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„Younger Now“ von Miley Cyrus

Deine Stimme zählt

Von Dietmar Dath
 - 11:30
Diese Stiefel sind nicht nur zum Spazieren gemacht: Miley Cyrus ist nichts Menschliches zwischen Country, Rock und Tanzmusik fremd. Bild: Getty, F.A.Z.

Aus dem Rascheln arbeitet sich eine zundertrockene Gitarre nach vorn, darüber meldet die Prinzessin auf der Erbse einen verschwommenen Zustand: „Feels like I just woke up, like all this time I’ve been asleep.“ Ein Schlagzeug bringt Bewegung rein, Veränderung, denn „nooo one stays the same“, der Beat fällt in netten Galopp, dieses Pferdchen hat Flügel – so muss ein Album anfangen, mit dem Titelstück: „Younger Now“.

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„Album“ heißt hier: komplettes Klangbuch, von einem Zentralmotiv durchdrungen, elf Stücke, aufs Hintereinanderhören angelegt, also keine brandneue Büchse voll Trällermelodieluftschlangen, was auch okay gewesen wäre (Kunst darf ja alles, was sie kann).

Aber wieso „Younger Now“? Das Archiv erkennt eine Nobelpreisträgeranspielung; bei Bob Dylans heißt es in „My Back Pages“: „Ah but I was so much older then, I‘m younger than that now.“ Jüngerwerden, inwiefern? Hat die vierundzwanzigjährige Destiny Hope Cyrus, weltbekannt als Miley, geboren in Williamson County nahe Nashville in Tennessee, einer der reichsten Gegenden der Vereinigten Staaten, umzingelt von Unterhaltungsstars wie Faith Hill und Dolly Parton, vielleicht was nachzuholen, eine Pubertät zum Beispiel?

Strich unter die Disney-Rechnung gemacht

Als Kind und Jugendliche war sie „Hannah Montana“, Akkordarbeiterin und Warenzeichenträgerin des Disneykonzerns, die am Drehort ihrer Show mit hochbezahltem Personal der privaten Bildungsagentur „Options for Youth“ Mathe büffeln musste, wenn die Kameras gerade aus waren. Will sie, „younger now“, endlich in die Schule? Disney-Kolleginnen wie Britney Spears oder Selena Gomez haben die Zeit bei der Maus nicht immer glatt verarbeitet, frühes Ausbrennen kam vor, Abschmieren und Angeschmiertwerden von der Skandalöffentlichkeit, Drogengerüchte, Schmuddelschnappschüsse...

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Miley Cyrus hat ihren Strich unter die Disney-Rechnung mit einem sehr dicken Stift gezogen: Die Verwandlung von der idealen Schwiegertochter zum Sexfratz fand mitten im Schaufenster statt, schien aber kein Kontrollverlust. Eher sah es so aus, als hätte sie vor dem Abstreifen der Klamotten die jüngere Kulturzeitgeschichte studiert und dabei gelernt, dass die sogenannte sexuelle Befreiung der Sechziger jungen Frauen nur vordergründig den erotischen Subjektstatus versprach, um sie dann schleunigst in die symbolische Prostitution einfältiger Verfügbarkeitsposen zu verkaufen. Um nicht auf dergleichen auszurutschen, suchte sich Frau Cyrus für ihre entblößte Phase, deren Hauptattraktion das Nackedei-auf-der-Abrisskugel-Video zur Mammutballade „Wrecking Ball“ war, ein paar anspruchsvolle Zeigeplattformen, stellte mit langen, lustigen und smarten Interviews zu den Fotostrecken jeweils einen künstlerischen Kontext her (fürs fingerfarbenversaute Para-Porno-Feature im New Yorker „Paper“ 2015, inklusive lebendiges kleines Schweinchen, etwa den Frage-Antwort-Essay „Miley Cyrus: Use your voice“) und fläzte sich in Räumen, die Otto Normalvoyeur meidet, weil er da Sachen zu sehen kriegt, die seine Geschlechternormen anzünden – die wildesten Bilder gab’s im „Candy Transversal“-Magazin zu sehen, fotografiert vom in jeder Hinsicht unmöglichen Terry Richardson, umgeben von konfrontativ schönen Inszenierungen verweigerter Rolleneindeutigkeit.

Als ein Jahr später das Video zur ersten Vorabsingle der „Younger Now“-Kampagne ins Netz fiel, „Malibu“, schien der Hormonsturm schon wieder ausgestanden. Jetzt gab die Künstlerin sich zwar nicht reuig, aber doch reifer, als habe eine Seele, deren Selbstenthemmung einem tieferen autotherapeutischen Zweck gefolgt sein muss, das Lenkrad nur mal kurz losgelassen und lege jetzt die rechte Hand wieder drauf, um gelassen gegenzusteuern, bevor es in den Graben geht, wo viele sie schon liegen sahen – nicht nur sexhalber, sondern schon beim künstlichen Medienaufruhr um die berüchtigten Verse „So la da da di we like to party / Dancing with Molly“ aus ihrem 24-Karat-Tanzschlager „We can’t stop“.

Über den empörte sich Sittenhetze, weil „Molly“ als Codewort für ein weitverbreitetes Glücksmedikament gedeutet werden kann. Frau Cyrus bestätigte diese Lesart nie direkt, sondern nahm die simple Zweideutigkeit (vielleicht geht’s ja, zwinkerzwinker, um ein Mädchen namens Molly?) zum Anlass für eine fröhliche Dreideutigkeit, indem sie aus der Zeile auf der Bühne gern „dancing with Miley“ machte. Das war eine Art Signatur, weil doch das Spitzenstück beinah einer anderen Prinzessin gehört hätte; das Produzentenduo Rock City hatte es eigentlich für Rihanna geschrieben, die das Karrieremodell „Good Girl Gone Bad“ vor zehn Jahren als Titelansage ihrer laufbahnentscheidenden dritten (und besten) Platte offenlegte.

Es geht darum, wen man morgens im Spiegel sieht

Mit „Malibu“ setzte Miley Cyrus nach dem Remmidemmi erst mal Schmelz für Rausch und Sehnsucht für Lust, der Himmel war nicht mehr zum Abfackeln da, sondern „sooo blue“ – das kaum hörbare, dezent-liebliche Vibrato der Stelle hat sie von ihrer Patentante Dolly Parton, die’s ihr beim ersten Segenskuss in die Atemwege gepustet haben dürfte. Die beiden singen auf „Younger Now“ ein denkwürdiges Duett, „Rainbowland“, voll niedlicher Entschlossenheit zum intergenerationellen Einverständnis, dessen rüstig-frecher Optimismus einen reizvollen Kontrast zu den schwermütigeren Momenten des Albums bietet, zu Songs wie „Miss You So Much“ oder „She’s Not Him“, aber auch zur burschikosen Laune von „Week Without You“, einer Art Nancy-Sinatra-und-Lee-Hazlewood-sind-wieder-da-Rezitativ.

Grandiose Wetterwechsel sind der größte Vorzug dieser Platte, plastisch herausgearbeitet von den Feingefühlfingern des Produzenten Oren Yoel, der schon auf der gummipsychedelischen Experimentalbegegnung der Künstlerin mit den Flaming Lips, „Miley Cyrus and her Dead Petz“ (2015), mitgeholfen hat. Für eine erlesene Stelle wie die dort am Anfang von „BB Talk“, wenn die übernächtigte Stimme einer vergrätzten Liebesgöttin unter Streicherglasur hervorquengelt: „this is really fucked up, I was sleeping next to him, I was dreaming about the other dude“, würde Madonna, die weiß, was gut und teuer ist, heutzutage beide Ohren und eine Truhe mit Klunkern hergeben.

„Younger Now“, die Parole wie das Album, versteht man besser, wenn man sich fragt, wie oft jemand, der berufshalber viel feiert, am Morgen im Spiegel eine Person sieht, die ans Älterwerden erinnert, also daran, dass man im Lauf des Lebens theoretisch immer kräftiger strampeln muss, wenn man dem schon Erlebten, Erreichten und Erlittenen in etwas Neues entkommen will, statt den sogenannten „Preis“ dafür zu bezahlen, den immer vor allem diejenigen verlangen, die sich selbst und anderen jeden Genuss des ungeplanten Aufderweltseins verbieten. Dass dieser Weg eine Flucht vor Verantwortung sei und ein schlechtes Vorbild abgebe, ist der allertrübste Einwand gegen die Persona „Miley Cyrus“. Denn sie singt das Ganze ja erstens nicht bloß so daher, sondern hat beispielsweise eine Stiftung für notleidende Jugendliche und sexuelle Minderheiten mit dem ungeheuerlichen, streitbar-naiven Namen „Happy Hippie Foundation“ gegründet, und zweitens geht es bei Kunst nie darum, ob beispielsweise unter und hinter vollmundigen Kriegserklärungen wider die biologisch-soziale Entropie aus dem Mund einer Sängerin wirklich der liebe Gott steckt oder nur eine große Rosine, sondern darum, ob das jeweilige Schau- und Singspiel die vorhandene Welt unzulänglicher menschlicher Verhältnisse rechtfertigt oder durcheinanderbringt (und herausfordert).

Was ist Pop überhaupt?

Schau- und Singspiel, in der Tat: Als Schauspielerin hat Miley Cyrus mit dem Singen angefangen. Auf entsprechenden CDs sind schizophrenerweise einige Songs als von ihr, andere als von Hannah Montana stammend markiert, und als sie das erste Mal auf Tournee ging, gab sie im Interview freimütig zu Protokoll: „Die Sängerin, als die man mich kennt, ist bloß erfunden, also was mache ich, wenn sich herausstellt, dass ihr Publikum auch bloß erfunden ist und keiner kommt?“

Die Sache ging gut, weil die Musik dieses Karriereabschnitts dem Urzustand der Popmusik sehr nahe kam: dem eines zündenden Wegwerfprodukts, überoptimiert für Teenager, aber eben deshalb auch nicht klinisch sauber, sondern voller Kunstkeime und Traumflausen.

Als Pop erfunden wurde, war seine Kundschaft ein Kindergarten voll zarter Pflänzchen einer formierten, ethnisch scharf segregierten, über Lohnarbeit an der Schwelle zur Vollbeschäftigung ziemlich straff integrierten nordamerikanischen Nachkriegsprosperität: Na gut, wenn ihr unbedingt „schwarze Musik“ hören wollt, färben wir sie für euch weiß ein. Von diesem Ansatz ist wenig übrig. Einen Hip-Hop-Elvis hat es nicht gegeben, der erratische Eminem ist ein Einzelkämpfer mit starken Verbindungen zum „black owned business“. Und die ebenso komplizierte Iggy Azalea ist ein absolutes Grenzphänomen; wenn sie „klingt wie ein schwarzes Mädchen, das sich zum Starstatus hochgerackert hat“ (irgendein Werbeblatt), dreht sie einen nicht unproblematischen Film-als-echtes-Leben, bei dem sich weniger die Frage stellt, ob die Schauspielerin zur Rolle passt, als vielmehr, wer das Drehbuch geschrieben hat.

Irgendwo gibt es einen Weg ins Freie

Miley Cyrus arbeitet zwar anders, schauspielerische Anforderungen bestimmen diese Arbeit aber gleichfalls unentrinnbar mit. Bei Filmfachleuten hört und liest man manchmal, sie sei eine schlechte Schauspielerin. Wenn das stimmt, war Marilyn Monroe auch eine. In Wahrheit spielen beide immer zweierlei, zuerst Monroe oder Cyrus, dann den jeweiligen Part. Kritik, die so etwas nicht mag, bevorzugt eine Spielweise, bei der die Darstellung im Dargestellten verschwindet, perfektioniert von Dustin Hoffman, Meryl Streep und ihresgleichen. Das hat seinen Wert als Gegengewicht bei allzu autorenverbohrter Regie, aber mit dem, was Frau Cyrus (und Monroe und Bowie und Ice Cube und Bruce Lee und Mos Def etc.) in Film und Fernsehen suchen und finden, hat es schlicht nichts zu tun.

Wer die Schauspielgaben von Miley Cyrus nach vergleichender Betrachtung ihrer Leistungen in Tim Burtons „Big Fish“ (winzig, 2003), als Gast in der Klamaukshow „Two and a Half Men“ (witzig, 2012) und in der Nicholas-Sparks-Verfilmung „The Last Song“ (rührend, 2010) nicht wahrhaben will, soll halt darauf verzichten, wir anderen freuen uns, wenn sie im Abspann von „Guardians of the Galaxy 2“ (2016) ihre bislang kleinste und hübscheste Rolle spielt, nämlich einen einzigen Satz mehr jauchzt als spricht.

Die Idee hinter ihrem einerseits variablen, andererseits mileyzentrischen Spiel ist selbstverständlich die alte Popmusiklebenslüge „Ich kann alles sein, was ich will, und dabei immer ich bleiben“, also die kleinste Nutzanwendung des ebenso unwahren Gesamtversprechens „Alles Glück für alle“. Es ist dieser Als-ob-Universalismus, der’s ermöglicht, dass etwa die unvergleichliche Beyoncé mit ihrem Cowboysong „Daddy Lessons“ (2016) auch im Country-Radio Gehör findet, aber die Kehrseite der Sache bleibt der zerstörerische Zugriff von Verwertungsmaschinen auf soziale Zusammenhänge, in denen tolle Musik und überhaupt tolle Kunst als Ad-Hoc-Maßnahmen gegen schwer zumutbare Lebensumstände geschaffen werden. Ordinärste Ausbeutung beschlagnahmt das Zeug dann und verhökert es, bis der Geldbagger weiterzieht.

Schlimm, alltäglich, so kann’s nicht bleiben? Miley Cyrus weiß so wenig wie alle anderen einen Weg ins Freie, aber ihre besten Einfälle behaupten, dass man einen finden könnte, dass das Spiel noch nicht vorbei ist, dass das Altern der ewig neuen Hoffnungen nicht deren Versauern in ironischer oder fetischistischer Retrodummheit bedeuten muss. Aus den Violinwirbelchen der letzten Nummer auf „Younger Now“ ruft die Stimme der Traumtänzerin: Du musst nur die Türklinke anfassen an der Tür, „that leads to change, I know it sounds so strange“.

Schön gesehen. Noch schöner gesungen.

Quelle: F.A.Z.
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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