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Deutscher Gangsterrap

Kannst du stecken lassen

Von Peter Richter
 - 16:20
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Das Bild hier oben stammt nicht aus Gaza, sondern aus Berlin. Wir haben es von der Plattenfirma des jungen Mannes, denn dessen Eltern kommen aus Palästina, und deshalb muss er eben Intifada spielen, auch wenn er dabei schaut, als wollte er einfach nur nach Hause.

Das wäre dann in Pirmasens, wo er geboren wurde und aufwuchs, oder in Berlin-Wedding, wo er seit einiger Zeit wohnt, weil sich das beruflich besser macht: Wasiem Taha, 25 Jahre alt, nennt sich Massiv und arbeitet als Bodybuilder und Gangsterrapper. Seit dieser Woche dient er auch zur Bebilderung des Themas „kriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund“. Und als traurigste Figur einer insgesamt schon tragischen Erscheinung namens „deutscher Gangsterrap“.

Es ging ja durch die Presse: In der Nacht zum Dienstag wurde in Neukölln - wo sonst - von einem Maskierten auf Massiv geschossen. War eine Rivalität zwischen Hiphoppern eskaliert? Spielen libanesische Großclans eine Rolle? Man weiß es noch nicht. Aber sogar die Polizei insinuiert, dass es sich um eine Promotion-Veranstaltung gehandelt haben könnte: Ein paar Tage später sollte Massivs neue Single erscheinen. Der Rapper reagierte empört, immerhin musste er ins Krankenhaus. Die Unterstellung, dass er den Anschlag selbst inszeniert habe, nannte er „zynisch, menschenverachtend und pervers“.

„Ohne Perspektive eingepfercht im Asylanten-Heim“

Zufällig sind das ziemlich genau die Worte, die der Generalsekretär der Berliner CDU für Massivs Musik fand; seine Partei, und auch der Bund der deutschen Kriminalbeamten, forderten umgehend ein striktes Verbot von gewaltverherrlichendem Hiphop. Jeder tat also, was ihm seine Rolle vorschreibt. Und wir vom gutbürgerlichen Feuilleton? Wir steigen natürlich voll drauf ein und haben Massivs Single, als sie am Freitag herauskam, sofort gekauft. „Weißt du wie es ist“.

Was soll man sagen? Zunächst mal eine halbe Minute Musik, wie sie Heilpraktiker in ihren Behandlungsräumen gern abspielen, sphärische Klänge, Plätschern, dann Streicher, Feen-Chöre, schließlich Glocken. Dann aber Massiv: „Weißt du wie es ist, fremd in einem Land zu sein / Ohne Perspektive eingepfercht im Asylanten-Heim“, und: „Weißt du wie es ist wenn dich fast jeder verprügelt / Und du nach Hause gehst und dich dann noch dein Vater verprügelt / Weißt du wie es ist wenn du mit Steinen in der Niere lebst . . .“ Es folgt dann eine Auflistung von Themen für Sozialreportagen, mit denen man jederzeit den Axel-Springer-Preis gewinnen würde.

Wirre Reime und erbarmungswürdig dürre Beats

Es ist leider auch nicht so, dass man Massiv das viele Leid oder die Wut oder wenigstens die vielen Muskeln anhören würde. Es klingt noch nicht einmal nach Anabolika. Es klingt nur nach dickem Jungen, der die Treppe nicht hochkommt. Wenn das der CDU-Generalsekretär wüsste. Vielleicht würde er persönlich zum Trösten vorbeikommen. Keine Ahnung, ob es das ist, was ein Gangsterrapper will. Aber es ist symptomatisch: Schlimmes Gejapse, wirre Reime und erbarmungswürdig dürre Beats, dazu Sounds, die man auch im Ruheraum einer Biosauna laufen lassen könnte. Das ist das ästhetische Elend. Problematischer ist das inhaltliche: ein Text über Nutten, die man in die Knie zwingt, einer über Schwuchteln, die man umbringt, und dazwischen immer mal wieder so ein unspezifisches, selbstmitleidiges Gejammer darüber, wie Scheiße alles so ist im Getto, wozu man selber aber nach Kräften beiträgt.

Das ist jetzt also der Hiphop, der die Deutschen zu weniger dumpfen Menschen machen sollte, wie der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen in einer Reihe von inzwischen legendären Texten einmal gefordert hat. Das war Anfang der Neunziger, Ausländerwohnheime brannten, und die Böhsen Onkelz waren in den Charts. Diederichsen empfahl die Synkopen des Hiphop gewissermaßen als wirkungsästhetisches Gegengift zum „tumben Viervierteltakt des Ressentiments“. Hiphop definierte er als „die Träume derer, die aus der eigenen Scheiße aufbrechen“. Und ganz speziell schwebte ihm das Subgenre des Gangsterraps vor: „Wer vom Gangsta-Life träumt - aus guten Gründen oft -, steht einem eben immer näher als einer, der sich irgendwas in ,Deutschland' vorstellen kann.“

Wenn schon Diskriminierung, dann nach Geschlecht

Damals, 1993, war das wenigstens mal eine Ansage inmitten großer Ratlosigkeit. Inzwischen weiß aber keiner mehr, wie viele Gelder in Anti-Rassismus-Konzerte gestopft worden sind, wo es dafür dann die „Schlampen“ und die „Homos“ abgekriegt haben. Diederichsen hat zwar damals schon vorausgeschickt, dass „die politische Unkorrektheit von Hiphop anders zu bewerten“ sei als beim Rechtsrock. Aber wer, sagen wir nur mal so zum Beispiel: bei der „taz“ arbeitet, hat da ein nicht uninteressantes Abwägungsproblem: die gute alte afroamerikanische Befreiungskultur gegen die Zwänge einer geschlechtergerechten Ausdrucksweise. Wenn schon Diskriminierung, dann lieber nach Geschlecht und Sexualität als nach Rasse und Herkunft - so ganz einfach ist diese Musiktherapie sicher nicht jedem Außenstehenden zu erklären.

Die Vorstellung, dass ausgerechnet Popmusik integrierend wirken könnte, ist ja aber auch so eine sozialdemokratische Schnapsidee. Im Gegenteil: Nichts treibt eigentlich die Leute in feiner unterteilte Subzugehörigkeiten. Und das ist ja auch das Schöne daran. Vollkommen zu Recht halten es die Hiphopper selber dann lieber gleich mit Lenin und der Integration des Proletariats durch „eiserne Disziplin“. Denn wenn hier irgendjemand wirklich seinen Job versteht, dann sind das am ehesten die Leute, die für die Markenauftritte der verschiedenen Berliner Gangsterrapper zuständig sind.

Berliner Gangsterrapper als Kunstfiguren

Dass der deutsche Hiphop auf seinen langen Schleichwegen von Stuttgart über Hamburg und die Provinz - und das heißt: vom Spaß- über den Polit- und den Mittelstands- und den Betroffenheitshiphop - schließlich in Berlin und damit im Ernst des multiethnischen Lebens landen würde, war ja nicht das Schlechteste, was ihm passieren konnte. Hier gibt es wenigstens Viertel, die dem Wort „Getto“ zumindest von ferne gerecht werden.

Das „Getto“ ist im Gangsterrap mindestens so zentral wie im Heavy Metal der „Death“ oder im Schlager die „Liebe“; es heißt an sich noch nichts, es ist gewissermaßen nur die Grundtonart - aber es hilft ungemein, wenn in der sogenannten Wirklichkeit zumindest ein Hallraum dafür da ist. Es heißt dann zwar immer, der Rapper schildere nur das, „was los ist“. Aber zwischen einem normaldeprimierenden Berliner Viertel und einem ordnungsgemäßen Getto liegt schon noch ziemlich viel zusammenzurappendes Wishful Thinking. Viele, die etwa Sidos Video zu „Mein Block“ kennen, sind nachher ein bisschen enttäuscht vom Märkischen Viertel.

Aber wir reden hier ja auch über Kunst. Und die Berliner Gangsterrapper sind phantastische Kunstfiguren. Sido, der Irre mit der Maske. Massiv, der Araber mit dem Sprengstoff. Und solange es Leute gibt, die in Ohnmacht fallen, wenn ein deutschstämmiger Rapper wie Fler „schwarz“, „rot“ und „gold“ sagt, dann hat er schon von Berufs wegen verdammt noch mal die Pflicht dazu. Neuerdings gibt es auch einen Ossi aus Marzahn, der muss einen gepimpten Wartburg fahren und vor Plattenbauten die Thälmannfaust machen.

Die Punk-Hakenkreuze von heute

Und wenn da so viel vom „Ficken“ im Allgemeinen und vom „Arschficken“ im Speziellen die Rede ist, dann, nach allem, was man von Frauen so hört, die es wissen müssen, leider eben eher nicht in dem Sinne, dass besonders viele oder besonders reißfeste Kondome nötig wären (wie auch, bei den Tonnen an Kokain, die ja auch immer noch weggezogen werden müssen?), sondern eher metaphorisch: Wie einen das Leben so rannimmt und man selber das Leben. Leider ist es aber eben nicht so, dass auf diese Weise sogar die Homophobie wieder so relativ wird wie in dem Film „Layer Cake“ (“Weiber ficken ist nur was für Schwuchteln!“).

Wer tatsächlich und im ganz unübertragenen Sinne homosexuell ist und sich ins Sendegebiet dieser Botschaften verirrt, hat zunehmend Unerfreuliches zu berichten. Das Bild, das Wowereit, Beust, Will et al. von oben her auf diese Gesellschaft werfen, trügt womöglich ein bisschen darüber hinweg, was für Werte und Ansichten weiter unten wieder an Geltung gewinnen. Es ist schon richtig, dass die Frauenfeindlichkeit und der Schwulenhass das sind, womit sie uns liberalen Büroheinis vom Feuilleton am meisten zusetzen, sozusagen die Punk-Hakenkreuze von heute. Das Problem beginnt da, wo so etwas auf einen Boden fällt, wo es nicht mehr als Provokation wirkt, sondern als Bestätigung.

Wie schnell eine Attitüde in trübsinnige Tatsächlichkeit umschlägt, davon haben auch die bösen Böhsen Onkelz schon mehr als genug Lieder singen können, deren Texte im Übrigen fast deckungsgleich auf den Gangsterrap von heute passen: „Scheiße gefressen“, „alles F. . . außer Mutti“, „ihr könnt mich mal“. Nur mit Gitarren statt Synkopen.

Das Problem mit dem deutschen Gangsterrap ist, dass er nicht mehr hervorbringt als Musik, die dreizehnjährigen Mädchen gefallen will, und gleichzeitig die stumpfsinnigsten, reaktionärsten und langweiligsten Werte perpetuiert. Dass er eben nicht rauswill „aus der eigenen Scheiße“, sondern drin herumpatschen, bis, wie bei Bushido, ein Haus in Zehlendorf herausspringt. Dann hat man jemanden wie Ulf Poschardt als Fan. Bisschen uncool.

Quelle: F.A.S.
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