Neues Album von „Wir sind Helden“

Freie Bahn für freie Geister

Von Eric Pfeil
 - 15:12
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„Freundlich, aber sehr bestimmt“ sei sie, die neue Platte von „Wir sind Helden“. So steht es in der aktuellen Band-Biographie. Kann man wohl sagen, überhaupt wird die Band so recht gut beschrieben: „freundlich, aber sehr bestimmt“. Das sind keine schlechten Attribute, vor allem im Vergleich mit anderen Zuschreibungen, mit denen Popmusiker so belegt werden: „irritierend und unberechenbar“, „schillernd und verrucht“, „wunderschön, aber unnahbar“, „stark heroinabhängig“, „ständig rotzbesoffen“. „Wir sind Helden“ waren schon im Augenblick ihres Auftauchens im Jahr 2003 die Band des gesunden Menschenverstands.

Eine Vernunftgruppe, wie man sie vermutlich seit den Höhenflügen von „BAP“ in den Achtzigern hierzulande nicht mehr erlebt hatte. Eine seltsam wertkonservativ-kritische, dabei jedoch wirklichkeitsfreudige Popband, deren Fans allein schon der Zeitschrift „Neon“ eine ansehnliche Auflage beschert haben: mild kritische junge Menschen, die sich in gleichem Maße für Attac wie für Secondhand-Röcke interessierten, die „R'n'B“-Videos für frauenfeindlich und Stefan Raab für humoristisch minderbegabt hielten. Nicht ganz so blöde Leute also. „Wir sind Helden“ gaben einer Jugend eine Stimme, die bis dahin vielleicht gar nicht wusste, dass sie überhaupt existierte. Der alles andere ein bisschen zu wild wurde, die aber auch „Yeah yeah yeah“ schreien wollte - aber bitte ohne dass dabei nackte Menschen mit Heroinspritze im Auge unschuldige Tiere folterten.

Kluges von der Stufensprecherin

Eine solche gewissermaßen popsoziologische Perspektive läuft freilich Gefahr, in griesgrämiger Polemik zu versanden, und führt daran vorbei, was die Band eigentlich ist: „freundlich, aber sehr bestimmt“. „Soundso“, das dritte, an diesem Wochenende erscheinende Album von „Wir sind Helden“, eignet sich insofern vortrefflich, um sich dieser Band noch einmal neu zu nähern. Tut man dies, findet man Licht und Schatten.

Natürlich umweht Sängerin und Texterin Judith Holofernes die Aura einer neunmalklugen Stufensprecherin, die beim Abi-Streich kokett politische Agitation in die Lehrerverulkung mischt. Man muss jedoch nicht mal die einfältigen Kindsphantasien der Sängerinnen von „Mia“, „Juli“ oder „Silbermond“ heranziehen, um festzustellen, dass Holofernes teilweise kluge Texte schreibt. Texte, die tatsächlich so selbstverständlich Dinge in Frage stellen, als ob das im deutschen Pop nichts Besonderes wäre. „Die Konkurrenz“ (Info: „... über ein tabuisiertes Gefühl“) hat einen solchen Text: „Ihr singt: Alle für einen! Einer für alle / Und dann kommt einer und macht alle anderen Alle / Am Morgen geht's eilig und früh aus der Falle / Und du singst: Jetzt bin ich der eine und ihr anderen seid alle.“ Das Besondere an Texten wie diesem: Die Wortspiele sind - anders als häufig im hiesigen Hip-Hop - keine Dreingabe, kein reiner Selbstzweck; der Erkenntnisgewinn entsteht nicht neben oder trotz, sondern gerade durch das Spiel mit den Worten.

Wahrheitssuche im Zwischenmenschlichen

In „Für nichts garantieren“ geht die Texterin auf Wahrheitssuche im Zwischenmenschlichen. Es geht um Projektion in Beziehungen, um Vertrauen, um den Unterschied zwischen Enge und Nähe: „Sag, magst du, was du siehst / Oder siehst du, was du möchtest / Siehst du, was du möchtest / Hält nicht still, es dreht sich / Hältst du es aus oder hältst du es an / Hältst du es klein? Vergeblich / Halt dich raus oder halt dich fest / Achtung, es bewegt sich!“ Und in der Außenseiterhymne „The Geek (Shall Inherit)“ singt Holofernes: „Die Verletzten sollen die Ärzte sein / Die Letzten sollen die Ersten sein / Die Ersten sehen als Letzte ein / The Geek shall inherit the earth.“ Man kann das für pfiffige Erbauungslyrik halten (das ist es auch), aber vor dem blanken Nichts der schläfrigen Konkurrenz ist das schon ganz schön viel.

Am besten ist Judith Holofernes immer dann, wenn der innere Deutsch-Leistungskurs in ihr auf Abi-Abschlussfahrt geht. Oder - ohne Rest-Häme: wenn sie alle Aufmunterung und alle Schüttelreimereien hinter sich lässt und wirklich poetisch wird. Zum Beispiel, wenn sie in „Stiller“ mit Max Frisch um die Ecke denkt: „Täglich rede ich mir mein Leben / aus U-Bahn-Fahrplaneinzelpunkten / Aus Oben ohne Ohneboden / Ohne Schweigen / Rastlos, nie ratlos / Niemals sprachlos / Fehle ich den Worten.“ Und selbst hier, wo sie fast persönlich zu werden scheint: keine vorgetäuschte Privatheit, keine unverlangten Selbstauskünfte und - besonders selten für deutschen Pop - kein Gejammer.

Kein Wagnis, keine Schroffheit

Man könnte meinen, dies sei also die Band, mit der man die Zwölf- bis Siebzehnjährigen beruhigt allein lassen könnte. Wenn da bloß nicht die Musik wäre: „Soundso“ klingt leider wie Lautsprecher-Testmusik für Kinderhort-Stereoanlagen. Wie jene Sorte Poprock, zu der in den achtziger Jahren auf Stadtfesten die Ballons aufstiegen, in der Nähe des Standes, wo die Kinder geschminkt wurden. Langweilig ist gar kein Ausdruck für das, was hier aus Nena-Schlager, gebremsten Quietscheffekten, rockender Begleitautomatik und Regionalradio-Oldies zusammenproduziert wurde. Nirgendwo eine Lücke, ein Wagnis, eine Schroffheit, ein Extrem - nur stillos vollgehauener Allerweltspop. Man macht sich geradezu Sorgen um die jugendlichen Ohren, die sich an diese Musik gewöhnen könnten.

Somit ist „Soundso“ manchmal anrührende, häufig zumindest clevere Aufmunterungslyrik und inspirierte Gedankenanstachelung zu weichkochender Musik. Doch auch hierfür hat das Plattenfirmeninfo eigene Worte: Man könne sich nur wundern, „wie gut das funktioniert: so viele im besten Sinne ,unterhaltungsferne' Themen so gnadenlos unterhaltsam zu verpacken“. Eine verkniffene Betrachtung, noch dazu verkniffen formuliert - das gibt es so nur in Deutschland. Aber auch das passt: Jedes Land bekommt die Bands, die sie verdient. Vor diesem Hintergrund sind „Wir sind Helden“ die beste kommerziell erfolgreiche Band, die Deutschland derzeit hervorzubringen in der Lage ist. Wenn nur diese Musik nicht wäre.

Wir sind Helden, Soundso. Labels/EMI 392461

Quelle: F.A.Z., 26.05.2007, Nr. 121 / Seite 26
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