Kanye Wests neues Album „Ye“

Die Welt bin ich

Von Kolja Reichert
 - 16:01

Wie angenehm waren die Zeiten, als es die Musikindustrie noch gab. Als man Wochen im Voraus sicher wusste, wann das Album eines verehrten Künstlers erscheinen würde. Man konnte die Vorfreude steigern, indem man die bestehenden Alben noch einmal hörte, konnte die Musikmagazine studieren, die einen verbindlichen Stand verfügbaren Vorwissens übersichtlich aufbereiteten, und am Stichtag ging man in den Plattenladen, und da war es, das Album, es war tatsächlich wirklich da, in Vinyl oder auf CD, jedenfalls als Objekt, das man in der Hand halten und für immer mit nach Hause nehmen konnte.

Heute, da Leute wie Kanye West überhaupt keine richtige Plattenfirma mehr haben, außer ihrer eigenen, und den ganzen Prozess, wie ihre Musik zum Hörer kommt, selbst kontrollieren, und das unter Gebrauch derselben Produktionsmittel, die jeder Mensch verwendet, nämlich Laptop und Internetanschluss, verhält es sich mit der Ankündigung eines neuen Albums ungefähr so wie mit der Ankündigung eines Freundes, später noch die gemeinsamen Urlaubsfotos per Wetransfer zu schicken: Irgendwann kommt halt die Mail mit dem Link.

Wer jedenfalls am Freitag in das Musikgeschäft hineinging, weil Freitag seit Wochen als der Tag bekannt war, an dem das neue Kanye-West-Album erscheinen sollte, der fand dort nichts Entsprechendes vor. Wer aber ins Internet hineinging, erfuhr, dass Kanye West nachts, als alle Europäer schliefen, dazu aufgerufen hatte, eine bestimmte App herunterzuladen, die es um Mitternacht Ortszeit erlauben sollte, per Livestream an einer prominent besetzten Listening Session auf seiner Ranch in den Rocky Mountains teilzuhaben. Die war nun leider vorbei, und leider sind ja inzwischen auch alle Orte trockengelegt, an denen man sich einst einfach eine illegale Kopie besorgt hätte. Und das Albumcover, das Kanye West, wie seine Gattin Kim Kardashian kolportierte, noch schnell aus dem Fenster des fahrenden Wagens auf dem Weg zur Listening Session geschossen haben soll, war ausschließlich auf Kardashians Instagram-Feed zu sehen: ein Schnappschuss der Berge von Wyoming, sanft verwischt durch die Bewegung des Automobils, darauf wohl mit Finger auf Handydisplay schnell dahingekritzelt ein Sinnspruch von diesem bösen, heiteren Witz, für den man Kanye West eben lieben kann: „I hate being bipolar it’s awesome“.

Ohne Uniabschluss
Rapper Kanye West ist jetzt „Ehrendoktor“
© Reuters, reuters

Unter Inkaufnahme fremder und eigener Opfer

So verließ man sich für den Rest des Tages darauf, dass West, sobald er seinen Rausch ausgeschlafen und sein Handy in die Hand genommen hätte, dort auf den Button drücken würde, der das Album auf den bekannten Streamingplattformen erscheinen lassen würde. Bis die Musikblogs begannen voneinander abzuschreiben, dass man sich zum Hören erst wiederum eine andere bestimmte App herunterladen müsse, auf der das Album dann um achtzehn Uhr deutscher Zeit auftauchen würde. Nerv.

Es ist das verlässliche Sender-Empfänger-Verhältnis der alten kulturindustriell organisierten Zeit einer nervtötenden Umständlichkeit und Unübersichtlichkeit gewichen. Man ist den Hyper-Egos, wie Kanye West eines ist und seine Frau Kim Kardashian auch, jetzt vollkommen ausgeliefert, wenn man sich denn für sie interessiert.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Warum aber, fragen Sie jetzt, sollte man sich denn überhaupt für sie interessieren?

Weil der am kommenden Freitag 41 werdende Kanye West einer der interessantesten Kulturproduzenten der Gegenwart ist, vergleichbar vielleicht noch mit den rätselhaften Ausstellungen der Fondazione Prada; weil sich durch die Betrachtung beider Institutionen ein relativ präzises Bild der medialen Kondition der Gegenwart gewinnen lässt, dessen, was Veröffentlichen in einer Zeit wackliger Wände, leckschlagender Räume und der totalen Überblendung von privatem und öffentlichem Content bedeutet. Weil West neue Formen dafür findet, was es in einer hysterischen Handyöffentlichkeit, in der sich ein Selbst fortlaufend ungefiltert in die Welt einschreiben kann, denn heißt, ein Selbst in der Welt zu sein. Weil er wie wenige andere Künstler sein Medium nutzt, um zu untersuchen, was unter diesen veränderten Produktionsbedingungen ein Künstler ist und was ein Werk. Und das glücklicherweise nicht, indem er ein schlaubergerisches Erkenntnisinteresse vor sich herträgt; nicht indem er eine Analyse in Theorie übersetzt und diese in Musik, sondern indem er auf dem durch Handys beförderten Narzissmus reitet und schaut, wo er ihn hinträgt, unter Inkaufnahme fremder und eigener Opfer.

Jede Setzung gegen den Strich gebürstet

So ist ein rundum kaputtes, aufwühlendes, analytisch schwer aufzulösendes Video wie das zur Single „Famous“ zu verstehen, in dem er sich 2016 schlafend im Bett mit Silikonpuppen von unter anderen George Bush, Donald Trump, Taylor Swift, Bill Cosby und Kim Kardashian zeigte. Und so sind wohl, abgesehen von möglicherweise im Spiel befindlichen Drogen, auch seine jüngsten Twitter-Eskapaden zu verstehen, in denen er erwog, den Schönheitschirurgen, der seine Mutter vor deren Tod operierte, aufs Cover des neuen Albums zu setzen; oder seine Faszination für die Durchsetzung des rüpelhaften Selbstdarstellers mit dem Tragen einer Trump-Mütze kundtat, worauf sich viele Sprecher schwarzer Kultur von ihm abwandten. Politik ist mit Kanye West nicht mehr zu machen. Doch je mehr er selbst Maß und Orientierung verlor, desto mehr bot er ein Maß für den Realitätsverlust der Gesellschaft, in der er lebt. In seinen inner- wie außerwerklichen Äußerungen spiegelt sich das Zersplittern der öffentlichen Sphäre, der drohende Verlust eines auf Argumenten basierenden Streites, wenn nicht überhaupt der Möglichkeit einer geteilten Bezugnahme auf irgendwas.

Der andere, viel einfachere, aber mit Obigem verbundene Grund, warum man sich für Kanye West interessieren sollte, ist der, dass seine Musik zur schönsten gehört, die das frühe 21. Jahrhundert zu bieten hat. Weil er den Hiphop aus den Angeln eines Überbietungskampfes auf Basis des Viervierteltakts gehoben und in eine verspiegelte, quecksilbrige, futuristische Leichtfüßigkeit überführt hat, zusammengehalten durch die mal bellende, mal melodisch sich aufschwingende Intonation mit einer Stimme von Karamell. Weil er dafür die euphorischen Formeln schwarzer Selbstverständigung aus dem Gospel einsetzt, gleichzeitig aber deren Transzendenzversprechen nach innen stülpt, in einer buffonesken Heiterkeit, die sein Werk seit dem 2004 veröffentlichten Debütalbum „The College Dropout“ durchzieht. Mit lausbübischer Verschmitztheit wird jede Setzung gegen den Strich gebürstet, kein Baustein aus dem übernommenen Erbe – Tradition ist ja im Hiphop alles – sitzt, wie er vorher saß, nichts ist eindeutig, alles bleibt in Bewegung, in einem tricksterhaften Spiegeltheater.

Arroganz und Narzissmus als Methode

Mit dem Liebeskummer-Album „808s & Heartbreak“ führte West eine dem R&B entlehnte Innerlichkeit und eine durch Autotune beförderte Androgynität in den Rap ein und entdeckte die Spiegelkammer der eigenen Psyche als Material. Das Album „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ war 2010 ein hochartifizielles Monumentalgemälde mit pathetischen Hymnen, begleitet durch einen zwanzigminütigen von der Künstlerin Vanessa Beecroft gestalteten Musikfilm. West löste sich zunehmend aus der Gegenöffentlichkeit des Rap und setzte einen universalen Geltungsanspruch.

Wendepunkt war 2013 das herrlich kaputte, zersägte Album „Yeezus“ mit seinen tribalistischen Basstrommeln und jäh abfallenden Synthesizerwänden. Hier erreichte West den Höhepunkt seiner Collagekunst, auf den schließlich 2016 mit „Life of Pablo“ die radikale musikalische Entkernung und der Abschied vom Meisterwerk folgte. Der Bezug auf Gesellschaft war dem Ich-Bezug gewichen: „See, I invented Kanye, it wasn’t any Kanyes / And now I look and look around and there’s so many Kanyes“. Und dieses Ich als Weltersatz prägt nun mehr denn je auch Wests Album „Ye“, das am Freitagnachmittag plötzlich doch auf Spotify auftauchte.

Es eröffnet ganz, ganz langsam mit einem grandiosen Negativraum, gebildet durch einen sehr tiefen, leicht kratzenden, sich anemonenhaft hin- und herwindenden Bass, über- und hintereinander schwebende Chorsamples, gesungen von West und der Gruppe Francis and the Lights, und Wests unheimlich nah gemischter Stimme, die ein Mantra aus Mord- und Selbstmordphantasien wiederholt. „And I think about killing myself, and I love myself way more than I love you, so ...“. Indem West dieses Plausibilität beanspruchende „so“ so keck hinterherwirft, bricht er die Figur arroganter Verhöhnung wie auch den Narzissmus, den er später offen als Methode reflektiert: „See, if I was trying to relate it to more people / I’d probably say I’m struggling with loving myself“ – aber diesen Bezug auf mehr als sich selbst erklärt er hier für erledigt. Und indem er die eigene Stimme an- und abschwellen lässt und einmal ganz tief heruntersteuert, als er von seinen „echt düsteren Gedanken“ spricht, kehrt er einmal mehr den heiteren Trickster heraus.

Ein Aufrechterhalten von Uneigentlichkeit

Der Verschließung des Innenraums entspricht die musikalische Gestaltung des Albums, das fast ganz ohne stadionfähige Hookline auskommt. Die wild ausschlagenden Amplituden früherer Hits schmelzen auf einen düsteren Mittelwert. Die Inhalte beschränken sich weitgehend auf das, was Kanye West die letzten Wochen in seinem selbstzerstörerischen Erkundungsdrang angestellt hat, vor allem seine Äußerung, 400 Jahre Sklaverei müssten ja eine Entscheidung der Opfer gewesen sein, und der darauf folgende Anruf der alarmierten Gattin („We ’bout to lose it all!“), die dann trotzdem zu ihm hielt, was West als Feststellung wohl wichtiger erscheint als irgendeine klärende Stellungnahme zu diesem durch nichts zu rechtfertigenden Unsinn – so wie er auch die MeToo-Bewegung nur streift, indem er sich fragt, was wäre, wenn es ihn erwischte. Man muss West wohl als Produzenten von Aussagen, auf die sich aufbauen ließe, endgültig abschreiben. Von den produktiven Provokationen des Rap bleibt nur die reine Form des Um-sich-selbst-Kreisens, ein Sprechen um des Sprechens willen, ein Formalismus der Aggression und Autoaggression. West wird damit endgültig vom Analytiker kollektiver Psychosen zu deren Symptom.

Immer wieder geht es um die Brüchigkeit des Bezugs auch auf die allernächsten Menschen: „I don’t feel that she’s mine enough“, lässt er den Sänger PartyNextDoor den Song „Wouldn’t Leave“ eröffnen. Und schleift dann in die Liebeserklärung an seine beiden Töchter, die ihm geholfen hätten, Frauen nicht als Beute, sondern als etwas zu sehen, um das man sich kümmern müsse, die Andeutung einer Ménage à trois mit Nicki Minaj ein, deren Gastauftritt sich auf eine rätselhafte Mailbox-Nachricht beschränkt.

Diese schließt das Album nach 23 Minuten ab, was die Frage aufwirft, ob man von einem Album sprechen kann. Klar, es enthält sieben Songs, diverse Gastauftritte und Reverenzen an musikalische Helden. Es enthält wertvolle Entdeckungen wie die zwanzigjährige Sängerin 070 Shake, die kürzlich auf Wests Label Good Music ein starkes Album veröffentlicht hat. Aber nirgends wird, außer in den sehr prononcierten Raps, Meisterschaft ausgestellt. Das Album wirkt wie eine Skizze, und erst als solche ist es musikalisch interessant: als Aufrechterhalten von Uneigentlichkeit und Inkohärenz. Was West hier, ob beabsichtigt oder nicht, nahelegt, ist ein Verständnis kultureller Produktion, in dem die dominante Veröffentlichungsform nicht das Werk ist, sondern der Post, wie auf Instagram oder Twitter: Plötzlich taucht etwas auf. Für kommenden Freitag ist das nächste Album angekündigt.

Quelle: F.A.S.
Kolja Reichert
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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