Donald Fagen zum Siebzigsten

Im Nachtflug

Von Edo Reents
 - 10:36

Es gibt in der Popmusik nicht viele Paare, die über die Jahrzehnte so sehr eine Einheit gebildet und dabei dermaßen hermetisch nach außen gewirkt hätten wie Donald Fagen und Walter Becker. Spätestens, wenn es ans Einspielen einer Soloplatte geht, macht ein Teil sich in der Regel nicht nur personell, sondern auch stilistisch selbständig; das Ergebnis markiert dann oft genug und in doppelter Hinsicht einen Ausbruch aus zu großer Enge.

Nicht so bei Donald Fagen (und auch nicht bei Walter Becker). Unter dem Namen Steely Dan, der anspielte auf Williams S. Burroughs’ Roman „Naked Lunch“, hatten sie dem Westküstenrock und -pop ein knappes Jahrzehnt lang die Stirn geboten, ohne dabei arm zu werden.

Inmitten von Wave, Disco und anderem

Sie setzten ihren informierten, tief in der Ellington-Ära wurzelnden Jazz-Pop nach dem auf zwanzig Jahre befristeten Ende von Steely Dan 1980, als „Gaucho“ herauskam, solo einfach fort, assistierten sich dabei gegenseitig und wirkten, inmitten von Wave, Disco und anderem, plötzlich sehr traditionalistisch. Fagens Debütalbum „The Nightfly“ (1982) signalisierte schon mit dem Cover, das ihn als ernst-kritischen Discjockey zu nächtlicher Stunde rauchend vor klassischem Abspielgerät zeigt, Distanz zur Zeitgenossenschaft.

Die Musik bestätigte sie: Nicht einen Millimeter hatte Fagen sich wegbewegt von dem dünnen, quecksilbrigen und ausgesprochen kühl anmutenden Sound, den Steely Dan die meiste Zeit über gepflegt hatten; nur „Can’t Buy A Thrill“ (1972) war, nachdem sie sich vom Produzenten Gary Katz, einem Hausautor von ABC, aus New York nach Los Angeles hatten locken lassen, als Einstand noch eine reine Poprock-Angelegenheit gewesen.

Beim solistischen Fagen war dann alles wie gehabt: die mit großer Ökonomie gesetzten Läufe seines Fender Rhodes Elektropianos, der uhrwerkspräzise Upbeat und die hohe Stimme, mit der er über dem kompliziert geknüpften Klangteppich weniger zu schweben, als ihn vielmehr durchbohren zu wollen schien.

Fagen beherrscht die Kunst der Selbstironie

„The Nightfly“, das Fagen wie später auch die wiedervereinigten Steely Dan dauerhaft an Warner band, war in seiner stilistischen Geschlossenheit und Überraschungsfreiheit eine bemerkenswerte Einzelleistung, der weitere dann allerdings nur noch in unverhältnismäßig großen Abständen folgten: Erst mit dem von Becker produzierten „Kamakiriad“ (1993), auf dem unter anderem das Hybridauto vorhergesehen wird, kam er, nachdem er einen psychischen Zusammenbruch auskuriert hatte, zurück, damit natürlich auch Hoffnungen auf eine Steely-Dan-Wiedervereinigung schürend, die sich in Gestalt des in jeder Hinsicht programmatisch betitelten Albums „Two Against Nature“ (2000) schließlich glanzvoll erfüllten.

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Vier Grammys gewannen die Veteranen für ihre ausgeschlafene Rückmeldung; Jazz und Funk hatten hier wieder jene Balance gefunden, dank der Steely Dans Musik der Siebziger einen auch von Jazz-Kritikern respektvoll traktierten Katalog bildet.

Steely Dan sind, nach Beckers überraschendem Tod (F.A.Z. vom 5. September 2017), endgültig Geschichte. Fagen, der aus New Jersey stammt und mit dem alten Freund am New Yorker Bard College studiert hatte, ist mit den Jahren immer grantiger geworden und, nachdem sich die künstlerische, gerade noch massenkompatible Intelligenz von Steely Dan irgendwann doch überlebt hatte, zum reinen Kulturpessimisten geworden, der seine Ironie immer auch auf sich selbst zu richten vermochte: „Ich hatte niemals einen besonders optimistischen Blick auf die Zukunft, und meistens sind meine schlimmsten Ahnungen übertroffen worden. Es ist ein Glück, dass ich die Musik habe, denn sie hilft mir, das alles auszuhalten.“ Wollen wir hoffen, dass Donald Jay Fagen, der an diesem Mittwoch siebzig wird, noch lange durchhält.

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.
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