Bob Dylans „Theme Time Radio Hour“

Der Meister der blauen Stunde

Von Jan Wiele
 - 19:00
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„Es ist Nacht in der großen Stadt. Eine Frau geht barfuß, ihre High Heels in der Handtasche.“ Wenn Ellen Barkin diese Worte auf Englisch spricht, mit monotoner, rauchiger Stimme, klingen sie unvergleichlich einsam. Sie schmiegen sich an ein Saxophon oder klammern sich an einen rastlosen Jazz-Groove, der an die hohe Zeit der Beatlyrik erinnert. Nur noch Nachtfalken sind unterwegs. „It's theme time radio hour with your host Bob Dylan.“

Mitten in diese stets leicht variierte, aber immer nächtlich schwermütige Eröffnungsszene platzt die schnarrende Stimme des Schelms: Man ist glücklich über diese Brechung, glücklich, dass jemand so näseln kann wie Bob Dylan und damit die Unerträglichkeit der blauen Stunde lindert. Wenn er dann eine weitere Folge „dreams, themes and schemes“ verspricht, ist man schon mittendrin in der Zeitmaschine: Denn „Theme Time Radio Hour“ ist eine Hommage an die frühen, großen Tage des Radios, in der Machart wie auch in der Musikauswahl. Es geht um Uramerikanisches wie Baseball, Bibel oder schlicht „Hair“, und jedes dazu ausgesuchte Stück wird mit einer Einleitung versehen, in der Dylan Hintergründe und Anekdoten zu den ausgewählten Künstlern und Stücken erzählt.

Hierzulande nahezu unbekannt

Wer nicht zufällig firm in der Folk-, Blues- und frühen Popmusik der vierziger und fünfziger Jahre ist, der wird das meiste, was der Meister da auflegt, noch nie gehört haben. Vor allem deshalb ist diese Radiosendung wie das Betreten einer alten und zugleich völlig neuen Welt - der Welt solch vergessener Künstler wie „A. A. Gray and Seven Foot Dilly“ bis zu „Zeke Manners and His Swingbillies“. Schon die Ansage der Namen und Titel ist manchmal erheiternd, wenn sie so ausgefallen sind wie das Stück „Bald Head“ (Glatzkopf) von „Professor Longhair“ aus dem Jahr 1950. Ganz tabu sind Titel neueren Datums nicht, wenn sie ins Konzept passen: So findet sich, zum Beispiel, in der sehr empfehlenswerten Folge über „Coffee“ neben wunderbaren Beiträgen von den Ink Spots („Java Jive“) und Otis Redding („Cigarettes and Coffee“) auch das Stück „Coffee and TV“ der englischen Gruppe Blur aus den neunziger Jahren.

Mehr als hundert Sendungen dieser Art hat Dylan von 2006 bis 2009 für den Satelliten- und Internetradiosender Sirius XM moderiert, die man dort auch heute noch als Abonnent hören kann - das ergibt bei durchschnittlich etwa fünfzehn Stücken pro Folge eine fast schon enzyklopädische Fülle. Dementsprechend viel lernt man beim Hören, sei es über die Musikszene von Nashville oder New York, über den „Bakersfield Sound“ oder jamaikanische Folksänger.

Dass man hierzulande davon bislang kaum etwas mitbekommen hat, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Sendungen nie als Tonträger vermarktet wurden - einzig einige Kompilationen mit bestimmten Liedern sind zu haben, jedoch ohne die Moderation Bob Dylans, was man geradezu als Witz bezeichnen kann, weil damit das Wichtigste fehlt.

Das Radio war König

„Theme Time“ ist aber nicht nur eine umfassende Musikgeschichte, sondern auch eine der Literatur, Technik und Wirtschaft, alles gespiegelt im Lied: Natürlich gibt es da eine Folge über „Cars“, „Telephone“ oder „Mail“, sogar eine Doppelfolge zum Thema „Trains“, einem besonders für die Folkmusik mit ihren Tramps und Hobos dankbaren Thema. Außergewöhnlich werden die Sendungen durch den Eklektizismus der Liedauswahl, der ein ums andere Mal eine umsichtige Recherche in den Tiefen der Musikarchive verrät: So liefert eine Folge zum Thema New York gerade nicht nur das Erwartbare, also hier nicht Frank Sinatra, sondern etwa eine seltene Akustikversion von Bobby Womacks „Accross 110th Street“ oder einen Tonausschnitt aus einem der schönsten New-York-Filme überhaupt, „Midnight Cowboy“ von John Schlesinger, dazu ein Lied des Sängers Harry Nilsson, allerdings nicht, wie wiederum zu erwarten wäre, das Stück „Everybody's talkin'“, sondern „I Guess the Lord Must Be in New York City“, das damals auch erfolgreich war, heute aber vergessen ist. Nicht nur für den Sammler sind das Momente reinen Glücks. Wenn man mit Nick Hornby bedenkt, wie schwierig es ist, das perfekte Mixtape für einen bestimmten Zweck zu erstellen, dann ist jede einzelne Folge von „Theme Time Radio Hour“ ein Volltreffer.

Immer wieder werden zudem kleine Jingles und Werbeannoncen beigemischt oder kurze Sprachbeiträge von Musikern eingespielt. Unvergesslich, wie der Sänger der J. Geils Band, Peter Wolf, seine Erinnerung an frühe Radio-Hörerlebnisse schildert: „Das Radio war eine Macht, das Radio war König. Es öffnete uns die Tür zu den großen Künsten - als ob man ins Smithsonian-Museum ginge, und das vierundzwanzig Stunden am Tag.“ Er imitiert einen DJ namens „The Magnificent Montague“, der seinerzeit den weiblichen Zuhörern empfohlen habe, ihr Radio direkt zwischen die Beine zu nehmen, um die Musik von Sam Cooke richtig zu genießen.

Echter Country handelt vom Trinken

Ein Gast in vielen Folgen, der kongenial zu Dylans Stimme und seinem trockenen Humor passt, ist Tom Waits. „Hey Bob, it's Tom here“, hört man ihn dann in der Fiktion einer hinterlassenen Anrufbeantworter-Nachricht, bevor er wieder etwas sehr Abseitiges zum jeweiligen Thema beizutragen hat - typischer Tom Waits also und typisch auch, wie Dylan jeweils das Beste aus seinen Beiträgern herausholt.

Das alles wäre allerdings als Einzelleistung Dylans nicht möglich: Hinter der Sendung steht ein redaktionelles Team, das in erheiternder Manier von einem „Announcer“ alten Stils aufgezählt wird. Produzent ist der Emmy-prämierte Eddie Gorodetsky, der auch für Fernsehserien wie „Two and a Half Men“, „Saturday Night Live“ und die David-Letterman-Show verantwortlich zeichnet; angeblich stammt das meiste Songmaterial für die Radiosendung aus seinem riesigen privaten Musikarchiv, das laut „Wall Street Journal“ über zehntausend Platten und mehr als hundertvierzigtausend digital gespeicherte Musiktitel umfasst.

„Theme Time“ ist in vieler Hinsicht Fiktion und ein regelrechtes Kunstwerk: Es gibt fiktive Anfragen von Hörern, es ist beheimatet im fiktiven Abernathy Building einer nicht näher bestimmten Stadt, und nicht zuletzt spielt auch Bob Dylan selbst als Moderator eine Rolle, die als weitere Facette seiner sagenumwobenen Persona gelten kann. Es ist daher durchaus legitim, die Sendung als Teil des Dylan'schen Werks zu betrachten, neben Musik und Malerei tritt die Moderation. Dass diese Disziplin durchaus eine Kunst ist, mag man angesichts der gängigen Radioformate vergessen haben, aber die Fiktion von „Theme Time“ beschwört gerade eine Zeit herauf, in welcher der Moderator eine individuelle Figur mit großer Ausstrahlung war. Bei Dylan kommt diese durch seine einzigartige Intonation und durch scharfe Meinungsspitzen zustande, etwa wenn er jüngere Countrymusiker dafür kritisiert, dass sie die wahren Probleme unter den Teppich kehrten und sich nicht trauten, die Dinge beim Namen zu benennen. Echter Country handle eben vom Trinken und von Seitensprüngen.

Nicht bloß pure Nostalgie

Die Größe des Moderators zeigt sich auch darin, dass er eines nicht tut: Er spielt in den mehr als hundert Folgen kein einziges eigenes Lied, obwohl fast zu jedem Thema ein Dylan-Song gepasst hätte. Ihn sich jeweils dazuzudenken ist eine schöne, ihrerseits enzyklopädische Aufgabe für den Hörer oder auch Playlistgestalter am PC.

Der literarische Charakter von „Theme Time“ erweist sich, wenn der Moderator rezitiert. Wie Bob Dylan aus der Bibel liest, ist ein Ereignis, Gedichte von Shakespeare oder Dylan Thomas, selbst das Vorlesen eines weihnachtlichen Rezepts für „Figgy Pudding“ ist eindrucksvoll. In einer Folge der Sendung, die das Medium Radio selbst zum Thema hat, zitiert Dylan einen Ausspruch T. S. Eliots, nach dem dieses Medium es Millionen von Menschen ermögliche, zur gleichen Zeit über den gleichen Witz zu lachen und dabei dennoch einsam zu sein. Eine Übertragung auf die heutigen „social media“, die echte, persönliche soziale Kontakte eben nicht ersetzen können, klingt dabei mit, so wie denn auch die gesamte Anlage von „Theme Time“ als Retro-Sendung nicht als pure Nostalgie zu verstehen ist, sondern als Möglichkeit der Verfremdung oder Kenntlichmachung aktueller Phänomene dient - in etwa so, wie es die Fernsehserie „Mad Men“ leistet.

So ist es auch ambivalent aufzufassen, wenn der Gastgeber als Reaktion auf das Eliot-Zitat behauptet, bei „Theme Time Radio Hour“ sei der Hörer eines sicher nie: einsam. Während die eingangs beschriebene Eröffnungsszene jeder blauen Stunde und die melancholische Musikauswahl nämlich durchaus solche Einsamkeitsgefühle fördern, spricht die Geborgenheit durch den Moderator stark dagegen: Bob Dylan ist ja immer bei uns.

Bob Dylans „Theme Time Radio Hour“ ist für Subskribenten unter www.siriusxm.com/deeptracks nachzuhören

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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