Element of Crime

Etwas Besseres als Flaschenpfand finden wir überall

Von Patrick Bahners
 - 10:53

Falkensee, Nauen, Kloster Lehnin, Blankenfelde, Groß Kienitz, Hohen Neuendorf, Hennigsdorf, Königs Wusterhausen, Potsdam, Berlin. Das sind, von der Endhaltestelle abgesehen, nicht die Stationen der Tournee von Element of Crime, die in Salzburg begonnen hat und am Samstag Offenbach erreichte, sondern die Ortschaften, in denen laut Telefonbuch die Getränke Hoffmann GmbH Filialen unterhält. Man benötigt diese Liste, wenn man nach den Angaben, die das lyrische Ich des Liedes „Delmenhorst“ vom aktuellen Album „Mittelpunkt der Welt“ (siehe auch: Das neue Album von „Element of Crime“) macht, eine Karte anfertigen will. „Hinter Huchting ist ein Graben, / Der in die Ochtum sich ergießt, / Und dann kommt gleich Getränke Hoffmann. / Sag Bescheid, wenn du mich liebst.“

Huchting ist ein Vorort von Bremen. Stolz pflegt man dort die Kunst, mit wenigen Worten viel zu sagen; ein paar Jahre lang erschien sogar eine Zeitschrift, ein „Sporadikum für die kompetente Kurzmitteilung“, namens „Ahem“. Die Ochtum ist ein linker Nebenfluß der Weser. Nach Huchtinger Brauch hat der Dichter das meiste verschluckt, wenn er auf dieses begradigte Gewässer gleich die Getränkeladenkette folgen läßt, deren Niederlassungen man erst im Umkreis der Hauptstadt findet. Wie die Bremer Stadtmusikanten überall etwas Besseres finden als den Tod, so ist das Delmenhorst des Liedes ein inneres: überall dort, „wo du nicht bist“. Aber alle Wege nach Delmenhorst führen über Berlin, denn man braucht etwas zum Nachspülen, wenn man den Tod der Liebe wirklich herunterschlucken will.

Das Hinuntertrudeln bis zur Neige auskosten

Element of Crime beschreiben Pfade, deren Betreten das globale Positionssystem des rationalistisch-pragmatischen Komplexes, der unser Leben beherrscht, verbieten müßte: Sackgassen der Sehnsucht, Abkürzungen des Trotzes, Kreisverkehre der Regression. Jubel löst im Offenbacher Capitol „Nur mit dir“ aus, ein Manifest der Nostalgie. Die Stimme des Sängers scheint zu schweben, die Melodie dreht sich im Kreis wie ein totes Blatt, das weiß, daß es tot ist, aber das Hinuntertrudeln bis zur Neige auskostet: „Richtig schön war's nur, / Richtig schön war's nur mit dir.“

Das eigensinnige Zirkulieren verlangt mehr Kraft als das progressive Treibenlassen, und die vier Herren in vorgerücktem Alter überzeugen durch energisches Meißeln an den Denkmälern ihres Repertoires. Die Beschreibung des Himmels, der die Augenfarbe der Geliebten angenommen hat, in einem Lied von „Romantik“, dem zweitjüngsten Album, hat die präzise Leuchtkraft Adam Elsheimers.

Das Ich im Bann seiner poetischen Illusion

Die neue Platte bleibt dem Programm des Vorgängers treu. Der Lieddichterschreibtisch ist ein Mischpult: „Gefrorener Atem fällt klirrend vor mir in den Schnee“, der erste Vers von „Wenn der Winter kommt“, mixt Wilhelm Müllers „Gefrorne Tränen fallen“ und Hölderlins „Im Winde klirren die Fahnen“. Romantik, was soll das sein? Das Gegenteil von Unmittelbarkeit („Zum Naturfreund werd ich nicht mehr werden“), richtiges Leben im falschen Zitat. Buchstäblich läßt Regener den Atem gefrieren, Rauhreif liegt auf seiner Stimme, die Augenhöhlen sind schwarze Flecken im bleichen Gesicht. Er zieht die Schultern zusammen, macht sich klein vor dem Mikrophon, redet zwar noch ein Du an, scheint aber längst ein Selbstgespräch zu führen wie Müllers Winterreisender.

Daß es ihn in die Kälte zieht, findet in den Gesetzen der Astronomie eine schlichte Erklärung: „Seit ich dich kenne, mag ich es gerne, / Wenn der Winter kommt - / dann wird's früher dunkel.“ Die prosaische Entzauberung zeigt erst recht, daß das Ich im Bann seiner poetischen Illusion steht. Verdrängt ist der von der Verdunkelung des Horizonts angekündigte Tod; das heimelige Universum, in dem ein gütiger Gott zur rechten Jahreszeit den Dimmer betätigt, hat als Einbildung zu gelten.

Nicht nur scharfe Sachen. Auch Likör

Oder muß über dem Zelt der Sterne, deren Verblassen Regener besingt, während die Begleitung in Leuchtfarbeffekten schwelgt, doch ein guter Vater wohnen, womöglich gar mit einem Rauschebart im Stil des Bassisten David Young? Einer der wenigen Sätze, die Regener zwischen den Liedern sagt, lautet: „Wir haben die Welt nicht gemacht, wir singen bloß darüber.“ Daß die Welt eine gemachte ist, setzt der Sänger offenbar voraus.

Gemacht allerdings nicht wie ein Bett. Allen, die es sich hienieden bequem machen, schleudern Element of Crime aus ihrer englischen Phase „Welcome to the World“ entgegen. Die Antithese folgt auf dem Versfuße: „Jetzt mußt du springen“ von „Psycho“, über den Schrecken des Kaltwassersprungs, das Trauma des pädagogisch herbeigeflüsterten Realitätsschocks. So erzählt die Abfolge der genau vierundzwanzig Nummern, darunter alle zehn Titel des jüngsten Albums, von denen man wohl viele wiederhören wird, ähnlich den Orten einer Reise fast eine Geschichte: Der reguläre Teil endet mit „Mittelpunkt der Welt“, dem Phantombild der verrückterweise geliebten Egozentrikerin, als erste Zugabe folgt von 1999 eine Studie über einen verwandten Charakter, vielleicht eine Cousine der arztromanlesenden Lottospielerin: „Michaela sagt“. Überwältigend weichherzig wirkt im Vortrag das Porträt, das man neusachlich mitleidslos im Ohr hat. Für die Lebensreiseapotheke gibt es bei Getränke Regener eben nicht nur die scharfen Sachen. Er hat auch Likör.

Weitere Konzerte im März:

Dienstag, 21. März: Soundgarden, Dortmund
Donnerstag, 23. März: Capitol, Hannover
Freitag, 24. März: Pier 2, Bremen
Samstag, 25. März: Docks, Hamburg
Sonntag, 26. März: Docks, Hamburg
Montag, 27. März: Arena, Berlin

Quelle: F.A.Z., 20.03.2006, Nr. 67 / Seite 37
Patrick Bahners - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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