Zum Tod von Natalie Cole

Limonade zu Champagner

Von Wolfgang Sandner
 - 16:27

Kinder berühmter Eltern – alle Schilderungen dieser schwerbeladenen Beziehungskisten gipfeln sozusagen in Verhältniswörtern: angesichts, aufgrund, dank, wegen, infolge, kraft, statt, trotz, zugunsten. Was sie auch immer tun, die Kinder werden gemessen an ihren Eltern. Auch darin, die Vorfahren unsichtbar zu machen, indem man sich einen unverfänglichen Namen zulegt, drückt sich noch Abhängigkeit aus. Insofern hat die Seelenkunde recht: Vererbung bedeutet nicht Schicksal, sondern drohendes Schicksal. Ob die Drohung wahr wird, entscheidet sich im Wechselspiel zwischen Umwelt und eigener Lebensform.

Natalie Cole sah aus wie ihr Vater, sang wie ihr Vater, reiste als Kind mit ihm und teilte elfjährig schon mit ihm die Bühne. Sie nahm Songs auf, die untrennbar mit Nat King Cole verbunden waren, wandelte auf seinen Spuren mit lateinamerikanischen Standards, mit denen er noch einmal eine zweite erfolgreiche Karriere begonnen hatte. Schließlich sang sie ein Duett mit ihm, das nur in einer modernen Welt voller Simulationen möglich gewesen ist; der Vater war da schon ein Vierteljahrhundert tot. Ein Namenswechsel wäre für die stolze Tochter eines der größten Jazzsängers und Crooners des amerikanischen Entertainments nie in Frage gekommen.

Damit hat Natalie Cole alles falsch gemacht, wenn man es von einem psychoanalytischen Standpunkt aus sieht, und alles richtig, wenn man ihre Karriere Revue passieren lässt, die ähnlich erfolgreich gewesen ist wie die ihres Vaters. Nicht Distanz lautete ihre Devise, vielmehr herzliche Umarmung. Sie fuhr bestens damit und nahm den Startvorteil als Tochter eines berühmten Künstlers gerne in Kauf. Nat King Cole musste sich noch für fünf Dollar die Nacht in Bierkneipen von Los Angeles mit „White Christmas“ und „Mona Lisa“ über Wasser halten, bevor man sein großes Talent als Pianist und Sänger mit unverwechselbar rauchigem Jazztimbre erkannte. Natalie Cole nahm ihr bezeichnendes Debutalbum „Inseparable“ 1975 auf und erhielt dafür gleich zwei Grammys. Vier Jahre später bekam sie einen Stern auf Hollywoods Walk of Fame. Noch keine dreißig, war sie schon auf einem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt.

Das alles aber den Meriten ihres Vaters zuzuschlagen wäre fahrlässig. Natalie Cole war eine von ihren Eltern bestens ausgestattete Künstlerin; auch ihre Mutter Marie Ellington, ohne Verwandtschaftsgrad zum Duke, war Sängerin. Daraus entwickelte sie selbst eine imposante Karriere, die kaum so konstant in den oberen Regionen der amerikanischen Jazz-, Rhythm-&-Blues- und Pop-Charts mit insgesamt mehr als vierzehn Millionen Schallplatten verlaufen wäre ohne ihre eigenen musikalischen Qualitäten. Auf einem ihrer schönsten Alben „Ask a Woman Who Knows“ von 1993, bei dem sie von einem grandiosen All-Star-Ensemble mit Herbie Hancock, Joe Sample, Alan Broadbent, Roy Hargrove, Christian McBride und Jeff Hamilton begleitet wurde, hat sie ihr Lebensmotto beschrieben: aus Zitronen Limonade und aus Limonade wiederum Champagner zu machen. Es ist ihr musikalisch besser gelungen als in ihrem Privatleben.

Zum achtzigsten Geburtstag des berühmten Apollo-Theaters in Harlem vor einem Jahr stand Natalie Cole völlig zu Recht als Star neben Gladys Knight, Joss Stone, Savion Glover und den Isley Brothers auf der Bühne des Hauses, das alle Größen des afroamerikanischen Showbusiness gesehen und gemacht hat. Sie sang ihre Songs mit diesem Schlafwandler-Timing, diesem warmen Timbre und einer unglaublich sicheren Intonation, dabei doch mit all den Verschleifungen und Eintrübungen des Jazzgenres, wie es nur die Größten von Billie Holiday bis Dianne Reeves so zustande gebracht haben. Dieses Niveau hat sie, und davon zeugen ihre vielen Aufnahmen, in ihrer mehr als vierzig Jahre währenden Karriere durchgehalten, trotz aller Schicksalsschläge, Drogenabstürze und vielen Krankheiten. Am letzten Tag des vorigen Jahres ist sie in ihrer Heimatstadt Los Angeles im Alter von fünfundsechzig Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.
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