Die Band Mashrou’ Leila

Wie klingt eigentlich Jazz aus Beirut?

Von Danijel Benjamin Cubelic
 - 14:14

Im Frühling haben Sie zum ersten Mal in Deutschland gespielt, in Berlin. Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Berlin und Ihrer Heimatstadt Beirut?

Es gibt Ähnlichkeiten: eine Stadt, die in Ost und West geteilt wurde, die Stellvertreterrolle, ein Konflikt, der Auswirkungen auf Regierungen weit jenseits der Landesgrenzen hatte. Die Nachwirkungen dieser Konflikte sind allerdings ganz andere, beide Städte haben unterschiedliche strukturelle Schwierigkeiten.

Beirut galt einmal als Ort mit einer besonderen Energie und Atmosphäre, die Künstler der Region inspirierte und förderte - ganz ähnlich Berlin heute, auch wenn sich die künstlerische Produktion und Ästhetik nicht vergleichen lassen.

Augenfällig ist die Ähnlichkeit, mit der die Bewohner beider Städte mit der Architektur der Trennung umgingen. Die Berliner eigneten sich die Mauer über Graffiti wieder an, „schändeten“ das Trennungssymbol mit Zeichen des Widerstands. Ähnliches passiert im Libanon, in dem Protest durch politische Graffiti und Street Art geäußert wird.

Auf Ihrem neuen Album „Ibn El Leil“ („Sohn der Nacht“) geht es um Liebe und Eskapismus. Gleichzeitig werden die Songs aber als sehr politisch wahrgenommen.

Nabokov meinte, Autoritäten sei bewusst, dass kreatives Denken ein erster Schritt zur Revolution darstellt und Künstler immer vom Politischen angezogen werden. Eine romantische Interpretation wäre es zu sagen, dass Künstler Freigeister sind und Sehgewohnheiten durch Kunst erweitert werden. Für uns, die wir in Beirut aufgewachsen sind, dominierte die Auseinandersetzung mit Politik den Alltag: Nicht nur mit Positionen wie „links“ oder „rechts“, sondern bis in persönliche Überzeugungen und Ideen hinein diktiert Politik das Sozialverhalten. Unsere Songs spiegeln dieses Lebensgefühl, vor allem auf „Ibn El Leil“, das die Nacht als Raum sozialer, physischer und emotionaler Aushandlungen thematisiert. Gleichzeitig muss man sich fragen, was man als politisch versteht. Die banalsten Momente unseres Alltags wie Einkaufen, ein Gang durch die Stadt oder die Wahl der Sprache, aber auch die romantischsten Aspekte (mit seinem Partner zu schlafen, Liebe zu feiern, die Beziehungen zu unserer Familie, seine Individualität zu behaupten) sind politisch, weil sie die Möglichkeiten zwischen dem individuellen Körper und dem Kollektiv anderer Körper verhandeln, mit denen er einen Raum teilt - und dies kontrolliert Politik.

Sie sind gerade mitten in einer Welttournee. Im Mai gelang Ihnen in Jordanien ein wichtiger Sieg gegen konservative katholische und islamische Kreise, weil ein bereits verhängtes Auftrittsverbot in Amman nach einem öffentlichen Aufschrei aufgehoben wurde. Macht Ihnen das Mut? Oder ist es eher frustrierend?

Zuerst einmal konnten wir das Verbot kaum glauben. Wir betrachten unsere Musik nicht als kontrovers. Wir erzählen Alltagsgeschichten, es war völlig irrational. Die Aufhebung hinterlässt bei uns gemischte Gefühle: Einerseits hatten wir die Möglichkeit, das Thema von uns als Band hin zu Debatten um künstlerische Zensur zu erweitern - und die Unterstützung durch unsere Fans, die Medien und sogar Kritiker, die die Vorgänge als ungerecht ansahen, bestärkte uns. Auf der anderen Seite fiel das Konzert dennoch aus, und wir haben noch keinen Ersatztermin. Wir müssen erst einmal wieder ein Konzert in Amman spielen.

Während Ihrer Tour in den Vereinigten Staaten haben Sie westliche Medien dafür kritisiert, Künstler aus dem Nahen Osten immer nur als unterdrückte und verfolgte Opfer darzustellen. Könnten Sie das weiter ausführen?

Es werden heute viele Menschen sowohl im Nahen Osten als auch im Westen Opfer eines heteropatriarchalen Neoliberalismus. Das ist zu erst einmal eine Tatsache. Ein Problem ist vor allem, wie die Medien weiterhin dieses Thema auf den Nahen Osten, den Islam und Muslime reduzieren, in einer Zeit, in der die Medien ihre Bilder differenzieren müssten, um ein möglichst nuanciertes Verstehen der Ereignisse zu ermöglichen und diese weltweit sichtbar werdenden Konflikte um Ethnizität und Religion nicht weiter zu befeuern.

Im Oktober kommen Sie für mehrere Konzerte wieder nach Deutschland. Sie spielen beim Festival „Enjoy Jazz“, doch Ihre Musik wird auch als Independent Rock oder auf dem neuen Album als Dance-orientiert beschrieben. Wo positionieren Sie sich?

Die Entwicklung unseres Musikgeschmacks verläuft spiralförmig. Wir sehen uns nicht als Indie-Band und hören gerade kaum Rock. Im Moment beeinflussen uns vor allem Pop, Soul, Hip-Hop und klassische Musik. Wir haben der Musik unser Leben gewidmet und möchten sie bis in die letzten Winkel auskundschaften. Es gibt sehr viel zu lernen.

Das neue Album weist viele mythologische Referenzen auf, und seine Gestaltung greift auf altgriechische, klassisch persische und arabische Elemente zurück. Was waren die Ideen dahinter?

Es ist tröstlich zu begreifen, dass Leiden, Trauer, Schmerz und Verlust, so individuell zerstörerisch sie sind, immer schon da waren. Wie antike Mythologie mit diesen Themen umgeht, hat etwas Beruhigendes, weil sie individuelle Kämpfe zu archetypischen Erfahrungen aufwertet, die so alt sind wie die Zeit. Als es ans Design des Albums ging, begriffen wir, dass es Parallelen gibt zwischen Stufen der Trauer, mit denen sich das Album beschäftigt, und dem nächtlichen Feierngehen, das ebenfalls einem spezifischen rituellen Ablauf folgt. Wir beschlossen, das zu visualisieren als eine Art Programmheft für einen Prozess emotionaler Ereignisse und Entwicklungsschritte. Hierfür haben wir uns mit verschiedenen religiösen Ritualrepräsentationen auseinandergesetzt.

In dem neuen Song „Taif“ erwähnen Sie Sappho und Abu Nuwas, einen arabischen Lyriker des 8. Jahrhunderts, der über das Nachtleben, Drogen und seine Liebe zu jungen Männern dichtete. Ermöglicht Ihnen Poesie einen anderen Blick in einer Zeit, in der identitäres Lagerdenken eine immer größere Rolle spielt?

Alle Formen der Literatur ermöglichen es dem Leser, sein Ich zurückzustellen und sich zeitweise mit dem Erzähler zu identifizieren. Dass wir unsere Zweifel kurzzeitig aufheben und während der Zeit der Romanlektüre jemand anderes werden, ist ein äußerst wertvolles Werkzeug des Widerstands - was wiederum verständlich macht, warum die Künste immer wieder zensiert werden. Denn wenn man Menschen auf Basis dessen, „wer sie sind“, vermitteln möchte, sich auf eine bestimmte Art und Weise zu verhalten, dann gelingt das nur, wenn Menschen in diesen Schubladen verharren.

Ein anderer neuer Song, „Maghawir“, behandelt eine Nachtclubschießerei in Beirut und den Zusammenhang zwischen Maskulinität und Gewalt. Von Orlando über rechte Gewalt in Europa und den Terror des IS scheinen 2016 gewisse Formen von Männlichkeit Amok zu laufen. Brauchen wir eine globale Diskussion zur Maskulinität?

Ja. Ihr Fehlen könnte es uns aber auch ermöglichen, eine breitangelegte Diskussion zu Geschlecht, Sexualität und Patriarchat zu führen - und seinen Verbindungen zu Kapital, Klasse, Ethnizität, Alter, (Nicht-)Behinderung und anderen sozialen Fragen. Vielleicht ist es ein wenig optimistisch, aber gerade jetzt gäbe es die Möglichkeit, über globale Formen sozialer und politischer Ungerechtigkeit zu sprechen.

Beirut heute ist Heimat einer neuen Generation „alternativer“ Bands. Gibt es so etwas wie einen Sound Beiruts, und haben Sie diesen beeinflusst?

Ich sehe keinen bestimmten Sound Beiruts - heute ist es schwer, eine künstlerische Bewegung mit lokalem Fokus zu haben. Das ging vielleicht vor fünfzig Jahren bei Gruppierungen wie dem Fluxus, der Beat-Generation. Künstler teilten sich damals Räume zum Arbeiten, Wohnen und Ausstellen, und physische Präsenz war der entscheidende Faktor, um daran Teilzuhaben. Unsere Einflüsse heute sind oft einen Ozean entfernt, ich habe viele der künstlerischen Werke, die mir am meisten bedeuten, noch nie im Original gesehen.

Die libanesische Band Mashrou’ Leila eröffnet am 2. Oktober das Festival „Enjoy Jazz“ in der Stadthalle Heidelberg. Das Gespräch mit ihrem Gitarristen Firas Abou Fakher und ihrem Sänger Hamed Sinno führte Danijel Benjamin Cubelic. Er ist Religionswissenschaftler und beschäftigt sich mit arabischer Gegenwartskultur.

Quelle: F.A.Z.
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