Pop

Altersmild: Tom Pettys neue Platte

Von Edo Reents
 - 15:32

Ob das eine gute Idee war: Jeff Lynne jetzt wieder ranzulassen? Wir dachten, Petty hätte das ein für allemal hinter sich, zumal er mit dem Meisterproduzenten Rick Rubin in den vergangenen Jahren gut gefahren ist. Andererseits ist es in Zeiten der Johnny-Cash-Leichenfledderei, in denen Rubins Name eben schon ein wenig zu oft fällt, fast schon wieder originell, sich mit dem notorischen Rockmusikentschärfer einzulassen. Gut, wird Petty gedacht und sich dabei gemeinsamer „Traveling Wilburys“-Tage erinnert haben, wenn alle Welt jetzt Rubin zu Füßen liegt, mit dem ich schon zusammengearbeitet habe, als ihn noch kaum einer kannte, rufe ich eben bei Jeff Lynne an.

Ihm hat Petty einiges zu verdanken: nämlich seine kommerziell einträglichste, wenn auch musikalisch nur bedingt überzeugende Phase, die ihn dauerhaft dorthin führte, wo er zuvor nur ganz selten war - ins Radio. Zuvor hatte man ihm und seiner Begleitband „The Heartbreakers“, die unter dem maßgeblichen Einfluß des Gitarristen Mike Campbell und des Organisten Benmont Tench für einen hörbar an den „Byrds“ und Bob Dylan orientierten Sound sorgte, eine Zukunft wie Bruce Springsteen vorausgesagt; aber man war eigentlich immer geneigt, sie als eine der großen Bands anzusehen, die es nie ganz schafften. Das gelang Petty erst fünfzehn Jahre nach dem Start. Die von Lynne betreuten Blockbuster-Platten „Full Moon Fever“ (1989) und, vor allem, „Into The Great Wide Open“ (1991) dokumentierten auf schon fast aufreizend fehlerfreie Weise die Zähmung des vormals Widerspenstigen: Poprock mit Betonung auf Pop.

Petty: Präzise Computermaschine

Danach kamen wieder bessere, rockigere Platten, bei denen Rubin am Mischpult saß und für einen kristallklaren und in gewisser Weise sogar kompromißlosen Sound sorgte. Die sich auch klanglich, in flirrendem Rhythm&Blues bemerkbar machende Aufsässigkeit aber, die Petty einst zu einem der interessantesten, beständigsten Mainstreammusiker gemacht hatte, konnte auch Rubin nicht wiederbeleben. Und er mußte das auch gar nicht. Petty, als Sohn eines Versicherungsvertreters und Enkel einer Cherokee-Indianerin geboren in Florida, ist vom Jahrgang 1952, zum Dauerrebellen eignet er sich nicht. Inzwischen gibt sich der nach wie vor Spaghettihaarige, etwas verfrüht im Dylan-McCartney-Jagger-Abendrot, als elder statesman des Qualitätsrock.

„Highway Companion“, das jüngste Werk, bedeutet also die Rückkehr zu Lynne, aber nicht den Bruch mit Rubin, denn es ist auf dessen Label American Recordings erschienen, das auch den alten Cash verlegte. Es ist, wie bei Lynne nicht anders zu erwarten, eine makellose Platte; Petty spielt, assistiert nur von Lynne und Campbell, fast alle Instrumente; die Lieder handeln von dem, was einen spätestens in Pettys Alter eben so beschäftigt - Vergänglichkeit, Abschied -; und der Rhythmus dieser garantiert handgemachten Musik ist so präzise, als käme er aus der Computermaschine. Wie man hört, will Tom Petty sich bald zur Ruhe setzen. Das sollte er sich noch mal überlegen. Alle drei, vier Jahre eine Wortmeldung, das wäre doch auch in Zukunft erfreulich.

Quelle: F.A.Z., 21.08.2006, Nr. 193 / Seite 38
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