Einstürzende Neubauten

Der Pfau schlägt für den Generalfeldmarschall ein extragroßes Rad

Von Saskia Müller
 - 19:31

Unter den Empfindungen, die das Münchner Konzert der Einstürzenden Neubauten auslöst, ist durchaus auch Dankbarkeit: dafür, dass im belgischen Diksmuide jemand die Idee hatte, die deutsche Band mit der Komposition eines Albums und einer Performance zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg zu beauftragen, und dass die Band sich, trotz anfänglicher Zurückhaltung Blixa Bargelds, überhaupt darauf eingelassen hat. Das Ergebnis, „Lament“ (Platte und Performance), ist grandios.

Blixa Bargeld wusste, dass „Lament“ erst im November uraufgeführt werden würde - eben in Diksmuide, während des Ersten Weltkriegs Schauplatz schrecklicher Schlachten, im Rahmen einer aus öffentlichen Mitteln finanzierten Veranstaltungsreihe in Westflandern. Die Monate zuvor würden andere Künstler und Kuratoren in ganz Europa sich dem Ersten Weltkrieg widmen. Was könnte also zum Ende des Gedenkjahres hin noch überraschen?

Nicht unbedingt das, was man erwartet

Auf der Suche nach Obskurem und Unbekanntem wurden ein Historiker und eine Literaturwissenschaftlerin engagiert. Die stießen im Lautarchiv der Humboldt-Universität auf Walzenaufnahmen aus deutschen Internierungslagern, auf denen Kriegsgefangene das Gleichnis des verlorenen Sohnes einsprachen. Diese Stimmen erklingen im Konzert über den Tönen eines Streichquartetts, das die Motette „Pater Peccavi“ des in Diksmuide verstorbenen Renaissancekomponisten Jacobus Clemens non Papa spielt, und sie rühren zu Tränen - nicht unbedingt das, was man bei einem Konzert der Einstürzenden Neubauten erwartet hätte.

Dem klassischen Neubauten-Klang kam die „Percussion Version“ des Ersten Weltkriegs schon näher, war dabei aber nicht weniger überraschend. Die Idee ist einfach, aber genial: Ein Schlag im Viervierteltakt entspricht einem Tag. Jeder Nation wird ein Plastikrohr zugewiesen, sobald sie am Krieg beteiligt ist, wird das Rohr angeschlagen. Was im Grunde akustische Militärgeschichte ist, verführt durch die beinahe stoisch fortschreitende und doch belebte Rhythmik zum Tanzen. Die Menge in der Münchner Muffathalle beginnt zu wippen, richtig zu tanzen traut sich natürlich kaum jemand. Dürfte man das überhaupt, wo man doch weiß, was all die Schläge bedeuten?

Distanz und Faszination

Diese Frage stellt sich bei „Lament“ kontinuierlich, im Konzert wie beim Hören der brillanten Platte. Es ist eine ständige Bewegung zwischen Distanz und Faszination, Abscheu und Vergnügen. Denke ich zu sehr in nationalen Kategorien, weil ich die vorgetragenen Nationalhymnen ergreifend finde? Bin ich nicht reflektiert genug, wenn ich mich am adaptierten Jazz der Harlem Hell Fighters erfreue? Ist es in Ordnung zu lachen, wenn Blixa Bargeld vorträgt, wie der Kabarettist Joseph Plaut 1926 Tiere den Beginn des Ersten Weltkriegs beschreiben ließ („quiiikArtelleriiii, quiiikArtelleriiii“, „Der Pfau schlägt zu Ehren des Generalfeldmarschall Graf Häseler ein großes Rad: ,Hitler, Hiiitler, Hiiiiitler‘“)?

Vielen Konzertbesuchern scheint sich allerdings vor allem eine Frage zu stellen, die ein Neubauten-Fan entgeistert stellt: Geht das jetzt etwa zwei Stunden so?! Gerade zu Beginn scheinen viele genug zu haben und bahnen sich den Weg zu Bar und Toilette, anstatt Blixa Bargelds Erläuterungen und dem darauf folgenden, titelgebenden Stück „Lament“ zuzuhören; offenbar entsprach der Abend nicht den allgemeinen Erwartungen. Umso mutiger und beachtlicher ist es, dass die Einstürzenden Neubauten sich an dieses außergewöhnliche Projekt gewagt haben und dass die Verantwortlichen in Westflandern überhaupt auf die Idee kamen, diesen Auftrag an die Berliner Band zu vergeben. Beim Gedanken an die damals so neuartige, industrielle Natur des Ersten Weltkriegs wirkt diese Entscheidung jedoch fast zwingend. Auch wenn vielleicht nicht alle Neubauten-Fans dieser Meinung sind: Eine eingehende Beschäftigung mit „Lament“ lohnt sich, denn wohl niemand würde beim ersten Hören vermuten, dass die hohl anmutenden Klänge, die Blixa Bargelds Gesang begleiten, von einer eigens geschaffenen „Stacheldraht-Harfe“ stammen oder dass die stetig ansteigende Lautstärke des Eingangsstücks „Kriegsmaschinerie“ der Entwicklung der Verteidigungsetats zwischen 1905 und 1913 nachempfunden ist.

Auch wenn Blixa Bargeld die Platte bloß als Dokument der Performance betrachtet und das visuelle Element wichtiger zu nehmen scheint, ist fraglich, welchen Vorteil das Konzert gegenüber der Platte hat. Die ständig sich reckenden Hälse und die eigene Erfahrung haben gezeigt, dass der durchschnittlich große Konzertbesucher in München kaum erkennen kann, was auf der Bühne passiert. Aber er sieht das zögerliche Wippen und das vereinzelte Tanzen der anderen, das enttäuschte Gesicht manch eines eingefleischten Fans und häufig auch berührtes Staunen über eine Musik, deren Wirkung so schnell nicht nachlassen wird.

Quelle: F.A.Z.
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