David Bowie in Berlin

Das Lied vom Ende und sein Anfang

Von Tobias Rüther
 - 16:03

Das Hansa-Studio an der Mauer ist groß. Als David Bowie dort ab Juli 1977 im Meistersaal mit den Aufnahmen zu „Heroes“ beginnt, spielt auch die Berliner Jazzrock-Band Messengers neue Stücke ein. Ihre Sängerin heißt Antonia Maaß. Nicht viele sind Bowie damals so nahe gekommen wie sie. Aber keiner spricht so nüchtern über ihn.

„Wie ein Schlaglicht“, sagt sie heute, stehen ihr die Bilder von damals vor Augen: die beiden Bands im Hansa-Studio, quasi Tür an Tür. Der Abend im Jazzclub „Eierschale“ am Breitenbachplatz, wo Bowies Musiker mit den Messengers auf die Bühne gehen. Wie es dort „funkt“ zwischen ihr und Bowies Produzent Tony Visconti. Eine diskrete Affäre. Lange Spaziergänge an der Havel. Nächte in ihrer Wohnung, einem Altbau an der Wartburgstraße, keine zehn Minuten von Bowies sieben Zimmern in der Hauptstraße 155 entfernt.

Das küssende Paar an der Mauer, das seid doch ihr!

Das sind die schönen Erinnerungen. Die schlechten deutet Antonia Maaß nur an: harte, härteste Drogen. Damit will sie nichts zu tun haben. Sie trinkt ja nicht mal Alkohol. Visconti sei anders gewesen, ein tiefgläubiger Buddhist. Und Bowie? „Mir war er als Mensch unappetitlich.“ Antonia Maaß, damals 33 Jahre alt, wird dennoch bei „Heroes“ mitsingen, im Chor: We can be heroes / Just for one day.

Es gibt Leute, die sagen, dass es in diesem Lied sogar um Antonia Maaß geht. Und um Visconti. Das küssende Paar an der Mauer, das seid doch ihr! Aber das stimmt nicht, sagt Antonia Maaß. Als Bowie das Lied geschrieben habe, seien Tony und sie noch kein Paar gewesen. Gefragt, wie „Heroes“ entstanden sei, sagt Bowie heute, Visconti solle das besser beantworten. Der meint: „Ich kann nicht sagen, woher er die anderen Bilder für sein Lied nahm, aber wir waren das Paar.“ Antonia Maaß aber sagt: „Wir waren es auf keinen Fall.“

Bowies Weg vom Flüstern zum Schreien

Zwei Monate dauert die Arbeit am neuen Album. Bowie weiß meist erst, wovon er singt, wenn er am Mikrofon steht. Nur das Titelstück, sagt Visconti, nur „Heroes“ hat Bowie traditionell geschrieben. Hat sich hingesetzt, Strophen und Refrain aufgeschrieben und sie dann eingesungen.

Eines Nachmittags im Sommer 1977 probieren Visconti, Bowie und Eno an einer Akkordfolge herum, die Bowie und Brian Eno gemeinsam entwickelt haben: Daraus werden acht Minuten Material, ein Lied ohne Namen. Aber Text fehlt noch. Also schickt Bowie sie alle hinaus, um ihn zu schreiben. Als er fertig ist, stellt Visconti drei Mikrofone im Meistersaal auf: das erste direkt vor Bowies Nase, das nächste sechs und das letzte fünfzehn Meter von ihm entfernt. Eines nach dem anderen hat er sie dann geöffnet, um Bowies Weg vom Flüstern zum Schreien in epischer Breite einfangen zu können.

Achtung, Sie betreten den ironischen Sektor

Sechzehn Jahre lang steht die Mauer schon, als Bowie im Sommer 1977 „Heroes“ schreibt. Aber in diesen sechzehn Jahren und den gut dreißig Jahren danach hat keiner es mehr gewagt, noch mal einen derart pathetischen Popsong über die Mauer zu schreiben. „Heroes“ ist bis heute der einzige Popsong, der damit weltberühmt wurde.

Alles, was Bowie über die Entstehungsgeschichte sagt, sollte man besser in Anführungszeichen setzen, so wie er selbst das ganze Lied: „,Heroes‘“. Mit Satzzeichen kann man sich leicht die Welt vom Leib halten. Bowie puffert den grenzenlosen Idealismus seines Lieds, das „Helden“ heißt, einfach ab, indem er ein Kunstsignal setzt: Vorsicht, ab jetzt spreche ich uneigentlich. Achtung, Sie betreten den ironischen Sektor.

Warum sucht sich Bowie ausgerechnet Berlin aus?

„Da ist eine Mauer neben dem Studio“, erzählt Bowie dem „New Musical Express“ im November 1977. „Sie ist ungefähr 20 bis 30 Meter entfernt vom Studio, der Regieraum schaut direkt drauf. Ein Geschützturm thront auf der Mauer, in dem die Wachposten sitzen, und jeden Mittag trafen sich ein Junge und ein Mädchen darunter. Sie hatten eine Affäre. Und ich dachte: Von all den Orten, an denen man sich in Berlin treffen kann, warum sucht man sich da ausgerechnet eine Bank unter einem Wachturm an der Mauer aus?“

Von all den Orten, an denen man genesen, clean werden und Musik aufnehmen kann, warum sucht sich Bowie da ausgerechnet Berlin aus?

Sein Toningenieur Eduard Meyer kann nichts darüber sagen, wer das Paar sein soll, das Bowie in Berlin besingt. Aber warum soll es das Paar überhaupt geben – in einem Lied, das sein Verfasser als Zitat markiert hat? Eine Antwort darauf findet man im Brücke-Museum. Dort hängt ein Bild von Otto Mueller: „Liebespaar zwischen Gartenmauern“ heißt es, gemalt 1916, an der Westfront. Mueller ist freiwillig in den Ersten Weltkrieg gezogen. Gepeinigt von dem, was er mit eigenen Augen sehen muss in den Schützengräben, flüchtet er sich in die Kunst. Im Jahr von Verdun entsteht das Liebespaar: Mann und Frau, küssend umschlungen, nicht viel mehr als Schemen vor mannshohen Mauern. Bowie, dem die Stimmungsmalerei der Brücke, wie er einmal sagte, sehr verwandt erschien, dürfte nur ein wahlloses Paar aus den Augenwinkeln an der Köthener Straße gesehen haben, eine zufällige Begegnung vor weißer Wand, damit sich bei ihm die Motive übereinanderlegen.

Kennedy hat den Berlinern vier Worte hinterlassen, Bowie eine Hymne

Ein bisschen wirkt es heute so, als hätte Berlin nur auf einen Song wie „Heroes“ gewartet. Visconti und Bowie selbst müssen da etwas gespürt haben, einen Bedarf, vielleicht auch eine Chance: Jedenfalls entsteht eines Tages spontan die Idee, „Heroes“ auf Deutsch einzusingen. Visconti bringt seine Freundin ins Spiel, Antonia Maaß. Sie soll den Text übersetzen. Bowie ist in Blonay, nicht in Berlin, also fährt Antonia Maaß hin.

Dunkle Erinnerungen. Man merkt, dass sie nicht gern darüber redet. „Ein total orgiastisches Leben“, sagt Antonia Maaß nur. „Ich wollte so schnell wie möglich wieder weg aus der Schweiz.“ Deswegen hat sie sich nie um Tantiemen gekümmert. Aber sie bemüht sich darum, Bowie einen deutschen Text beizubringen, mit dem er irgendwie zurechtkommt: „Man hätte das sonst nie verstanden.“

Schüsse reißen die Luft, singt Bowie. Die Mauer im Rücken so kalt, singt Bowie. Die Scham fiel auf ihre Seite, singt Bowie.

„Ish bin ine bear-LEAN-ar“, so stand es buchstäblich auf dem Zettel geschrieben, den John F. Kennedy im Juni 1963 vom Balkon des Schöneberger Rathauses verlas. Der amerikanische Präsident hat den eingemauerten Berlinern diese vier Worte hinterlassen, David Bowie eine Hymne. Aber damit seine Nachbarn, die ihn „Boffie“ nennen, diese Hymne überhaupt verstehen können, hat er sie ein zweites Mal gesungen, in einem lautmalerischen Deutsch, wie es auch Kennedy sprach. Eigentlich wäre es genug gewesen, wenn Antonia Maaß „Heroes“ mit diesen vier Worten übersetzt hätte: Ish bin ine bear-LEAN-ar.

Der Hammer vor dem ersten Hammerschlag

Dem gleichen Reiz, dem auch Bowie nicht widerstehen kann, sind nach Kennedy alle amerikanischen Präsidenten erlegen. Jeder will ein Einheimischer dieser Symbolstadt sein. Auch Ronald Reagan spricht deutsch, als er am 12. Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor eine Rede hält: „Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin“, sagt er zum Beispiel. Reagans Rede ist berühmt geworden, weil er darin den sowjetischen Machthaber Gorbatschow auffordert, das Brandenburger Tor zu öffnen. Es gibt kalte Krieger, die sagen, Reagans Rede sei der erste Hammerschlag gegen die Mauer gewesen, die bald zu bröseln beginnt. Viel entscheidender ist aber, dass sich hinter dem Rücken des amerikanischen Präsidenten in den Tagen vor diesem Staatsbesuch mehrmals Tausende Jugendliche versammelt haben, um zu protestieren. Die Ausschreitungen beginnen am 6. Juni und ziehen sich drei Abende lang hin. Ausgelöst hat sie ein Konzert vor dem Reichstag. Auf der Bühne steht David Bowie.

Es ist das erste „Concert for Berlin“ zur 750-Jahr-Feier. Tagsüber sagt Bowie bei einer Pressekonferenz im Hansa-Studio, wie betroffen es ihn mache, vor dem Fenster immer noch eine Mauer zu sehen. Am Abend geht er vor dem Reichstag auf die Bühne. Siebzigtausend Menschen hören mit an, wie Bowie auf Deutsch eine Botschaft verliest: „Wir schicken unsere besten Wünsche an all unsere Freunde, die auf der anderen Seite der Mauer sind.“ Dann singt er „Heroes“.

158 Personen abgeführt, überwiegend Jungerwachsene

Auf dieser anderen Seite der Mauer stehen Hunderte junge Ost-Berliner, um Echos vom Konzert mitzukriegen: Und sie hören sein Lied. Ihr Lied. Schon rennen sie los in Richtung Brandenburger Tor. Die Volkspolizei und Grenztruppen der NVA stellen sich dem Ansturm in den Weg. Steine, leere Dosen fliegen.

An den folgenden zwei Abenden des Pfingstwochenendes, an denen die Eurythmics und zuletzt Genesis auftreten, wird die Menge in Ost-Berlin größer, werden die Krawalle heftiger (siehe auch: F.A.Z. vom 10. Juni 1987: Der Ost-Berlin-Korrespondent über die Pfingstkrawalle (pdf)). Die Stasi verzeichnet im Abschlussbericht ihres Zentralen Operativen Stabs, wie sich die Lage verschärft: Sperrketten werden gebildet, insgesamt „158 Personen zugeführt. Überwiegend sind es Jungerwachsene der Jahrgänge 1964 bis 1969. 25 junge Mädchen wurden zugeführt. Sie traten zum Teil mit aggressivem Gebaren auf.“ Und: „Auf Handlungen der Volkspolizei wurde lautstark mit Pfiffen und Sprechchören (u. a. erstmals ,Mauer weg‘) reagiert“, heißt es über den 7. Juni. Die „Bild“ will den eingeklammerten Sprechchor schon am Abend gehört haben, als Bowie „Heroes“ spielt.

Mit der Friedhofsruhe ist es jetzt vorbei

„Mauer weg“: So mutig hatten das Ost-Berliner Jugendliche zum letzten Mal ausgerechnet in jener Woche gefordert, bevor Bowie „Heroes“ veröffentlichte, am 7. Oktober 1977 am Alexanderplatz: Auch damals löste ein Rockkonzert schwere Randale aus, Hunderte Menschen wurden festgenommen. Es gibt unbestätigte Berichte über drei Tote. Im Sommer zehn Jahre danach regt sich wieder etwas auf den Straßen Ost-Berlins, das bald nicht mehr zu stoppen ist, es wird unruhig, es geht immer lauter zu in der Hauptstadt der DDR.

„Die versammelten Jugendlichen waren überwiegend mit einem dekadenten Äußeren“, notiert die Stasi. „Eine am 8. 6. erfolgte Schallpegelmessung in der Charité bestätigte eine erhebliche Überschreitung der geltenden Grenzwerte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Charité einen besonderen Ruheanspruch hat.“ Mit der Friedhofsruhe ist es jetzt vorbei. „Bullenschweine“, „Mauer nieder“, „Russen raus“, ruft der dekadente Mob. Zwei Jahre hält die Mauer noch. Ost-Berlin hat in diesen Junitagen schon ein paar der Helden kennengelernt, die sie bald zum Einsturz bringen werden.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Helden. David Bowie und Berlin“ von Tobias Rüther, das an diesem Montag bei Rogner & Bernhard erscheint (222 Seiten, 19,90 Euro).

Quelle: F.A.Z.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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