Neues Album von Miley Cyrus

Darauf einen Blubberlutsch

Von Diedrich Diederichsen
 - 06:31
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Alles ist flüssig. Ob Cola, Sperma oder Liquid Ecstasy. Das fließt und schlägt Bläschen und fließt wieder, während dazu das süße, poltrige Zeug namens Musik frei verfügbar aus dem Internet tropft und rinnt. Gitt, hat sich doch diese Miley schon wieder mit was weißem Zähflüssigen das Gesicht eingeschmiert. Da kann sich dann der Boulevard wieder beschweren, dass sie genau das macht, was den Boulevard interessiert. Nichts nimmt der Boulevard ja seinen Opfern so übel, wie wenn sie sich zum Beispiel fortgesetzt ausziehen oder skandalöse und pornografische Referenzen produzieren.

Das passt dann auch wunderbar in das nun schon etwas überstrapazierte Standard-Miley-Cyrus-Narrativ; dass sie sich nämlich nun so gar nicht benehme wie das Disney-Girl, das sie einst war. Und wie überraschend, erschreckend, provokant, mutig und emanzipiert, dass je nach Kommentatoren-Standpunkt sei.

Das Ineinanderfließende der Miley-Welt

Diesem Vorher-Nachher-Stories fügt sie mit ihrer neuen quietsch-kostenlosen und knallbunt streamenden Internet-Album-Veröffentlichung „Miley Cyrus & Her Dead Petz“ eine weitere hinzu. Die lautet: Einst war sie mainstreamiger als Mainstream überhaupt geht, und jetzt macht sie ein stellenweise krachiges, dann wieder kindliches Indie-Album; ohne Beteiligung der Schallplattenfirma, für nur 50.000 Dollar aufgenommen (in einer Paisley-Porno-Garage mit einem riesigen Aquarium, stellt man sich vor), mit einigen echt noisy Effekten, weirden Stimmverfremdungen, kratzigen Beats und gänsehautverursachenden ASMWR-Effekten und dazu wieder jede Menge Achselhöhlengeruch, harten Ficks, erotischen Erfrischungsgetränken und rührend betrauerten toten Haustieren im weiteren Sinne (darunter ein Kugelfisch, von ihm wird noch die Rede sein).

Zeit wird es da, auf das Gemeinsame, zumindest aber doch Ineinanderfließende zu verweisen, das zwischen Cola, Sperma und Liquid Ecstasy in der Miley-Welt immer schon bestanden hat und die vermeintlich gegensätzlichen Stadien verbindet.

Unfassbar süß und komplett lähmend

Denn sie ist ja nicht nur ein Kind einer Zeit, in der die Musik sich von festen, materiellen Tonträgern gelöst hat und endgültig zu einem weltumspannenden und welteindickenden fließenden Strom geworden ist. Auch die „fluid identities“, auf die sich Pop-Stars der Großelterngeneration wie Prince, Madonna und Bowie noch etwas einbildeten, sind auf kalifornischen Schulhöfen vermutlich längst normativ geworden, so statusbildend wie früher.

Miley bezeichnet sich selbst als „gender fluid“, was als Metapher für die Überwindung von Geschlechterstereotypen sicher den berühmten Grauschattierungen vorzuziehen ist – auch wenn auf dieser Platte zwar sehr viel passiert, aber nichts, was einer männlich heterosexuellen Rezeption der sehr klassischen Art in irgendeiner Weise im Wege stehen würde.

Vor allem aber führt ein gerader Weg von all den süßen Soft Drinks und Blubberwassern, die wir mit Mileys vermeintlich nur bravem Frühwerk assoziieren, zu all den Giften und Sexsäften, die hier in 23 Songs um die Gräber ihrer geliebten Haustieren fließen, wie ein Delta der Devianz.

All dieses Zeug, das Kinder gerne trinken und zwar nie genug trinken können, ist ja alles Andere als harmlos. Genau die permanente Überdosis, die Kinder und Heranwachsende lieben, verursacht bei Erwachsenen den Ekel, den beim Puritaner und Zwangscharakter die Körperflüssigkeit, die Ausscheidung, Schweiß und Sekrete verursachen.

Dass das Übertriebene, übermäßig Genossene und das damit verbundene Glück immer nahe bei Ekel und Kotze wohnt, artikuliert Miley Cyrus gleich mehrfach auf diesem Album mit aller gebotenen Eloquenz („I’m So Drunk“, „Fuckin Fucked Up“, „Fweaky“). Blubberlutsch hieß das Getränk bei Walt Disneys anderem Geschöpf, Donald Duck, das unfassbar süß ist, total abhängig macht und fast alle Muskeln komplett lähmt. Dem entspricht das Nebeneinander von sehr strammen Beats und schlaff-metaphysischen Weltschmerz-Nummern auf diesem üppigen Album.

Liebe zu exzentrischen Haustieren

Ein Unterstrom verbindet das Werk mit den achtziger Jahren. Nicht nur sind deren beide Helden Prince und Michael Jackson als unausgesprochene Orientierungen für zwei der entscheidenden Komponenten wirksam: Jackson stiftet die Liebe zu exzentrischen Haustieren (eben der Kugelfisch), Prince die Übersetzung von halluzinogenen Drogeneffekten (die Miley liebt) in eine Grammatik der Kindergeburtstagsfarben (und umgekehrt).

Darüber hinaus ist aber auch die seit den achtziger Jahren an den sechziger Jahren sich abarbeitende fleißigste Psychedelik-Verwertungsfabrik The Flaming Lips hier beteiligt, für deren „Sgt Pepper“-Rekonstruktion „With A Little Help From My Fwends“ Miley schon Beiträge zu „Lucy In the Sky With Diamonds“ und „A Day In the Life“ geliefert hat (auch sehr sehenswerte, LSD feiernde Videos!).

Aus der Gegenwart sind natürlich auch alle möglichen prominenten Personen dabei beteiligt, deren kulturelle Bandbreite von dem Kanye-West-Schützling Big Sean bis zu dem immer schon fürs Bunte im Indie-Pop zuständigen Ariel Pink reicht.

Dem jugendlich euphorisierten Austoben eines unbezweifelbaren Talents für das Zuviel, der Feier der Hemmungslosigkeit und des Hedonismus folgt aber nun nicht nur ein blöder Katzenjammer. Immer wenn sie das erwischt, was man früher „einen moralischen“ genannt hätte, will sie’s gleich richtig tragisch. Das haut nicht immer hin. Trotzdem wird es nie vollends öde. „Cyrus Skies“ zum Beispiel ist stellenweise der Versuch, irgendwie eine siebzigjährige Grace Jones aus sich herauszuholen, was wunderbar ist, schon der Versuch, dann aber schon stellenweise in eine ziemlich unerträgliches Hymnengesinge abkippt.

Die Schlüpfrigkeiten mit der Milch („Milky, Milky Milk“) führen auch ziemlich unumwunden zu einem lustigen kosmischen Quatsch mit der Milchstraße. Und wirklich tief, tief, tief wird ihre Totenklage um den schon erwähnten verstorbenen Kugelfisch.

Dieses Tier, das, wie Miley staunend die Ontologie ders Wasserwesens resümiert, nie an Land gewesen ist, nie die Sonne gesehen hat und nicht wusste, was eine Wolke ist, hat sie mit ihrem freundlich bekifften Humor „Pablow“ genannt – wegen Blowfish, wie seine Art auf Englisch heißt (auch schon wieder schlüpfrig: ein Porno-Rapper der Achtziger nannte sich schon so).

Kein Sushi im Fischehimmel

Als ihre Freunde nach seinem Tod mit ihr Sushi essen wollten, hat sie nicht mitgegessen. Ob er wohl im Fischehimmel ein Seepferdchen kennenlernen wird und mit dieser Lady Babies haben wird, überlegt sie noch, bevor sie zu den immer karger werdenden Piano-Akkorden weinend vor dem Mikro kollabiert, einen zornigen atonalen Kluster in die Tasten haut...und...in Gelächter ausbricht.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Waren echte Tränen in der Pop-Musik einst noch eine kostbare Münze, mit der etwa Sinead O’Connor einst pompös spekuliert hat und Kritiker in authentizistische Schwärmereien versetzte, sind sie bei Miley Cyrus nur eine von vielen, nur unter anderem auch bezeugenden, aber eben auch großzügig verschwendeten und im Überfluss fließenden Tropfen und Säften. Das Gegenteil von der blöden „Substanz“, nach der Kritiker immer gerne fragen, wenn sie echte Kunst zertifizieren wollen.

In der Pop-Musik ging es immer schon eher um solche feuchten Spuren, Versickerndes, Triefendes. Klar, früher hätte man darauf bestanden, dass diese Spuren unabsichtlich, quasi als Nebensache entstehen und von den Stars sekretiert werden, während sie an der prätentiösen Hauptsache namens Kunst oder Musik arbeiten. Aber man kann dieses Wissen um die affektive Zentralität des nebenbei Entstandenen nicht zurück in die Latenz stopfen. Es liegt ja offen zutage: schön, wenn jemand offensiv damit umgeht.

Wenn man Miley Cyrus etwas vorwerfen kann, dann, dass sie vielleicht etwas zu viel singt und damit auch etwas zu aufdringlich eine kohärente Person aufbaut. Das steht dem Üppigen und Verschwenderischen etwas im Wege. Natürlich unterminiert sie diese Konstruktion, wenn Seepferdchen und Kugelfisch Hochzeit feiern, aber der sehr ausgestellte narzisstische Genuss am eigenen Hauchen fällt doch neben all den lustigen Geräuschen etwas ab. Vor allem wenn man bedenkt, dass diese Platte nichts kostet, gibt es doch etwas sehr viel Gesinge für gar kein Geld.

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© Reuters, reuters
Quelle: F.A.S.
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