Musik

Da kriegt jeder seine Chance

Von Andreas Platthaus
 - 10:33

Seit vor einem runden Vierteljahrhundert "Verdamp lang her" von Wolfgang Niedecken in die Welt gesetzt wurde, hat das Lied in Konzerten eine Fülle neuer Ornamente gewonnen - nicht musikalische, sondern vor allem textliche.

Auf mittlerweile drei Liveplatten ist es enthalten, in der letzten langen "Rockpalast"-Nacht alten Stils werden es zahllose Zuschauer mitgeschnitten haben, und jede Nuance, die Niedecken dem Text beigefügt hat, ist ihm seitdem von seinen Zuhörern immer wieder tausendstimmig in Erinnerung gerufen worden, weil jeder spontane Witz oder auch jedes Versehen sofort ins kollektive Mitsingrepertoire des Publikums einging. "Verdamp lang her" wurde so zu einem der interessantesten Palimpseste der deutschsprachigen Rockmusik.

Verblüfftes Publikum

Das Stück ist fester Bestandteil eines jeden Konzerts, das Niedecken gibt - sei es mit seiner Band "Bap" oder bei Soloauftritten. So spielte er es auch am Mittwoch abend im Bonner Brückenforum im Zugabenteil.

Doch diesmal wurde der Kern des Liedes freigelegt, indem es einem orchestralen Arrangement unterzogen wurde, das gegen die unfreiwillige Ornamentierung des Textes nun eine musikalische setzte, die das Publikum derart verblüffte, daß es kaum in die bekannten Zeilen einfallen mochte.

Verhältnismäßig winzige Zuhörerschaft

Mit "Bap" hatte Niedecken das schon häufiger versucht, doch über kurze Irritationen beim Entree waren diese Experimente nicht hinausgelangt, weil mit dem ersten gesungenen Wort das Auditorium sangesfreudig die Regie übernahm. Doch nun trat Niedecken mit nicht weniger als zweiundzwanzig Mitstreitern gegen eine für seine Verhältnisse winzige Zuhörerschaft an.

Was treibt einen Mann, der mit seinen Liedern Westfalenhalle und Köln-Arena gefüllt, im ausverkauften Müngersdorfer Stadion den Einheizer für die "Rolling Stones" gegeben, vor mehreren hunderttausend "Werner"-Fans musiziert und Millionen Schallplatten verkauft hat, in einen Saal wie das Brückenforum, in dem er zuletzt mit seinen kleinen Töchtern "Die Biene Maja" gesehen hat?

"Humptata-Köln"

Nun, zunächst ist jedes Konzert im Rheinland nicht nur Heimspiel, sondern auch Familienfest, und diesmal konnten die Kinder am Bühnenrand direkt vor den Monitorlautsprechern sitzen. Aber die neue Lust am Kleinen ist auch Ausdruck von Niedeckens Innovationsfreude, die man den "Bap"-Platten nur selten anhört.

Dafür um so mehr den Soloprojekten: auf "Schlagzeiten", wo er Texte unterbrachte, die seine Band abgelehnt hatte; auf "Leopardefell", wo er ausschließlich Dylan-Stücke in eigener, kölscher Übersetzung spielte - und einmal auch mit "Bap", ganz am Anfang, als die Gruppe noch ganz auf ihn eingeschworen war, was man schon dem Titel ihrer ersten Platte von 1979 ablesen konnte, die das Selbstverständnis dieser Musik auf den Punkt brachte: "Wolfgang Niedeckens Bap rockt andere kölsche Lieder" - andere als die des "Humptata-Köln", wie Niedecken das Karnevalsgetriebe nennt.

Ein immenses musikalisches Potential

Die jüngste Wandlung des Dreiundfünfzigjährigen schließt diesen Kreis. Sie könnte das Motto tragen: "Wolfgang Niedecken rockt seine kölschen Lieder anders", doch die zugehörige Platte heißt einfach "Köln". Gemeinsam mit der WDR Big Band hat Niedecken Lieder zusammengestellt, die er seiner Heimatstadt gewidmet hat. Herausgekommen ist ein Lehrstück im Umgang mit populärer Musik.

Denn in den Arrangements von Mike Herting wird offengelegt, was unter den "Bap"-Instrumentierungen verborgen ist: ein immenses musikalisches Potential. Niedecken hatte immer begnadete Komponisten in seiner Mannschaft, zunächst den Gitarristen Klaus Heuser und nun dessen Nachfolger Helmut Krumminga, der als einziges "Bap"-Mitglied im Brückenforum mit auf der Bühne steht.

Grenzenlose stilistische Vielfalt

Doch Hertings Sezierung des musikalischen Materials setzt plötzlich dramaturgische Akzente, wo vorher nur gleichmäßiges Up-Tempo oder elegische Balladen waren. Und die von ihm geleitete Big Band spielt diese Variationen über Themen von Niedecken in einer Weise, die der stilistischen Vielfalt keine Grenzen setzt.

"Met Wolke schwaade" wird durch synkopierte Bläsersätze in seine Bestandteile zerlegt, "Nix wie bessher" verwandelt mit seinem großorchestralen Reggae-Rhythmus das Forum in einen Tanzpalast, "Stadt em Niemandsland" entführt in die Intimität einer Pianobar, und zu "Queen vun dä Ihrestrooß" zieht die Bläsersektion wie eine Marching Band durchs Publikum.

"Jupp" ist wieder im Programm

Nun ist es nicht so, daß Niedecken mit "Bap" freieren Elementen gänzlich abhold gewesen wäre. Schon 1984 engagierte die Band Markus Stockhausen für ein Trompetensolo, und an dieses Erbe knüpfen nun etliche von Hertings Arrangements an. Oder in "Jupp", einem "Bap"-Klassiker, der leider nur selten seinen Platz im Tourneerepertoire der Gruppe gefunden hat, beklagte einst ein Cello das Schicksal des titelgebenden stadtbekannten Sonderlings.

Doch nun ist "Jupp" wieder im Programm: Diesmal übernimmt ein Baßsaxophon die Charakterisierung, und dadurch bekommt das Lied eine Frechheit, die viel mehr von dem großsprecherischen Jupp spüren läßt als die alte Version. Von solchen quasi textanalytischen Instrumentierungen hat Herting einige aufzuweisen.

Keinen Blick zurück

Daß der Arrangeur der eigentliche Frontmann an diesem Abend ist und als veritabler minister of funny walks über die Bühne irrlichtert, während er seine Musiker anleitet, das entlastet Niedecken, der eine leicht exzentrische Position auf seinem Barhocker bezogen hat. Er ist kein Crooner, der vor einer Big Band agieren könnte, und so wird das Konzert zum gleichberechtigten Zusammenspiel zweier Stimmen: des nasalen Kölschs, das Niedecken berühmt gemacht hat, und des jazzigen Sounds eines der versiertesten Ensembles, die wir in Deutschland noch haben.

Daß deshalb nahezu jeder Musiker auch seinen Einzelauftritt bekommt, daß zudem mit Frank Chastenier ein Hexer an den Tasten von Hammondorgel und Flügel sitzt - das trägt zu drei Sternstunden bei. Wie beschwört die Erzählerstimme im Text zu Niedeckens "Amerika" das Land seiner Träume? Do kritt jeder sing Chance. Wolfgang Niedecken hat die seine ohne "Bap" genutzt. Keinen Blick zurück. Warum auch?

Quelle: F.A.Z., 25.02.2005, Nr. 47 / Seite 39
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Platthaus
Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.
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