Popmusik und Pathos

Man muss Plastik auch mal ernst nehmen

Von Tobias Rüther
 - 08:29
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Es gibt unter Menschen, die Popmusik hören, die Idee vom sogenannten peinlichen Lieblingslied: Damit sind Songs gemeint, die man wider besseres Wissen mag. Weil man sonst ja nur bulgarischen Ukulelepunk mit belgischen Untertiteln mag oder jedenfalls Musik mit Abitur. Aber dann für „Barbie Girl“ eine Ausnahme macht. Für Plastik. Für Kommerz. Für schnell Verglühtes, das Herz auf Schmerz reimt. Noch schlimmer wird es dann, wenn Rockbands Popklassiker covern, wenn Discohits auf der Bluesgitarre gespielt werden, so als würden diese Hits erst dann überhaupt zu ihrer wahren Bestimmung finden. In Wahrheit werden sie entmündigt.

Natürlich dient das Konzept des peinlichen Lieblingslieds aber vor allem dazu, die eigene Geschmackssicherheit nur weiter zu unterstreichen – weil man sich ja bewusst ist über die Geschmacksverirrung und das ironisch-betroffen beichtet. Dass für andere Menschen solche peinlichen Lieblingslieder einfach nur Lieblingslieder sind, verstärkt den Effekt einer falschen Großzügigkeit am Ende sogar noch. Denn umgekehrt würden Fans von „Barbie Girl“ bestimmt nicht von peinlichen Lieblingsliedern sprechen, wenn sie plötzlich bulgarischen Ukulelepunk mit belgischen Untertiteln mögen. Sie wären vielleicht irritiert und würden sich fragen, warum sie so ein Zeug auf einmal mögen. Und dann vielleicht darauf kommen, dass es an der Musik liegt.

Jedenfalls ist Popmusik keine Erziehungsanstalt. Aber wir machen sie halt gern dazu, weil sie sich, wie jede Kunstform, hervorragend dazu eignet, sozialen Status zu markieren.

Es gibt keine peinlichen Lieblingslieder. Lieblingslieder sind immer Lieblingslieder, egal wie, deswegen heißen sie ja so. Es ist doch im Gegenteil ein Beweis dafür, wie gut ein Song ist, wenn plötzlich Fans von finnischem Rap bei Enrique Inglesias mitsingen. Das zu verweigern, sich zu winden und zu schämen, weil es nicht zum Ernst passt, mit dem man sonst durch die Welt zu gehen und Platten zu kaufen glaubt: ist Selbstkasteiung. Danke, Luther.

Arcade Fire aus Kanada waren mal die Band für alle, die bulgarischen Ukulelepunk mit belgischen Untertiteln hören. Und jetzt haben sie eine ganze Platte mit Songs aufgenommen, die vom Trick leben, peinliche Lieblingslieder clever zu produzieren, „Everything Now“ heißt sie, und die Sache ist nicht ganz einfach, weil Arcade Fire mal eine wirklich richtig gute Band waren und man sich wünscht, sie würden es bleiben oder wieder werden.

Eine besondere Gabe für die komplexen Hymne

Die erste Platte der Band, „Funeral“, erschien 2004 und bot, weil Arcade Fire immer schon mehr Orchester als Band waren, weil man Akkordeons darauf hören konnte und französisch gesungen wurde, eine Mischung aus exzentrischem Gitarrenpop und straßenmusikalischem Wanderzirkus. Das war entwaffnend. Vor allem, weil damals gerade erst jene Phase langsam zu Ende ging, in der neue Bands meist in klassischer Besetzung – Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang – und kargem Style aufgetreten waren. Arcade Fire aber donnerten und dröhnten und bauschten auf, sie dramatisierten und sangen mit geschlossenen Augen, was in der Kombination mit den innigen, vertrackten Melodien irritierend neu und deswegen besonders elektrisierend war.

Man spürte sofort, dass Win Butler – der aus Texas nach Montreal gekommen war und Arcade Fire dort mit seiner Frau Régine Chassagne gegründete hatte – eine besondere Gabe für die komplexen Hymne hatte. Für die eigenartigen Traummelodie, hochfahrend, empfindlich, auftrumpfend, kaputt. Tatsächliche schrieben Arcade Fire für die Verfilmung der „Hunger Games“ später die Nationalhymne von Panem, aber charakteristischer für ihren Hang zur dystopischen Hymne waren Songs wie „No Cars Go“ oder „Intervention“ vom zweiten Album „Neon Bible“. Das erschien 2007 und schoss in Amerika und England ganz vorn an die Charts. Jetzt wurde die Band für Preise wie den Grammy nominiert – und all das mit komisch verbogenen Songs, die trotzdem Hits wurden.

Auf den folgenden beiden Alben, vor allem auf „Reflektor“ aus dem Jahr 2013, war es dann nicht mehr ganz so einfach zu entscheiden, ob Win Butler und Régine Chassagne (in der – augenblicklich sechsköpfigen – Band spielt auch Butlers kleiner Bruder Will mit) von ihrem schöpferischen Mitteilungsdrang weitergezogen wurden – oder ihnen nicht doch eher nicht mehr so recht einfiel, wie sie steigern konnten, was sie da seit längerem so erfolgreich taten. Für die Clubtour von „Reflektor“ sollte sich das Publikum beispielsweise extra fein machen, Abendgarderobe, die Platte, ausdrücklich als Tanzplatte etikettiert, hatte James Murphy von LCD Soundsystem produziert, dessen chronisch verstimmte und irgendwie eiernde Elektroniksounds über Jahre das Maß aller Dinge erzählerischer Clubmusik gewesen waren. All das war also irgendwie schlau, aber das Gefühl von schleichendem Burnout auf hohem Niveau wollte nicht vergehen.

Und es verstärkt sich noch mit der neuen Platte, die am Freitag erscheint und unter anderem von Thomas Bangalter produziert wurde, der einen Hälfte von Daft Punk. „Everything now“ kündigte sich vor Wochen mit der gleichnamigen Single an. Sie stieß alle möglichen Popkritiker vor den Kopf: Die Single klang so überzuckert und schmalzig und wie die schlechten Seiten der achtziger Jahre (die natürlich immer zugleich die guten gewesen waren), dass mancher dieser Kritiker den Schritt nicht mehr mitgehen wollte: Gut und schön, da sprengt sich eine Band weiter ihren Weg frei, aber müssen Arcade Fire jetzt wirklich so klingen, als hätte sie mit dem Song auch bei Wim Thoelke im „Großen Preis“ auftreten können? Falsches Klavier, Discofox, Pseudoquerflöte, argh.

Der Song ist großartig. Und dann gibt es noch einen und vielleicht noch einen zweiten, der fast so gut wäre auf „Everything now“, aber sooft man diese neuen Songs auch hört, man wird das Gefühl nicht los, dass Arcade Fire hier wieder und wieder den gleichen Effekt erzeugen wollen mit dem immergleichen Trick des peinlichen Lieblingslieds: Wenn alle mit ernstem, großem Pop rechnen, hauen wir Discobullshit raus, dass es nur so scheppert. Das ist ein Mal ganz lustig, beim zweiten Mal hat man es verstanden, beim dritten will man die Platten von damals hören, die „Everything now“ zum Vorbild dienten (vielleicht ist es sogar nur eine, „Rapture“ von Blondie), beim vierten Mal legt man dann lieber die neue Platte von Phoenix auf, die auch das reinste Softeis ist, aber dafür Humor hat.

Und Humor könnte schon helfen, wenn man versucht, Stadionhymnen in Serie zu schreiben. Weil Humor zu haben das Herz leichter macht und etwas anderes ist, als ironisch mit seinen Mitteln umzugehen – also „gesellschaftskritische“ Texte zu schreiben, während man an der Discokugel dreht, wie Arcade Fire es tun. „Everything now“, hat der Popkritiker Jens Balzer jetzt in der „Zeit“ geschrieben, „lenkt den Hörer nicht auf existenzielle Zweifel, sondern auf die banale Popfrage: Wie ironisch ist dieser an Abba erinnernde Sound jetzt wohl gemeint?“ Außen und Innen muss zwar nicht identisch sein in der Kunst, im Gegenteil kann es eine schöne formale Spannung erzeugen, wenn es nicht identisch ist, aber es wird dann doch unangenehm, wenn sich eine Band von der Überwältigung seiner Fans nährt, diese Überwältigung gezielt und effektiv erzeugen kann, ohne aber etwas zu erwidern – außer Starposen, zu denen Win Butler neigt. Man ist immer dabei und kriegt nichts dafür zurück. Man ist dauerangefixt, ohne zu wissen, warum und wozu. Von „imperativer Empathie“ spricht Balzer. Wir müssen jetzt fühlen, alle, sofort, und in Cinemascope.

Ein funktionales Verhältnis zum Pathos

Tatsächlich haben Arcade Fire, so wunderbar diese Band auch sein kann, und wunderbare Songs hat sie immer wieder geschrieben, seit langem schon ein ähnlich funktionales Verhältnis zum Pathos wie U2. Komisch, wie kalt sich das dann anfühlen kann. Wie belästigt man sich davon fühlen kann, wenn es immer nur groß und laut und dramatisch und heftig zugehen muss und man das gewärtigen soll, wenn man davon mitgerissen sein soll, immer. Irgendwo zwischen dieser Höchstbegabung für Pathos und der Cleverness einer unernsten Discoplatte schwankt „Everything now“, deswegen fühlt sich die Platte am Ende vielleicht auch so leer an.

Und möglicherweise weil Arcade Fire das mit dem Entertainment nicht ernst genug nehmen. Weil sie so tun, als wären sie Entertainer, aber im Inneren sind sie immer Indierocker geblieben, die man jetzt aber dafür bewundern soll, wie slick sie auf der Bühne weiße Anzüge tragen können. Das ist bloß komplett uninteressant, so wie das Konzept vom peinlichen Lieblingslied.

The Arcade Fire, „Everything now“, erschienen bei Columbia/Sony Music

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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