Alicia Keys’ Album „Here“

Wie wir alle leuchten

Von Julia Bähr
 - 11:08

Zwei harte Währungen kennt die Popbranche. Die eine ist, das kommt jetzt überraschend: Geld. Die andere heißt Authentizität. Sie ist wichtiger als Preise, weil man Preise verachten kann, wenn man authentisch ist. Authentizität ist eleganter als Coolness, weil sie niemanden abschreckt. Sie ist aufregender als Präsenz, weil sie jede Gestalt annehmen kann. Und sie ist zugänglicher als Kunst, denn sie erfordert nur sich selbst. Aber sie hat einen Nachteil: Sie lässt sich schwer überprüfen.

Also tastet man sich heran, überfliegt Biographien, hört frühe Lieder, guckt Fotos an. Wenn das alles irgendwie stimmig wirkt, bekommt die Sängerin oder der Sänger den Authentizitätsstempel aufgedrückt - so eine Art Biosiegel des Programmradios, das nie Tim Bendzko spielen würde, übrigens zu Recht, denn das Zeug ist schwer erträglich, aber vielleicht auch zu Unrecht, denn womöglich ist Tim Bendzko es selbst auch, und das wäre dann wieder überaus authentisch.

Bei Alicia Keys hingegen gerät diese Methode an ihre Grenzen. Denn Alicia Keys ist die Hiphop-Braut aus dem New Yorker Viertel Hell’s Kitchen, das damals noch eine harte Gegend war. Sie ist aber auch die Lady mit den roten Lippen, die seit dreißig Jahren Klavier spielt und Chopin liebt. Die vor fünfzehn Jahren mit „Fallin’“ und „No One“ an eben jenem Klavier große Liebeslieder schrieb, die ihr Image prägten. Als Erstes gingen im Sommer dieses Jahres die roten Lippen flöten: Alicia Keys hat sich von Make-up losgesagt. Plötzlich ging sie ungeschminkt über rote Teppiche und auf die Bühne. Das ist für eine Popsängerin kein so viel kleinerer Schritt als es eine Kahlrasur wäre.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Ihr neues Album „Here“ ist auch so ein nacktes Gesicht. Es spiegelt Vergangenheit: Soul der Siebziger und Oldschool-Hiphop. Und es verrät, welche Gedanken dahinterstecken. Alicia Keys schrieb es mit ihren Partnern Harold Lilly und Mark Batson anhand einer Liste von Themen, die sie wichtig fand. Im Booklet zitiert sie Nina Simone: „Die Pflicht eines Künstlers ist es, die Zeiten zu reflektieren.“ Wie stark sie sich damit identifiziert, zeigt sie in den gesprochenen Worten, mit denen sie ihr Album beginnt: „Ich bin Nina Simone im Park. Ich bin Harlem im Dunkeln.“

Angeblich wurde das Album in wenigen Takes aufgenommen. Dieses leicht rotzige Selbstbewusstsein meint man herauszuhören: Nichts wird mehr in das Seidenpapier von Keys’ Klavierspiel gehüllt, stattdessen gibt es Beats, und das passt genauso gut zu ihr wie die Schmachtballaden von früher. „Here“ ist nicht zuletzt als Liebesbrief an Keys’ Heimat New York gedacht, wie sie im Interview mit der F.A.Z.-„Woche“ erzählte. Deshalb kann es auch um Drogensucht gehen, wie in dem fast quälend langsamen „Illusion of Bliss“, in dem ihre Stimme so roh und unverstellt klingt wie selten, fast gepresst - bis sie unvermittelt phantastische hohe Töne auf uns zuschweben lässt. In „Girl Can’t Be Herself“ singt sie von ihrem Make-up-Verzicht, und zwar dank eines Reggae-Flows im Rap mit einer entspannten Leichtigkeit: „Who says I must conceal what I’m made of?“

Zu Alicia Keys’ neuem Gesicht passt diese Musik - und umgekehrt. Ihre Visagistin, die inzwischen fast nur noch dafür zuständig ist, die Haut zu pflegen, hat neulich erzählt: „Sie kam von der Bühne mit einem strahlenden Lächeln. Sie sagte: ,Es ist großartig, kein Make-up zu tragen und einfach zu schwitzen wie verrückt!‘“ Wer schon mal bei einem Konzert von Lionel Richie war, bei dem jedes genussvolle Zurückwerfen des Kopfes am Klavier einem Wolkenbruch gleichkommt, weiß erstens: Das stimmt. Zweitens: Bei Männern war das schon immer okay, während Frauen sich aus irgendeinem Grund jahrzehntelang einer mattierten Sterilität verpflichtet fühlten.

Dass sich Keys nicht mehr schminkt, versteht sie auch als Bekenntnis zu ihrer Hautfarbe. Dazu gehört, dass sie ihren Afro jetzt wild und offen trägt - die natürliche Frisur, zu der sich auch Beyoncé Knowles im Frühjahr bekannte, nachdem sie jahrelang durch Generationen von Glätteisen gezogen worden war. Auf ihrem Album erzählt Keys von einem Mädchen aus Brooklyn, das in der Schule aufgestanden sei und zu seinen Mitschülern gesagt haben soll - und für das, was jetzt kommt, braucht man starke Nerven: „You are not niggers. Ihr seid nicht mal wirklich schwarz, ich beweise es euch. Ich stelle euch alle in eine Reihe, schmiere ein bisschen Vaseline und Babyöl in eure Gesichter, und dann schaut in den Spiegel: Ihr leuchtet.“

Die Musik macht all das leichter. Sie fordert sanft zum Tanzen auf, wirkt vertraut wie Marvin-Gaye-Platten und doch neu genug, um zwanzig Mal hintereinander laufen zu können. Es gibt übrigens neben all den gesellschaftskritischen Stücken auf „Here“ auch ein wunderbares Liebeslied: „Blended Family (What You Do for Love)“ handelt von ihren beiden Stiefsöhnen, die ihr Mann und Produzent Swizz Beatz mit in die Ehe brachte. „Hey I might not really be your mother / But that don’t mean that I don’t really love ya / And even though I married your father / That’s not the only reason I’m here for ya“. Der Refrain wiegt die Angesprochenen sachte: „I think you’re beautiful / I think you’re perfect / I know how hard it gets / But I swear it’s worth it“. Zärtlicher wurden Wahlverwandtschaften und Patchworkfamilien noch nie besungen. Dieses Lied leuchtet noch stärker als Alicia Keys’ Gesicht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bähr, Julia
Julia Bähr
Redakteurin im Feuilleton.
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