Carla Bruni in Frankfurt

Die perfekte Schlichtheit

Von Wiebke Hüster
 - 10:39

Ihre besondere Art, Musik zu machen muss man mögen, um Carla Bruni zu schätzen. Es ist die Sorte Musik, die bei oberflächlicher Betrachtung eben so gar nicht zu dem Rest der öffentlichen Person zu passen scheint. Ihre vielen Rollen als Topmodel der neunziger Jahre, Liebhaberin von Rockstars und Philosophen, als Tochter eines Zwölfton-Komponisten sowie einer Konzertpianistin, als Ehefrau von Nicolas Sarkozy lassen es unwirklich erscheinen, dass sie solche Musik macht.

Während des Konzerts in der Frankfurter Jahrhunderthalle ging über Brunis ernstes, konzentriertes Gesicht manchmal ein Lächeln, das genau dies zu sagen schien: „Könnt Ihr es glauben, dass ich es bin, ich, die vielen so nahe, so Singer/Songwriter?“ Aber sie ist es, in schwarzen Stiefeln, Lederhosen, T-Shirt und Blazer, das Haar offen, das Gesicht kaum geschminkt, und es ist absolut ihre Musik, bei der sie einfach akustische Gitarre spielt und singt – schöne, witzige, melancholische, ironische Chansons auf Französisch. Oder einen Klassiker wie Charles Trenets Hymne an sein Land, „Douce France“, den sie umgetextet hat. „Dolce Francia“ wird so zur Liebeserklärung einer im Alter von sieben Jahren nach Frankreich eingewanderten Italienerin mit französischer Großmutter. Für das Publikum an diesem Abend improvisiert sie ein kleines „Dolce Frankfurt“.

Über ihren Mann singt sie voller Wärme – „Un garçon triste“, anders als in dem witzigen „Mon Raymond“ auf dem Album „Little French Songs“ von 2013, auf dem sie auch an die zärtliche Anrede eines verstorbenen Freundes erinnerte: „Il m’appelait son Darling“.

An den kleinen Liedern stimmt alles

Brunis Musik ist die perfekt inszenierte Schlichtheit. An ihren kleinen Liedern stimmt alles, und da sie sie auch so ernst und umstandslos vorträgt, mit behutsamen, manchmal fast ungelenk wirkenden Gesten, ist das Ergebnis manchmal bloß so gerade okay, manchmal aber auch großartig. Dies gesagt, kann man sie natürlich immer noch ablehnen, die Person, die Stimme; aber man kann nicht sagen, dass sie keine Musikerin wäre oder eine schlechte. Sie macht Musik seit ihrer Kindheit. Wer Brunis rauchige, manchmal fast sich selbst weghauchende, wegbrechende Stimme liebt, der hörte in der Jahrhunderthalle trotz der nicht so tollen Anlage und links und rechts unverkauften und abgedeckten Sitzblöcken – also null Atmosphäre – ein sehr schönes, beinahe anrührendes Konzert.

Bruni stellte ihr neues Album mit dem – ja, charmanten! – Titel „French Touch“ vor. Darauf covert sie wild drauflos, AC/DC und Abba, The Rolling Stones und Depeche Mode, als gäbe es kein Morgen. Und so mischt sie auch, als wäre es ihr letztes Konzert, einen Soul-Titel wie „Stand by Me“, den sie feministisch anmoderiert und mit der mädchenhaftesten Stimme des Abends singt, mit dem grandiosen Song „Please Don’t Kiss Me“, den Rita Hayworth berühmt machte. Sogar „The Winner Takes it All“, das auf dem Album voll danebengegangen ist, klingt live ganz innig und eigen. Lou Reeds „Perfect Day“ liegt ihr besonders gut, aber auch „Jimmy Jazz“ kann sie. Und von Depeche Modes „Enjoy the Silence“ nimmt sie den hohlen Disco-Glamour, auf den wir alle so standen, und singt es einfach als simple, gute Melodie mit einem Text, der wie jeder großartige Songtext schrecklich banal und absolut existentiell daherkommt.

Sie selbst weist während des Konzerts immer wieder darauf hin, dass Pop nur ein Thema hat (Liebe) und dass man sich eigentlich dafür entschuldigen müsste, wenn es nicht auch so schrecklich schön wäre, das Banale. Ihre Band versteht genau das perfekt und rahmt sie mit Verständnis und Leidenschaft: Johanne Mathaly (Violoncello, Bass, Gesang), Taoufik Farah (Gitarre), Nicolas Didier (Schlagzeug, Perkussion), Cyril Barbessol (Klavier, Akkordeon) sind sehr entspannt. Mit Jazz, Blues und lateinamerikanischen Rhythmen lässt sich „la Bruni“ umschmeicheln. Und was macht sie? Sie kniet am Ende nieder wie ein Krieger, der zum Ritter geschlagen wird, und singt Leonard Cohens „Hallelujah“. Halleluja und Amen, Carla. Brava.

Quelle: F.A.Z.
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