Grace Jones wird siebzig

Die Göttin als Menschin

Von Rose-Maria Gropp
 - 16:16

Lange bevor Cross-Gender in allen Variationen akut wurde, war Grace Jones da. Eine Erscheinung war sie – und ist sie. Seit vier Jahrzehnten rauscht sie in ihren Maskeraden durch das Wahrnehmungsuniversum, zu entgehen war ihr seit den Siebzigern nicht. Und nichts hat sie ausgelassen dabei, um die Spielarten ihrer Exzentrik vorzuführen.

Auch nicht, ein bemerkenswerter Höhepunkt, das sechzigste Thronjubiläum von Königin ElisabethII., als sie viereinhalb Minuten lang in einer schwarzroten postfuturistischen Korsage, halb Bunny, halb entgleiste Zofe, auf der Bühne vor dem Buckingham-Palast „Slave to the Rhythm“ aufführte, die ganze Zeit einen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften kreisen lassend. Am Ende ruft sie: „We love you. Happy birthday to our queen!“ Eine Königin der Nacht grüßt die Monarchin der Tagwelt. Was sich die Queen unter dem Jubel ihres Volks wohl gedacht haben mag angesichts dieser wie aus „Metropolis“ entsprungenen Virago? Da war Grace Jones, geboren 1948 in Spanish Town auf Jamaika, auch schon vierundsechzig Jahre alt.

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MusikvideoGrace Jones – „I’ve Seen That Face Before“

Die Erschaffung der persona Grace Jones muss, nicht zuletzt, harte Arbeit gewesen sein. Die extravagante Schönheit ihres Gesichts und ihres Körpers hatte sie auf ihrer Seite wie ihr Temperament, das auch Prügel in einer Kindheit nicht domestizieren konnten, die zugleich tiefreligiös geprägt war. Eher sind das Prädestinationen zur Domina gewesen. Dazu kommt ihre Begabung für exzessive Selbstdarstellung, die bis heute ihresgleichen nicht kennt. Sie suchte und fand Leute, die damit etwas anzufangen wussten, früh in der Entourage von Andy Warhol mit seinen „Superstars“, im New Yorker Club „Studio54“. Von dort startet sie durch, dann unterstützt von dem französischen Werbedesigner Jean-Paul Goude, der auch der Vater ihres Sohns Paulo ist. Mit Goudes Hilfe inszeniert sie sich in den unerhörten Kostümierungen eines Geschöpfs, das mutwillig alle Regeln bricht, zuvörderst die der Geschlechtergrenzen.

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MusikvideoGrace Jones – „Pull Up To The Bumper“

Person vom anderen Stern

Goude ist es auch, der 1985 den Werbespot für Citroën mit ihr dreht, und den CX2 aus ihrem riesig über der Wüste aufragenden Kopf rasen lässt. Das ist Fanal einer unterkühlten Ästhetik, die unkaschiert mit Elementen des Cyborg spielt; Grace Jones wird ihre Protagonistin. Als Frau-Mann-Maschine – bis hin zur unverkennbaren Stimme – wird sie seit Anfang der Achtziger in ihren Songs und Auftritten zum Fetisch einer offensiven Androgynität. Ihre Alben „Warm Leatherette“ und „Nightclubbing“ machen sie zur goddess ungesättigter Phantasien in einer übersatten Konsumgesellschaft, nicht nur für die gay community. Als Schauspielerin kann sie das in Filmen wie „Conan der Zerstörer“ neben Arnold Schwarzenegger ausleben und 1985 in dem James Bond „Im Angesicht des Todes“. Dort rettet sie als „May Day“, als fleischgewordener Notruf, im letzten Moment Bonds Leben und bezahlt mit dem eigenen Tod – humanes Regen der animalischen Killerfrau.

Es sind solche Bilder von Grace Jones, von den diversen Plateaus ihrer Performances, die sie bis in die Gegenwart konserviert. Mit dem Album „Hurricane“ konnte sie 2008 noch einmal musikalisch anschließen an die frühen Jahre, zu ihren Musikern gehörte auch Brian Eno. Im Herbst 2017 kam die Dokumentation „Bloodlight and Bami“ in die Kinos, für die sie die Regisseurin Sophie Fiennes über Jahre immer wieder begleitet hatte. Fiennes holt die Person vom anderen Stern auf die Erde zurück – Grace Jones als Menschin. Heute wird sie, ohne die, neben anderen großen Zwielichtgestalten wie David Bowie oder Iggy Pop, die Achtziger so viel leerer und öder gewesen wären, siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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