„Kiss“ auf Tournee

Funkenpracht schießt aus Gitarrenhälsen

Von Klaus Ungerer
 - 10:46

Noch vor kurzem hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dieser Veranstaltung beizuwohnen. Kiss, die kannte ich noch aus frühester Jugend, aber eigentlich waren das doch immer nur die Poster von denen aus der Bravo, selbst hielt ich es mit AC/DC, und es waren damals noch Zeiten, in denen man sich entscheiden musste zwischen Bands, zwischen Musikrichtungen, zwischen Sportschuhmarken und Füllerpatronen. Kiss, das waren die Angemalten, das waren die Poser, und wenn ich ehrlich bin, war ich nie viel weiter in diese Band vorgedrungen als bis zu ihrem seltsamen, untypischen Discostampfer „I was made for loving you“, der so wenig zu ihrem Image als AC/DC-Konkurrenten passen wollte.

Nun aber hat man mich hierher gebracht, in die Berliner O2-Arena, und vorne stehen wirklich und wahrhaftig Kiss, eine Stimme kündigt die Best Ager in ihren Comic-Kostümierungen als die härteste Band der Welt an, das ist natürlich schon lustig, und die äußerst nette Begleitung, die man im Schlepptau zu haben meint, nimmt einen ins Schlepptau und zieht einen durch anprallende Schultern und zahllose Kiss-T-Shirts und diverse kissig angemalte Menschen zwischen acht und achtzig bis ziemlich weit nach vorn vor die Bühne - so wenig kann oder will man dem Sog widerstehen, und die Arena ist auf angenehme Weise zu zwei Dritteln gefüllt, so dass man die größte Show der Stadt erleben kann, ohne plattgequetscht oder allzu nachhaltig angemault zu werden.

Plötzlich fährt Gene Simmons die berühmte Zunge aus

Kiss sind phantastisch. In achselzuckender Erwartung einer kuriosen Altherrenrevue war man gekommen, aber was man nicht bedacht hatte: Eine kuriose Revue, die Kiss mit Entschiedenheit immer gewesen sind, kann im Glücksfall immer besser werden, wenn die beteiligten Opis es denn ernst meinen mit ihrem Beruf. Und das tun die angemalten, auf Plateauschuhen ihren Job verrichtenden Herren Simmons, Stanley und Co: Von der ersten Sekunde an rocken sie die Bude sehr amtlich mit ihrer, für ältere Herrschaften erstaunlich knackig gebliebenen Treibermucke zwischen ZZ Top, Joan Jett und AC/DC, und, ja: In der Überpose ihrer Verkleidung finden sie wieder zu einer Authentizität, die so vielen Innerlichkeits-Schrammlern abgeht.

Nichts ist doch ehrlicher und nachvollziehbarer, als sich in durchgeknallte Kostüme zu kleiden, wenn man sich denn auf eine Bühne vor ein paar tausend Menschen hinstellen will, die Spaß begehren. Kiss regieren die Halle, es ist, als ob ihre Superkostüme ihnen Superkräfte verleihen, und mit großer Hochachtung sieht man ihnen beim verlässlichen Vollzug ihrer Arbeit zu: In regelmäßigen Abständen, wenn er seine Projektion auf den Riesenscreens weiß, fährt Gene Simmons die berühmte Zunge aus, welche nichts an Länge und Elastizität eingebüßt hat, rollt mit den Augen, schleckt unter beeindruckendem Speichelfluss die Saiten seiner Gitarre ab, lässt sich an einer Stelle auch das klassische, nie verstandene und nie erklärte Kunstblut martialisch aus den gut geblähten Backen rollen, und während er auf diese Weise wieder das unkaputtbare Schwarzweißmonster aus den siebziger Jahren ist, der HSV unter den Glamrockern, so ist er doch immer auch ein augenzwinkernder Herr in den besten Jahren, der der Welt gibt, was die Welt ganz offensichtlich so dringend verlangt: Rockmusik, die Partymusik sein will und daher vor allem Nonsens sein muss.

Plektrons für die Menge

Simmons hat den Übergang vom Provoschocker zum mild-ironischen Selbstzitat mit großer Würde hinbekommen, es ist kein Platz für das herablassende Mitleid, das ich für Kiss eigentlich mitgebracht hatte: Sie brauchen es nicht. Sie wollen sich und uns einen schönen sinnlosen Abend anbieten, sie lassen es nicht nur blitzen und nebeln, sondern auch arhythmisch böllern auf der Bühne, sie fahren immer noch mitsamt ihren Instrumenten auf absurden Hebebühnen in die Höhe, um dort weiter zu musizieren, Funkenpracht schießt ihnen aus den Gitarrenhälsen, Konfetti flattert in weißen Wirbeln auf die Menschen hernieder, Stöße heißer Luft erreichen einen im selben Moment, da man die Feuersalven auf der Bühne hochschießen sieht, der Bierbecher zittert von den Bässen und vom eigenen Mitgebrüll, Charmeur Paul Stanley an der Gitarre wirft im Sekundentakt Plektrons in die Menge, und er vergisst nicht, wie meine wunderhübsche Begleitung mir versichert, eine Kusshand zu retournieren, die sie ihm, wie sie mir versichert, ihrerseits hoch auf die Bühne befördert hat.

So gut ist die Laune, die Kiss verbreiten, dass einem nicht einmal die eigene vorgeprägte Unterbildung zum Problem wird. Immer mal wieder von der entzückenden Begleitung gefragt, wie denn das Lied gerade heiße oder was für einen Text man jetzt im Moment mitzusingen habe, weiß man nie so wirklich eine Antwort, es wird wohl mal wieder „Creatures of the night“ oder „I love it loud“ oder „War Machine“ gewesen sein; immer aber kann man problemlos einstimmen in die Songs, wuuhuu, kann man irgendwas mit Party, Rock ’n’ Roll und Liebe rausgrölen, und wenn man textlich nicht weiterweiß, ruft man nach Hertha BSC, ein prima Abend war das im Rockvariété. Ein Abend, über den man noch gerne lange nachdenken würde, ein Abend wie gemacht, um sich an den Händen zu fassen mit einer schönen Stimmung in der Seele und, denn auch das hatte man vorher noch niemals getan, in der nächstgelegenen Karaokebar zu verschwinden.

Quelle: F.A.Z.
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