Neues Album der Stones

Tragen wir die zwölf Takte nach Chicago

Von Edo Reents
 - 12:40
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Eine Zeitung wollte kürzlich von einem Kulturwissenschaftler wissen, ob die Rolling Stones den Blues „gestohlen“ hätten – eine in ihrem politischen Korrektheitseifer rührend dumme Frage. Natürlich haben die Rolling Stones den Blues gestohlen und ihren Band-Namen gleich dazu! Sie hätten beides selbst nicht besser erfinden können. Aber es ist alles noch viel schlimmer: Sie sind bis heute nicht dafür belangt worden und laufen immer noch frech herum.

Sie sind, könnte man sagen, mit Anfang, Mitte siebzig lebendiger denn je. So viel Rolling-Stones-Musik auf einmal wie in diesem Herbst gab es noch nie. Nächste Woche erscheint ihr neues, nach britischer Zählung dreiundzwanzigstes, nach amerikanischer fünfundzwanzigstes Studioalbum „Blue&Lonesome“ (Polydor/Universal Music); gerade kam „Havanna Moon“ (Eagle Records) heraus, Dreifachplatte ihres Kuba-Auftritts vom vergangenen März vor fast einer halben Million Menschen bei freiem Eintritt; und dann gibt es noch „The Rolling Stones in Mono“ (Abkco/Polydor/Universal Music) mit allen ursprünglich ja zuerst auf Mono erschienenen Alben aus der Decca-Zeit, also bis einschließlich „Let It Bleed“ 1969.

Alles Diebesgut? Goethe hat die Literatur auch nicht erfunden; er hatte vorher Homer, Shakespeare, Ossian und „Klopstock!“ gelesen, bevor er ihr als Stürmer und Dränger neue, ganz subjektive Ausdrucksformen erschlossen hat. Aber er hat, anders als die Rolling Stones, nie ein reines Cover-Album gemacht. Die Stones bisher auch noch nicht; selbst auf ihren ganz frühen Platten 1964/65 fand sich das eine oder andere von Jagger/Richards beziehungsweise, wie sie sich damals gelegentlich auch nannten, Nanker/Phelge.

Als durchsickerte, dass „Blue&Lonesome“ so ganz ohne Eigenkomposition auskommen werde, war das eine Nachricht, die auf manchen Hörer unbefriedigend gewirkt haben dürfte: Denen fällt nichts mehr ein. Doch die Rolling Stones haben nie behauptet, Originalgenies zu sein; sie waren immer gelehrige Schüler, die ihre Vorbilder nicht nur nicht verleugnet, sondern ihre Bewunderung für sie immer mit einer Aufrichtigkeit geäußert haben wie wenige andere Rockmusiker. Sie mögen Rotzlöffel gewesen sein; aber sie wussten noch im tiefsten Rausch, welches Erbe sie antraten, und hatten ein schlechtes Gewissen, als sie 1964 in den Chess-Studios in Chicago mitansahen, wie Muddy Waters, den sie wie einen Gott verehrten, in Maler-Latzhosen die Wände streichen musste.

Was hätten sie denn tun sollen – sich auch sehenden Auges ausbeuten lassen, sich freiwillig ins soziale Elend begeben? Das hätte nicht nur ihre Lebensqualität, sondern auch ihre technischen Möglichkeiten beschnitten, von denen man nicht behaupten kann, sie hätten sie nicht genutzt. Es hieße wahrlich das Zwölftakt-Schema nach Chicago oder ins Mississippi-Delta tragen, wollte man ernsthaft wissen, wo die Rolling Stones die wesentlichen Ideen und Artikulationsformen, kurz: ihre Inspiration herhaben. Noch bevor sie von einer eigenen Platte auch nur zu träumen wagten, haben sie sich, und zwar ein für alle Mal, auf Chuck Berry, Howlin’ Wolf, Robert Johnson, Jimmy Reed, Memphis Slim, Little Walter und eben Muddy Waters eingeschworen. Das waren ihre Quellen, die sie getreulich erschlossen und dann gleichsam transzendiert haben, indem sie ihren eigenen Stil entwickelten, hin zum Beat und Rhythm & Blues, den sie, wie Franz Schöler schrieb, neurotisierten, schließlich hin zum Bluesrock-Hybriden aus ihrer eigentlichen Meisterphase bis 1972.

Ein Mahlstrom, der spuckt

Es ist anzunehmen, dass sich die Rolling Stones etwas dabei gedacht haben, ausgerechnet eine Platte, die durchaus ihre letzte sein kann, nur mit Fremd-Titeln zu bespielen. Sie nötigen uns dazu, sie auf ihrem Weg zurück zu den Ursprüngen zu begleiten (oder vielmehr atemlos staunend hinterherzuhecheln) und dabei die Lauscher auch dem Blues zu öffnen, vor allem dem in seiner elektrischen, Chicagoer und maßgeblich von Willie Dixon, Little Walter und Howlin’ Wolf geprägten Spielart, von denen jetzt auch fast die Hälfte der Lieder stammt. In deren Dienst stellen sich die Rolling Stones auf eine Weise, die man bei ihnen von Anfang an „dedicated“ genannt hat, voller Hingabe oder Engagement, Herzblut oder Passion. Das hört man gleich am vorab veröffentlichten „Just Your Fool“, mit dem sie einen sofort hineinziehen in ihren harten, mal zähflüssig sich voranwälzenden, mal geradezu galoppierenden, immer bemerkenswert konzentriert arbeitenden Mahlstrom, der körnige, heulende, inbrünstige oder vor Schmerz einfach nur noch aufjaulende Klänge abwirft. Kein Stück wird hier „verbessert“ oder „verkompliziert“, aber jedes teilt seine ungeheure Energie unmittelbar mit. Jede Slide-Note sitzt, und wenn Jagger seine sagenhaften Lippen an die Mundharmonika hält, ist es, als peitschte einem der Chicagoer Wind direkt in die, pardon, Fresse.

Auf Kuba, wo die Rolling Stones im März ein Konzert gaben, herrscht ein anderes Klima, wie man jetzt auf „Havanna Moon“ nachhören kann. Diese Veröffentlichung ist eine noch größere Überraschung; das Repertoire, bei dem wenige Klassiker fehlen, entfaltet dank dem Musizierwillen dieser ja immer bemerkenswerter werdenden Herrschaften einen nicht mehr für möglich gehaltenen und auch durch die Aufnahmetechnik nicht restlos erklärbaren Druck. Musiklehrer werden wahrscheinlich beanstanden, dass die eine oder andere Note nicht ganz sauber getroffen wurde. Das ist egal. Irgend etwas Besonderes ist es mit diesen Männern, sonst könnten sie in diesem Alter wohl kaum noch einen solchen Druck machen. Es mag nicht sonderlich „hip“ sein, sie dafür anhaltend zu bewundern; aber Hipness ist ein vergänglich’ Ding. Die Stones hatten diese Hipness einst, als sie den Blues nachspielten und in etwas Neues überführten; und diese Leistung ist am Ende das, was bleibt. Jetzt schließt sich der Kreis. Selbst wenn die Rolling Stones eine ursprünglich schwarze Kulturform gekapert haben sollten – ihre Musik, seit langem reine Gegenwart, hat alle politischen, sozialen, ethnischen und geschmacklichen Grenzen überwunden und führt ein Eigenleben wie einst Schubert-Lieder, hin und her schwankend zwischen Trotz und Trost.

Und womit haben sie das erreicht? Mit dem Blues, der, so will es die Legende, zuerst den Sklaven, Trinkern und Sitzengelassenen gehörte. In dem lesenswerten instruktiven Begleitheft zur Mono-Box, die klanglich nichts zu wünschen übriglässt, erklärt der erfahrene „Rolling Stone“-Redakteur David Fricke, warum diese Ausgabe nicht etwa nur etwas für Fachsimpler mit zu viel Geld ist, sondern die klangliche Dynamik, die so nur in Mono zu haben ist und sich aus der Einfachheit ergibt, entschieden etwas mit dem musikalischen Material, dem Stil zu tun hat: „The Rolling Stones in Mono ist der Traum, wie er wahrgeworden ist und wie du ihn nie zuvor gehört hast. Jetzt sitzt du mit im Raum und hörst genau das, was damals vor sich ging.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
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