Musikfestival Globaler Süden

Death Metal aus Simbabwe ist doch ganz normal

Von Philipp Rhensius
 - 13:13

Die Geschichte der kulturellen Globalisierung ist eine der kognitiven Dissonanz: Der Mensch will starke Grenzen, die ihn vom Rest der Welt abschotten, aber die Künste sollen möglichst kosmopolitisch, durchlässig, ja grenzenlos sein. Um jene Widersprüche, etwa die Sehnsucht nach neuer Musik aus nicht-europäischen Ländern und der Verschärfung von Grenzregimen und homogener kultureller Identität, ging es am vergangenen Wochenende auf dem Festival „Digging the Global South“ in Köln, das im Rahmen der „Pluriversale“ der Akademie der Künste der Welt stattfand, die sich selbstkritisch mit Theorie und Praxis kultureller Dekolonisierung widmet. Es gastierten vor allem elektronische Musiker aus der afrikanischen Diaspora oder dem Globalen Süden:. Neben dem Johannesburger Duo Faka, dem Gqom-DJ Lag aus Südafrika (Gqom ist ein neuer südafrikanischer Clubmusikstil mit gebrochenen Rhythmen) oder der Musikerin Klein aus London waren Komponisten wie Lukas Ligeti oder die Journalistin Maha El Nabawi aus Kairo eingeladen, um über die Konflikte und Chancen im Austausch zwischen afrikanischen Musiken und europäischen Öffentlichkeiten zu diskutieren.

Zu besprechen gab es viel, obwohl die Zeiten der Weltmusik, zu denen in den neunziger Jahren beseelt vom dumpfen Bedürfnis nach „authentischen“ Kulturen geschunkelt wurde, vorbei ist. Heute ist experimentelle Clubmusik aus Angola oder Südafrika gefragt, die sich nicht um nationale Traditionen schert und zugleich nach allen Seiten offen ist.
Der Exotismus aber, jene latent rassistische Sehnsucht nach dem Fremden ist auch heute noch nicht überwunden. Für Thomas Gläßer, der das dreitägige Event im Auftrag der „Akademie der Künste der Wel“ im Stadtgarten organisiert hat, steckt im Begriff der kulturellen Globalisierung viel Gewalt, aber auch eine Versprechung. Das Diskursprogramm war für den Musiker und freien Kurator zentral, weil Musik heute ohne Tiefe konsumiert werde. Man gehe auf ein Konzert, lese vielleicht noch den Infotext, doch der Kontext der Musiker bleibe oft außen vor.

Botschafter des queeren Südafrika

Der Freitagabend wirkte jedoch erstmal angenehm dekontextualisiert, als im bestuhlten Konzertsaal das queere Clubmusik-Duo Faka die Bühne betrat. Wobei es nur wenige Sekunden dauerte, bis die rund 80 Zuschauer aufsprangen, um zu tanzen. Die beiden Mittzwanziger, oberkörperfrei, in beigen Leggings und blonden Perücken rappten und tanzten mal synchron, mal gegeneinander, mal wie Popstars, mal wie Laiendarsteller, zu den basslastigen Beats des in ihrer Mitte positionierten DJs. Später erklärten sie auf dem Podium, dass sie sich selbst als Botschafter eines neuen schwarzen, queeren Südafrikas verstünden – und Vorbild für Gleichgesinnte sein wollen, die im Alltag der strukturellen Gewalt gegenüber Queeren ausgesetzt sind. Weil sie anfangs selbst keine Idole hatten, existierte ihr Projektzunächst nur in der Vorstellung.

Imaginationen sind auch wichtig für den Musiker Lukas Ligeti, der 51 Jahre alte Sohn des Komponisten György Ligeti. Der in den Vereinigten Staaten und Johannesburg Lebende kooperiert seit 20 Jahren mit Musikern aus Afrika – und sucht stets nach Klängen, die es noch nicht gibt. Bei seinem Vortrag erzählte er, dass es ihn sehr störe, dass in den Medien immer behauptet werde, seine Mitmusiker seien traditionell. Cedrik Fermont, der in Kongo geborene Noise-Musiker, der über die florierenden, alternativen Musikszenen Afrikas berichtete, stimme ihm zu. Death Metal aus Simbabwe sei heute normal. Eine schottische Rockband würde man ja auch nicht fragen, warum sie keine Dudelsäcke in ihrer Musik verwenden.

Mit Laptop und Marimba Lumina

Von kulturellem Essentialismus ist die Musik Ligetis weit entfernt. Mit Laptop und einer Marimba Lumina, einem tischgroßen Synthesizer, entstand ein seltsames Hybrid aus Neuer Musik, Jazz, Noise und Clubmusik. Verfrickelte Breakbeat-Rhythmen treffen auf Glissandi, apokalyptisches Dröhnen auf lebensbejahende Melodien, die an High Life erinnern. Anschließend zeigte die in Berlin lebende Amet aka Elsa M'Bala, wie sich mit Loop-Station und Synthesizer ein ganzer Chor ersetzen lässt. Die vor allem an Sprachen interessierte Künstlerin, die bis zum Jugendalter in Ghana aufwuchs, verarbeitete in ihrer Performance eine Rede des ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah, die er 1963 in Addis Abeba als Pamphlet für den Panafrikanismus hielt, also die Idee, alle Schwarzen oder Afrikaner unabhängig von ihrer Nationalität zu vereinen. Die radikale Vielstimmigkeit, die beim Übereinanderschichten ihrer Stimme entstand, teilte sie mit der Londoner Musikerin Klein, die samstags im Club Studio 672 performte. Ihre fragmenthaften, oft ultralangsamen Loops aus Fieldrecordings und viszeralen Bässen, über die sie mal Atemgeräusche, mal souligen Gesang legte, erinnerte an zeitgenössische Diaspora-Romane wie Teju Coles „Open City“. Darin lässt sich der Protagonist stundenlang durch die Straßen New Yorks treiben, pendelt zwischen direkter Erfahrung und Reflektion. Die tanzenden Körper im Club, die im dichten Kunstnebel im Wind wehenden Baumstämmen glichen, schienen ähnlich verwirrt – und waren ständig beschäftigt, die richtigen Bewegungen zu finden.

Jenes Suchen und Sichverlieren in Sounds und Narrativen, das sich etwa in der fragmentarischen Poesie von Amet oder Klein findet, aber auch jene Versöhnung des Menschen mit der Maschine, sind womöglich das Stärkste, was diese Künstler einem sich abschottenden Europa zu sagen haben. Sie lassen uns eine neue Welt hören, die wir noch gar nicht kennen. Sie zeigen, dass Musik kein Spiegel der Gesellschaft sein muss, wie ein Klischee besagt. Das wäre mit Blick auf die kulturellen Abschottungstendenzen eine sehr monotone Angelegenheit. Nein, die Pop-Avantgarde des 21. Jahrhunderts klingt wie eine Utopie. Sie enthält weder nur traditionelle, lokal fixierten Elemente, noch folgt sie einem geschlossenen Telos – und stellt Diverses gleichberechtigt nebeneinander. Um die kognitive Dissonanz in Bezug auf Grenzen in den Köpfen aufzulösen, bedarf es aber mehr als nur der symbolischen Ebene, sondern einer Verankerung im Alltagsleben. Den Soundtrack dazu gibt es jedenfalls schon.

Quelle: FAZ.NET
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