Bob Dylan in Mainz

Niemals soll der große Jahrmarkt enden

Von Rose-Maria Gropp
 - 16:16

Muss man sich das wirklich antun, im Mainzer Volkspark auf der Wiese herumstehen, um auf Bob Dylan zu warten? Der sowieso nicht guten Tag und nicht auf Wiedersehen sagen, sondern bloß da vorn auf der schwarzen Bühne seinen Dienst leisten wird, wie vielleicht hundert Mal in einem Jahr. Es gibt Leute, denen man vertraut, die haben gesagt: Man muss. Außerdem ist es ja schon schlimm genug, Johnny Cash nie lebend gesehen zu haben, den man - als ein Bob Dylan antrat, der Musik sein juvenil mädchenhaftes Gesicht samt seiner unerhörten Stimme für die kommende Ewigkeit aufzuprägen - nicht laut lieben durfte, wegen Verdachts auf schlechten Geschmack.

Als Cash dann, schon zutode müd, sein Alterswerk ablieferte, jaulten alle weidwund auf, getroffen von seiner Wucht. Doch der blutjunge Dylan durfte Cash verehren. Und jetzt ist der selbstsüchtige genialische unwiderstehliche Jüngling, wie im Handumdrehn, zu diesem erratischen dunklen Mann geworden. Nein, alt ist er nicht, und das macht ihn nur mysteriöser.

Die reine Lautmalerei

Gleich für den ersten Titel des Abends traktiert Dylan sein Keyboard so, dass keine Missverständnisse aufkommen können. Es ist Jahrmarkt, die Roadshow ist da, der song and dance man ist im Städtchen. Er entstellt „Rainy Day Woman #12 & 35“ nur ein klein wenig, schnappt nach jeder Zeile. Es ist diese seltsame Sache mit Dylan, dass man seine Songs oft nicht als Titel kennt, sondern aus einem tieferen Gedächtnis, das unautorisiert Sentenzen gespeichert hat. „Everybody must get stoned“ ist so eine. Alle müssen gesteinigt werden, und keiner hat inhaliert; so war das schon damals. Dylans unheilige Schrift kennt mehr als einen Sinn, schon vor fünfundvierzig Jahren, und kein bisschen tot ist diese Musik aus einer Ferne, in der gut die Hälfte der Leute im Park noch gar nicht auf der Welt war.

Bob Dylan hat etwas vom wandelnden Beweis für abenteuernde Theorie, deren Zeitgenosse er auch ist. „Ich werde einer gewesen sein“ - das Futur zwei, die aufregendste Form möglicher Sprache, scheint auf ihn gemünzt, in der das Ich versinkt in einem Zwischenraum, den, was weiß man schon füllen soll. Er ist eine gleißende Leerstelle, unterwegs auf einer never ending tour. Erst einmal in diesen Sog geraten, wird Verstehen eher nebensächlich. Seit es Popmusik gibt, existiert dieses Dauergeräusch im Ohr, das anfangs noch klare Worte artikulierte, dann zunehmend in einen Idiolekt mutiert, zum Singsang verschmilzt, zu reiner Lautmalerei.

Mit dem Gesicht eines dunklen Engels

Jedoch dieser Abend in Mainz unter freiem Himmel, der gegen alle Erwartung ganz trocken bleibt, als wär's ein Segen von oben, sieht einen Bob Dylan, der erstaunlich oft zu verstehen ist; als habe sich da gleichsam etwas aufgehellt in ihm selbst. Auch sein zweites Lied kommt so, „Don't Think Twice, It's All Right“, dieser alte böse narzisstische Abgesang auf eine nie begonnen habende Liebe. Dylan gauzt ihn regelrecht (obwohl ich weiß, dass lautmalerische Wörter im Zusammenhang mit ihm verboten sein sollten), aber er gauzt eben wie ein toller Köter - und er amüsiert sich dabei, voll im Blues. Ganz bestimmt tut er das, ein seltener Moment.

Sonst bleibt das Gesicht dieses Mannes unbewegt, mit dem Bärtchen über der Oberlippe, schmaler als der Finger einer Frau, als habe ihn da eine mit dem Kajalstift gestreichelt, Liebesverbot hin oder her. Er ist eine archaische Figur, eine Kirmesattraktion mit schwarzem Hut und im schwarzen Anzug mit weißen Streifen an den Hosennähten. Seine fünf Musiker folgen ihm aufs stumme Wort im Guckkasten der schwarzen schmucklosen Bühne, bis sich bei Beginn der Dämmerung das Auge aus dem Hintergrund schält, Dylans manichäisches Symbol. Doch da haben alle schon kapituliert vor der Macht dieses herrlichen Lügners, der sich vor Zeiten einst selbst erfand. Da hat er schon vierzehn Lieder vorgetragen - darunter unzerstörbare wie „Tangled Up In Blue“ oder „Highway 61 Revisited“; hat manche zerlegt und neu zusammengesetzt. Er hat auf seinem Keyboard Soli gespielt, als wäre das eine Karussellorgel - wie bei „Desolation Row“, wo er beinah singt; er hat das „Girl Of The North Country“ mit seiner Gitarre begleitet - ganz klassisch; er hat auf seiner Mundharmonika gespielt - höllisch wie zur „Ballad Of A Thin Man“. Und er wird noch als Zugaben „All Along The Watchtower“ mit seiner Band in den Bühnenboden rammen und „Blowing In The Wind“ so gnadenlos zerhacken, dass es lustig ist.

Dass er kein Folksinger sei, hat er schon vor Jahrzehnten scharf erklärt. Dann singt er im Volkspark eben für alle und keinen, vor sieben- oder achttausend Leuten, die jubeln. In seinem einundsiebzigsten Jahr, und er bewegt sich sogar. Nein, nichts ist vorbei, wie oft der Hahn auch gekräht haben mag seither für den verlorenen blue-eyed son mit seinem Gesicht eines dunklen Engels. Man hat es mir prophezeit; so sah und hörte denn auch ich. Und schaute, nur zur Vergewisserung, zwei-, dreimal hin zu Wolfgang Niedecken, Dylans Statthalter auf deutschem Boden. Auch er lächelte. Alles ist gut. Soll es mit den großen Erzählungen halt vorbei sein, es reichen die Geschichten, wie sie ein Bob Dylan kennt. Ich will keinen Sinn. Ich will das Wiegenlied, das keinen, der eine Seele hat, schlafen lässt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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