, mono was king“, erklärt Autor Kevin Howlett und breitet den Glanz, die Größe und die Schönheit dieses Königtums vor uns aus.

Natürlich ist es nach der Lektüre seiner Beschreibung vollkommen unmöglich, ein halbwegs objektives Urteil abzugeben, wenn schon das Öffnen der Box einen in eine geradezu hysterische Stimmung treibt. Cover und Innenlabel sind originalgetreu reproduziert, keine Beilage wurde vergessen, die Platten sehen phantastisch aus, das Vinyl ist dick und glänzend. Befremdlich wirken zwei kleine Tütchen mit der Aufschrift „Do not eat. Throw away desiccant“. Man fragt sich unwillkürlich, aus welchem Beatles-Song diese Zeilen stammen, aber es handelt sich nur um Kieselsäure. Die hält die Mono-Box trocken, hilft aber nicht gegen feuchte Augen, die beim Auspacken und Anhören unwillkürlich entstehen.

Quelle: F.A.Z.
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