Kendrick Lamar in Frankfurt

Willst du gut oder böse sein?

Von Uwe Ebbinghaus
 - 11:29

Wenn ein Hype auf die Wirklichkeit trifft, muss er nicht zwangsläufig auf dem Boden der Tatsachen zerschellen. Es gibt ja auch ein Hochgefühl oder Hochgerede, das mit dem Wunsch nach selbsterfüllender Prophezeiung einhergeht. Großereignisse wie Weltmeisterkämpfe im Boxen wären ohne dies nicht denkbar. So richtig groß kann es nur werden, wenn es vorher auch als solches angekündigt wurde.

In der Musik wird momentan wohl kein Künstler mit so hohen Erwartungen befrachtet wie der dreißig Jahre alte Rapper Kendrick Lamar. Gleich mehrere kulturelle Kraftlinien laufen in seiner Person zusammen. Zum einen wird er von vielen an die Spitze eines Paradigmenwechsels in der populären Musik gestellt, demzufolge der Hiphop die Rockmusik in der Publikumsgunst verdrängt habe. Und tatsächlich scheint derzeit keine Musikrichtung mit der Flexibilität und Integrationskraft des Hiphops mithalten zu können. Eminem rappt auf seinem neuen Album „Revival“ mit dem Soul-Barden Ed Sheeran, Lamar singt Duette mit Rihanna oder U2. Unerwartete Reime triumphieren über Gitarrenriffs, Beats verdrängen und umarmen eingängige Pop-Melodien.

Rap umarmt den Pop

Auch inhaltlich hat Hiphop in den letzten Jahren erfolgreich sein Spektrum erweitert. Es umfasst heute alles von der Partymusik bis zur politischen Predigt, vom Gangsta-Rap bis zur Ironisierung desselben. Hiphop ist eine in ihrer Komplexität oft unterschätzte Kunstform, die stetig von meist schwarzen Hochbegabten aus oft prekären Verhältnissen aufgefrischt wird – was die weißen Hörer in die paradoxe Situation versetzt, bestimmte Wendungen wie die ironische Anrede „Nigga“ in ihrer Alltagssprache eigentlich nicht verwenden zu können.

Zuletzt konnte man die besondere Durchsetzungsfähigkeit des Hiphop bei der Verleihung der Grammys Ende Januar beobachten. Da gewann zwar Bruno Mars mit geschmeidigem Pop den Preis für das beste Album, haften aber blieb der fulminante Eröffnungsauftritt Kendrick Lamars. Ironisch schrieb er zuerst die Worte „This is a satire“ in den Bühnenhimmel und rappte dann derart artistisch und schnell, dass man meinen konnte, einer leibhaftigen Künstlichen Intelligenz bei der Arbeit zuzusehen.

Amerika
Rap-Hauptstadt ehrt Kendrick Lamar vor Grammys
© afp, afp

Eine andere große Kraftlinie der schwarzen Unterhaltungskunst manifestierte sich nur kurze Zeit später in dem mit großen, auch finanziellen Erwartungen angelaufenen Superhelden-Film „Black Panther“. Erstmals in einer Hollywood-Produktion werden hier fast alle Heldenfiguren von schwarzen Schauspielern dargestellt, und diese kämpfen nicht etwa um gesellschaftliche oder kulturelle Anerkennung, sondern um die Organisation eines hochentwickelten, reichen Landes namens Wakanda in Afrika – der Versuch einer selbsterfüllenden Prophezeihung in ganz großem Stil sozusagen.

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Kinotrailer„Black Panther“

Kuratiert und zum Teil selbst eingespielt wurde der Soundtrack von Kendrick Lamar, was naheliegender nicht sein könnte. Denn auf Lamars jüngstem Album, „Damn“ aus dem Jahr 2017, sind die Grundfragen und zentralen Konflikte eigentlich dieselben wie in „Black Panther“: Willst du gut oder böse sein? Wie kannst du (als Schwarzer) die größte politische Wirksamkeit entfalten? Die Antwort gab Lamar in einem bemerkenswerten Gespräch mit dem Magazin „Rolling Stone“. Es bringe nichts, über Trump zu rappen, sagte er, wichtiger sei, sich erst einmal in Selbstreflexion zu üben und die eigenen Stärken hervorzukehren, die Widersacher also mit Selbstvertrauen zu überrumpeln.

Bei diesem Vorgang nun wollte ihm am Donnerstag ein extrem junges Publikum in der ausverkauften Frankfurter Festhalle zuschauen. In welche Richtung würde der mit erstaunlich untrüglichen Instinkten gesegnete Künstler den Hype um seine Person kanalisieren? Die Show beginnt mit einer Art Übersprungshandlung: Der Vorhang geht hoch, auf der Leinwand im Hintergrund erscheinen flimmernde Bilder, die an billige Hongkong-Trailer der siebziger Jahre erinnern. Ein ausgemergelter chinesischer Meister kündigt Kung Fu Kenny an, eine von Lamar für die Tour entwickelte Kunstfigur. Es macht „paff, tschak, bumm“, im Hintergrund explodieren echte Feuerstöße, die bis in den ersten Rang zu spüren sind, und auf der Bühne erscheint unter dröhnenden Bässen kein schwarzer Helden-Panther, sondern ein in weißes Tuch mit Fransen gehüllter Tai-Chi-Rapper, die Zöpfe zum Samurai-Dutt gebunden.

Von Anfang an tritt Lamar bei der Frankfurter Station seiner „Damn“-Tour fast gebieterisch in Dialog mit seinem Publikum, dutzende Male zählt er „one, two, three“ ein, hebt die Hand, und die ganze Halle rappt mit, in einem Höllentempo, die Hände gehen hoch, die Hände gehen runter.

Ein beschwörender Schamane

In den eher textlastigen Passagen seiner Songs schreitet Lamar wie ein beschwörender Schamane über die Bühne, dann kommt ein Break, und er tanzt mit Partyhopsern so lange auf der Stelle, bis er theatralisch ermattet in erholsame Ausfallschritte verfallen muss, die an den Kino-Freibeuter Jack Sparrow erinnern. Der zuweilen schräg gelegte Kopf hingegen scheint zu einem nach Erleuchtung suchenden Propheten zu gehören.

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Musikvideo„HUMBLE.“ von Kendrick Lamar

Die Vielzahl von Stimmen, über die Lamar auf seinen Alben verfügt, seine zum Teil hochartifiziellen Wortspiele – in dem Song „DNA“ zum Beispiel reimt er, verbunden mit der Frage, was schwerer wiege, „faith“ auf „fate“ – treten an diesem Abend zurück. Es sind Hooklines wie „Sex, money, murder – our DNA“, die hängenbleiben und in der Frankfurter Konzertatmosphäre wie unwiderstehliche Kinderreime auf einem Weltraumflug klingen. Souverän harmoniert Lamar, der meist allein auf der Bühne steht, mit der Tontechnik. Das wichtigste Instrument aber ist das Publikum, das ihm sogar die Einsätze abwesender Duettpartner abnimmt.

In dem „Rolling Stone“-Interview sprach Lamar davon, dass er bei seinen Konzerten eine gemeinsamen Euphorie mit dem Publikum anstrebe. Was er damit meint, versteht man, sobald die harten Klavierklänge des von allen erwarteten Hits „Humble“ ertönen. Es ist ein Wunder, aber das Publikum singt das bei den großen Streamingdiensten über eine Milliarde Mal abgerufene recht komplizierte Lied lauthals von Anfang bis zum Ende fast allein. Wer aber ist die „Bitch“ im Refrain, mit der im Hiphop jedwede störende Person bezeichnet wird? Er selbst sei es, der da zur Demut ermahnt werde, hat Lamar zu Protokoll gegeben. Und das Publikum wird in Frankfurt auf verschlungenen Pfaden zu seinem Sprachrohr in einem allgemeinen Reinigungsprozess. Nach vielen alttestamentlichen Anspielungen singt er anschließend nur noch das Lied „God“ und verabschiedet sich nach achtzig Minuten mit einer Botschaft aus Liebe und Gemeinschaft im Hier und Jetzt. Doch jeder Kult des Augenblicks muss enden, Lamars gerappte Zaubersprüche wirken lange nach.

Quelle: F.A.Z.
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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