Pop
Iggy Pop zum Siebzigsten

Sturz ohne Aufschlag

Von Dietmar Dath
© dpa, F.A.Z.

Das Adjektiv „körperlich“ soll man ja besser nicht steigern. Aber Iggy Pop, geboren als James Osterberg, aufgewachsen in einer Wohnwagensiedlung und berühmt geworden als Sänger der Proto-Punk-Band The Stooges, die auf nur drei regulären Studioalben ganze Notenzivilisationen kaputtgerissen hat, wirkt auch im Alter tatsächlich flagrant und kursiv körperlicher als andere erotische Appetitanreger seiner Branche – Jim Morrison etwa sieht daneben nachgerade zugeknöpft aus, und Mick Jagger wie ein Studienrat, der mit seinen Stichwaffen-Zeigefingern auf der Bühne lächerlich ins Nichts piekst. Iggy Pops Leib ist fremdartiger, seine Muskeln erwecken den Anschein, als wollten sie ihm wehtun, als lauerten sie auf den möglichst schmerzhaftesten Moment für den tödlichen Komplettkrampf.

Eine seiner frühesten Erinnerungen, so hat der Mann oft erzählt, ist die ans selige Schaukeln auf den Knien einer Frau, die ihm ein Lied vorsang, ihn wippen ließ bis kurz vorm Fall und dann in letzter Sekunde wieder zurückriss. Er selbst, das Kind, sagt er, habe dabei nur eins gewollt: dass der Taumel sich unendlich verlängere, der Schwindel sich wiederhole, nochmal und nochmal. Diesem Glücksgipfel muss seine spätere Performance entsprungen sein; er hört nie auf, durch seine Musik zu stürzen, rast hinter sich her und sich voraus, zuckt, kickt und boxt Gespenster, „shakin’ all over“ nennt das ein Titel auf einer seiner besten Soloplatten, „Avenue B“ (1999).

Schon 1970 hieß es über ihn in der „New York Times“: „Iggy Pop has become the freak to watch“, und während ihn andere als atemberaubenden Freak anstarren, blickt er singend, ja schwärmend in Gesichter, die ihm fremd genug sind, dass sie ihm das Gefühl schenken können, er erfahre sich in ihnen von außen, selbstentfremdet, im Blick der Frau, auf deren Knien er überm Abgrund wippt: „I’d feel tragic/Like I was Marlon Brando/When I’d look at my China Girl“, heißt es zum Beispiel in einem Song, den er zusammen mit seinem Wahlbruder David Bowie während der gemeinsamen Berliner Zeit schrieb und auf dem Solodebüt „The Idiot“ (1977) erstveröffentlichte. Zwanzig Jahre später öffnet er sein Herz dann einem anderen weiblichen Sehnsuchtsbildnis, das ihn ebenfalls melancholisch stimmte: „It’s not her baby-fine blond hair/It’s more the desert in her stare/I’ve got a Nazi girlfriend.“

Der inzwischen alte Drache, der da die „Wüste in ihrem Blick“ bewohnen will, gehört vielleicht eher ins Gothic- als ins Punk-Fach – wenn man alle Fotos, die ihn zeigen, aufschlitzt und die Farbe ausbluten lässt, sieht das Ergebnis den expressionistischen Stummfilmen ähnlich, an denen sich Bands wie Bauhaus visuell orientierten, nachdem Punkrock bereits begonnen hatte, zu verwesen – beschleunigter, mit sportlichem Fleiß betriebener Zerfall ist Iggy Pops Lebensdisziplin; aus seiner Stimme weht uns der Geist von T.S. Eliots „Hollow Men“ an, wenn sie muht, nervt und mault wie ein Nebelhorn auf dem gefrorenen Ozean, den Bowie in „Ashes to Ashes“ (1982) besingt.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Dessen amerikanischem Freund wäre so ein scharfes, poliertes Instrument viel zu präzise, einfach nicht stumpf genug; es lohnt sich wirklich, ein paar Parallelversionen, welche die ungleichen Gefährten von Nummern aufgenommen haben, die ihnen gemeinsam gehören, übereinander zu blenden, nicht nur „China Girl“, auch „Neighborhood Threat“, bei Pop auf „Lust for Life“ (1977) zu haben, bei Bowie auf „Tonight“ (1984), einmal als paukenzerhauen-blutbesprenkelter Scherbenhaufen (Iggy Pop), das andere mal als talmi-funky verwackelte Spiegelwand voller ineinander verschmierter Angstvisagen (David Bowie).

Zupft man an Iggy Pop herum, bläst man ihn teilweise auf und drückt ihn an einigen Stellen zusammen, so lassen sich aus ihm Typen herstellen, die ohne seine Vorarbeit schwer denkbar wären, von Glenn Danzig (Misfits, Samhain, allein) bis Henry Rollins (Black Flag, Rollinsband, autonom). Die elastische Weingummiausgabe des Grundprinzips heißt Anthony Kiedis und fluppst für die Red Hot Chili Peppers durch die Gegend, hier lappt die Sache aber schon bedenklich ins vitalistische Missverstehen der keineswegs naiv-optimistischen Parole „Lust for Life“ hinüber.

Wer so viele Folgen hatte, darf als historisch gelten, reif für die Dokumentarfilmaufbereitung, die ihm jetzt Jim Jarmusch gegönnt hat, dessen Stooges-Würdigung „Gimme Danger“ nächste Woche in die hiesigen Kinos kommt. Der Regisseur, der von Berufs wegen auf der Demarkationslinie zwischen löblicher Kommerzverweigerung und bedenklichem Schräge-Ideen-Kitsch herumeiert, konzentriert sich hier aufs Archiv, schnippelt ein paar Trickfünkchen zwischen viele antike und einige neuere Aufnahmen, kurz: Er macht nichts falsch. Ob sich aber Menschen, die damals dabei waren, in diesem Film wiederfinden? Punk hätte so gar nicht fragen mögen. In manchen Städten, manchen Altersgruppen ist aus dem Typus „Punk“ mittlerweile freilich eine Unterart jener seit etwa der Zeit, da die Stooges zusammenfanden, vom Wilden Westen aus in alle Welt exportierten Spezies anti-autoritärer Herdentiere geworden, die gegen alles aufbegehren, was der jeweils gerade neuesten Modernisierung globaler Kulturmärkte im Wege steht. Was das gerade ist, riechen sie unfehlbar und lassen sich daher sofort irgendwo einen Fluch dagegen hintätowieren. Manchmal ist das ein Segen, Modernisierung muss ja sein.

Dem Mann, der als Kind den größten Spaß daran hatte, sich überm Bodenlosen aus sich selbst herausschütteln zu lassen, ging es indes nie um Modernisierung: „Hey look me over/lend me an ear/I am a conservative“, rief er der Welt zu, zur rohen Unverständlichkeit bedingungslos bereit. Heute wird Iggy Pop siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
David Bowie | Jim Morrison | Marlon Brando | Mick Jagger | China | New York Times