Zum Tod von Chuck Berry

Erfinder der Aufsässigkeit

Von Peter Kemper
 - 18:10

Er gilt als Personifikation der Rock'n'Roll-Idee: Wüste Songs korrespondieren einem undomestizierbaren Lebensstil und renitentem Selbstbewusstsein. Obwohl natürlich kein einzelnes Individuum die Erfindung des Rock für sich beanspruchen kann, kam Chuck Berry der Urheberschaft am nächsten, indem er die Essenzen des Rhyhm‘n‘Blues mit Gitarren-Phrasen aus dem Country-& Western-Genre vermählte. Nicht zufällig wurde er 1989 als erstes Mitglied in die Rock‘n‘Roll Hall of Fame aufgenommen.

Seine Wurzeln lagen im Blues, sein Geburtsdatum im Dunkeln – auch wenn er nach eigener Aussage am 18. Oktober 1926 in den Slums von St. Louis zur Welt kam, andere Quellen sprechen vom gleichen Tag im Jahr 1931. Erste musikalische Erfahrungen konnte er im Baptistenchor seiner Heimatstadt sammeln – obwohl er schon davon träumte, eines Tages ein gefeierter Gitarrist zu werden. Der in Jazzkreisen gefeierte Ira Harris brachte ihm dann die ersten Griffe auf einer viersaitigen Tenorgitarre bei. Doch Berry war alles andere als ein disziplinierter Schüler. Erst als er 1944 nach einer Serie von Einbrüchen zu einem dreijährigen Aufenthalt in einer Reformschule verurteilt wurde, fand er die nötige Muße, um sein Gitarrenspiel zu perfektionieren. Obwohl er nach seiner Entlassung aus der Erziehungsanstalt bei seinem Vater eine Tischlerlehre begann und später als Friseur arbeitete, galt seine wahre Leidenschaft der Musik, vor allem Boogie Woogie, Blues und Swing. Sein Personalstil entwickelte sich später als explosives Amalgam aus diesen drei Quellen.

Mit dem Klang eines Mülleimers

Zunächst versuchte er, die grollende Kraft eines Howlin' Wolf mit den messerscharfen E-Gitarrenlicks von Muddy Waters zu kombinieren, auch Einflüsse von Charlie Christian und Les Paul lassen sich in Berrys Griffbrettarbeit nachweisen. Doch besonders intensiv studierte er das Rhythmusgitarrenspiel von T-Bone Walker. Erst 1950 wechselte er zur sechssaitigen Gitarre und nahm zwei Jahre später seinen ersten bezahlten Gig mit dem Sir John Trio an. Die drei avancierten schnell zur Hausband des Cosmopolitan Club in East St. Louis. Als Berry merkte, das er die eigentliche Attraktion der Band war, benannte er sie kurzerhand in Chuck Berry Trio um.

Die wohl wichtigste Weichenstellung in Berrys Leben fand 1955 statt, als er Muddy Waters nach Chicago folgte. Der machte ihn mit Leonard Chess, dem Inhaber des renommierten Blues-Labels Chess bekannt. Seine erste Single „Maybellene“ stürmte dann gleich die Hitparade. Ursprünglich war es eine Neufassung des Country-Stücks „Ida Red“. Mit seiner immer ein wenig gehetzt klingenden Stimme und einem metallischen Gitarrensound, den Keith Richards gern mit dem „Klang eines Mülleimers“ verglich, sorgte das schwarze Jugendidol Berry auch bei weißen Teenagern für unkontrollierte Ekstasen.

Ein Bauplan für Bob Dylan

Mit der Nachfolge-Nummer „Roll Over Beethoven“ sollte er die Grundformel für all seine späteren Hits finden: Eine eingängige Hookline mit sich möglichst oft wiederholenden Signalwörtern über einem Uptempo-Blues-Schema. Mit seinem Duck Walk am Bühnenrand schuf er zudem ein Alleinstellungsmerkmal, welches die rhythmische Energie der Songs in eine eindringliche Tanzfigur bannte.

Schon 1956 verkaufte Berry mehr Platten als jeder andere Chess-Künstler, einschließlich Muddy Waters. Doch je stärker sich die Langspielplatte als Musikmedium durchsetzte, umso weniger Interesse bestand jetzt an reinen Single-Hit-Lieferanten wie Chuck Berry. Sein erster Karriereknick Ende der Fünfziger wurde zudem durch eine Anklage begünstigt, die ihm Anstiftung zur Prostitution einer vierzehnjährigen Kellnerin vorwarf.

Als er nach zwei Jahren Haft im Oktober 1963 das Gefängnis verließ, fand er sich bereits als Ahnherr der nächsten Rock-Generation wieder. Nicht nur den Beatles und den Rolling Stones galt er als zentrale Identifikationsfigur. Und wie hätten die Beach Boys ihre Hit-Single „Surfin‘ U.S.A.“ ohne die Blaupause von „Sweet Little Sixteen“ schreiben können? Bob Dylan entwarf seinen „Subterranean Homesick Blues“ 1965 exakt nach dem Bauplan von Berrys „Too Much Monkey Business“.

Im Herzen der weißen Macht

Nach einem kurzen Intermezzo bei Mercury-Records kehrte Berry 1970 zu Chess zurück, konnte sein Comeback aber erst zwei Jahre später mit My Ding-A-Ling“ feiern, seinem ersten Nr.1-Hit. Ständig wechselnde Bands, Alkoholprobleme und weitere Gesetzeskonflikte machten eine kontinuierliche Karriere jedoch unmöglich. 1979 wanderte er wegen Steuerhinterziehung für weitere einhundert Tage ins Gefängnis.

„Johnny B. Goode“
Rock-’n’-Roll-Legende Chuck Berry ist tot
© AFP, reuters

Zur Feier seines 60. Geburtstags im Oktober 1986 wurde ihm mit einem Konzert, bei dem ihn seine „Söhne im Geiste“, Keith Richards, Eric Clapton und Bruce Springsteen begleiteten, die Ehre zuteil, die ihm als Ziehvater der modernen Rockmusik gebührte. Unter dem Titel „Hail! Hail! Rock‘n‘Roll“ entstand einer der packendsten Musikfilme aller Zeiten.

Trotz des Achtungserfolgs seiner zeitgleich erschienenen Autobiographie war Berry vom ehrenwerten Bürger noch meilenweit entfernt, als er 1990 wegen eines Pornographie-Vorwurfs abermals ins Gefängnis musste. Seine Absolution erhielt er erst drei Jahre später: Bill Clinton lud den notorischen Steuersünder ins Weiße Haus ein und machte ihn so zum lebenden Kulturdenkmal Amerikas. Berry, der sich lebenslang mit rassistischen Vorurteilen in den Vereinigten Staaten herumschlagen musste, war im Herzen der weißen Macht angekommen – eine seltene Genugtuung!

Am Samstag ist Chuck Berry im – für Rock'n'Roll-Verhältnisse – biblischen Alter von neunzig Jahren in seinem Haus in Missouri verstorben.

Quelle: F.A.Z.
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