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Ex-Helden der Popkultur

Phantastische Typen von früher, die heute alles falsch machen

Von Tobias Rüther
 - 18:10
Bryan Ferry sucht neue Lieder, eins würde schon reichen. Bild: Reuters, F.A.S.

Es ist fast so, als wäre jetzt ein später Roman aus dem Nachlass von Thomas Mann aufgetaucht, bislang unbekannt und nicht veröffentlicht, der „Die magische Insel“ hieße und die Geschichte eines jungen Mannes namens Carl Hanstop aus den Alpen erzählte, der seine Cousine für zwei Wochen auf Norderney besucht, aber sechs Jahre bleibt, und dann bricht der Zweite Weltkrieg aus. Die B-Seite vom „Zauberberg“, sozusagen, neu aufgelegt, weil die A-Seite so erfolgreich war.

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Aber es ist nur die neue Platte des Popsängers Bryan Ferry. Sie erscheint am nächsten Freitag und heißt „Avonmore“. Und sie klingt nicht mal wie die B-Seite, sondern eher wie die C- oder D-Seite einer Platte, die Ferry vor dreißig Jahren schon einmal mit seiner Band Roxy Music aufgenommen hat: Die hieß „Avalon“, wie der Zufluchtsort des verwundeten Königs Artus, es war die letzte Platte dieser sagenhaften Band, danach ging sie auseinander.

Aus Schwärmerei wird Wut

Auf dem Cover von „Avalon“ posierte damals Ferrys Freundin Lucy Helmore mit einem Falken, später haben die beiden geheiratet (also Lucy und Bryan, nicht Lucy und der Falke oder Bryan und der Falke). Die Songs waren softer, smarter Superpop, „baby-makin’ music“ hat mal jemand dazu gesagt, Männer im Smoking, Frauen mit Cocktailkirschen, wilde Tiere, Cabrios und Kaminfeuer: Großstadtpop erwachsener Menschen mit Weltfluchttendenzen, aber dann reicht es nur für einen neuen Anzug.

Ich könnte stundenlang von dieser Platte schwärmen und sie tagelang hintereinander hören, aber als hier jetzt „Avonmore“ ankam, habe ich doch einen Wutanfall bekommen. Und dann Bryan Ferry mit gebrochenem Herzen auf meine Liste großer Künstler geschrieben, die mit jedem Jahr ein bisschen schlimmer nerven. Der Popsänger Morrissey und der Schriftsteller Bret Easton Ellis stehen auch schon drauf.

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Gitarren aus Buttercreme

Das ist keine Altersdiskriminierung, denn parallel führe auch ich eine Liste großer Künstlerinnen, die mit jedem Jahr nicht nur etwas, sondern immer größer werden: Diane Keaton und Meryl Streep und Joan Didion und Helen Mirren und Judi Dench und Senta Berger und Katrin Sass und Kathryn Bigelow und Kim Gordon und Marianne Faithfull und Vivienne Westwood. Und es ist ebenso wenig Männeraltersdiskriminierung: Clint Eastwood und Udo Jürgens werden ja auch nicht jünger, sondern interessanter.

Das Cover von „Avonmore“ zeigt nicht den neunundsechzigjährigen Bryan Ferry von heute, sondern den Mittdreißigjährigen von damals. Die Schrifttype ist ziemlich exakt die, die Peter Saville für „Avalon“ entworfen hatte, die Sounds auf der Platte sind genauso reaktiviert: Gitarren aus Buttercreme, Perlenpiano, und der Produzent ist auch derselbe wie 1982: Rhett Davies. Hat Ferry gedacht, dass wir es nicht merken? Hat er gedacht, seine Fans würden schon so glücklich über ein neues Lebenszeichen sein, dass sie ihm das verzeihen? Und dann dieser kurze Sprung von Avalon über Helmore zu Avonmore - ein Artus des Pop, als Lord Helmchen gelandet.

Lieber Liedtexte auswendig lernen

Ferry tut da jetzt keinem was mit dieser Platte, er ist nur sehr, sehr langweilig - anders als Morrissey, der in den letzten Jahren dank seiner Verhaltensauffälligkeiten vermutlich berühmter geworden ist, als er es mit seiner eigenen Musik und der seiner Band The Smiths allein je geworden wäre. Migranten beschimpfen, Mitarbeiter rauswerfen, Plattenfirmen wechseln, Mitarbeiter rauswerfen, Kollegen beschimpfen, Plattenfirmen wechseln: Und jetzt möchte Morrissey plötzlich auch nicht mehr, dass seine äußerst erfolgreiche Autobiographie, erschienen im vergangenen Jahr, in anderen Sprachen als Englisch herauskommt. Also weder auf Serbisch noch auf Portugiesisch, Finnisch, Norwegisch, Russisch, Japanisch, Italienisch, Dänisch, Französisch, Polnisch, Griechisch, Schwedisch oder Deutsch. Obwohl er genau das, die weltweite Verbreitung seines Buchs, zuerst ja noch bejubelt hatte: „at times ecstatic, at times overjoyed; at all other times ecstatically overjoyed“. Wie der Mann halt so redet.

Jetzt mag er also nicht mehr, und der Rowohlt-Verlag sitzt da mit seiner Übersetzung, und mit ihm sämtliche Fans, die es sich nicht zumuten wollten oder gar nicht erst geschafft haben, die sechshundert Seiten der „Autobiography“ im Original zu lesen; es ist dann doch etwas leichter, Liedtexte der Smiths auswendig zu lernen und mitzusingen. Aus dem Rowohlt-Verlag heißt es, man werde die Übersetzung nicht ohne Morrisseys Zustimmung veröffentlichen, der melde sich aber nicht, man gebe allerdings die Hoffnung nicht auf, dass er sich noch einmal anders besinnen könnte. Nicht unwahrscheinlich, so oft wie Morrissey in den letzten Jahren seine Meinung geändert hat. Er hat es echt geschafft, dass man sich von ihm wünscht, er würde sich endlich mal wie ein Erwachsener aufführen, und das, wo er früher herrliche, tröstende Lieder darüber gesungen hat, wie wenig das bringt: erwachsen zu sein, einer von denen.

Widerlicher Weltwiderwille

Und dann ist da noch Bret Easton Ellis, der Autor von „Unter Null“, „American Psycho“ und „Lunar Park“. Erst hat er in den achtziger Jahren der amerikanischen Literatur einen korrekt gekämmten Scheitel und eine ordentliche Linie Kokain gezogen. Dann schrieb er - nachdem er das Personal seiner alten Romane in seinen neuen Romanen so oft wiederbelebt hatte, bis dieser Kunstgriff selbst wie ein Untoter immer wiederkehrte - böse Tweets über Kollegen und den Verfall der Fiktion und das Empire von Hollywood. Seit einiger Zeit hat er einen Podcast und interviewt dort interessante Menschen von heute: Kanye West, Ezra Koenig, den Sänger von Vampire Weekend, Matthew Weiner, den Erfinder der Fernsehserie „Mad Men“. Seitdem scheint sich seine Laune wieder etwas gebessert zu haben.

Eine Zeitlang war es nur wirklich schmerzhaft mitzuerleben, wie sich dieser hochempfindsame Bret Easton Ellis da immer tiefer einschaufelte in sein schwarzes Loch in Los Angeles. Plötzlich war der Weltwiderwille seiner Bücher nicht mehr produktiv und elektrisierend, plötzlich war der Widerwille selbst widerlich geworden. Auch das brach einem das Herz. Ellis hatte seinen Neurosen nämlich so wunderschöne Sätze abgerungen, dass man beim Lesen sofort doch wieder daran glauben wollte, dass die Welt ein guter Ort sein könnte. Plötzlich aber beschimpfte er lieber den manisch-depressiven und vor allem toten Schriftsteller David Foster Wallace als Trottel - weil der angeblich Leser hatte, die sich beim Lesen von David-Foster-Wallace-Büchern so schlau vorkamen. (Selber Trottel!)

Schweigen ist Gold

Aber der wahre Trottel, das richtige Monster, die nervensägigste Nervensäge ist natürlich weder Bret Easton Ellis noch Morrissey oder der arme Bryan Ferry, der in Kensington auf Kissen aus Chintz sitzt und gut abgehangene, weil seit hundert Jahren schon irgendwo herumhängende Malerei sammelt: Ich bin es, der Fan. Weil ich Ansprüche stelle, als ob das so einfach ginge in der Kunst. Weil ich mehr und immer mehr und immer Neues will, während ich selbst wiederum nur immer wieder die neuen Bücher und Platten von den immer gleichen Leuten kaufe, sonst würden mir diese Veränderungen ja kaum so genau auffallen. Gleichzeitig will ich natürlich den unverwechselbaren Ton, den ich so liebe, jedes Mal wiedererkennen. Es muss echt anstrengend sein, Fans zu haben. Und sehr schwer, mit diesem obsessiven Verhältnis klarzukommen. Die Chemnitzer Band Kraftklub hat darüber gerade ein sehr lustiges, sehr lautes Lied geschrieben: „Ich hab unsere Fans schon gekannt, da kannte die noch keiner“, singen sie, „damals ging es nicht um Uhren, schnelle Autos oder Weiber / Früher, als noch jeder von den’n was zu sagen hatte, / da ging’s um Ideale, da ging es um die Sache.“

Künstler, hat die Kulturkritikerin Susan Sontag einmal geschrieben, befreien sich durch Schweigen aus dem Sklavendienst an die Welt. Sie beenden, sollte das heißen, das obsessive Verhältnis zwischen sich und ihren Lesern und Hörern, indem sie einfach nichts mehr produzieren, dann können sie auch keine Fehler mehr machen, sich nicht mehr wiederholen oder sogar gezwungen werden, sich zu wiederholen. Dann retten sie sich aus dem Bannstrahl des Todessterns, auf dem nur Leute sitzen, die immer wieder nur die alten Lieder von ihnen hören wollen, und neue natürlich auch, die genauso toll sind, bitte schön. Man macht sich ja keinen Begriff davon, wie oft Bands ihre größten Hits spielen mussten, seit sie die das erste Mal im Probenraum geübt haben. Ich empfinde es zwar selbst als Strafe, mitanhören zu müssen, wie die Rolling Stones immer wieder „Satisfaction“ spielen - aber eigentlich bestrafen die sich da vor allem selbst, vermutlich aus Angst, nicht mehr geliebt zu werden.

Nach diesem kurzen Ausflug in die Selbstkritik aber lieber doch zurück zu Bryan Ferry, der vor „Avonmore“ eine Platte namens „The Jazz Age“ aufgenommen hat, auf der er mit einem Orchester, mit Klarinette, Kontrabass und Saxophon seine größten Hits neu interpretiert. Es war, als würde die Dixieband von der „Knoff-Hoff-Show“ im ZDF auf einmal „Slave to Love“ nachspielen. Es war echt grauenhaft. Und so selbstgefällig, wie es sich keine der Künstlerinnen, von denen eben die Rede war, vermutlich je leisten könnte.

Vielleicht ist diese Selbstgefälligkeit exakt das letzte männliche Privileg in dieser seltsamen Welt, die sich Showbusiness nennt und die sich langsam, viel zu langsam ändert, und es wirkt nur so besonders schmerzhaft und traurig, weil dieses Privileg ausgerechnet von Leuten ausgeübt wird, die man für klüger hielt, und erhaben darüber.

Quelle: F.A.S.
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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