Pop
Tod einer Musiklegende

Wenn Tauben lila Tränen weinen

Von Edo Reents
© UPPA/face to face, F.A.Z.

Unter den Pop-Giganten war Prince musikalisch mit Abstand der kompletteste und produktivste. Zumal im Vergleich mit Madonna und Michael Jackson, mit denen er die achtziger Jahre als Mainstream-Trias beherrschte, zeigt sich seine Überlegenheit schon darin, dass er fast alles selbst machte: Songwriting, Instrumentierung, Arrangement, Produktion, Interpretation und Performance. Seit Stevie Wonder hatte niemand mehr eine solche Eigenständigkeit erreicht, seit Frank Zappa und James Brown niemand eine solche Macht über seine durchweg exzellenten Mitspieler, vor allem die in seiner Band The Revolution, auf die er dann doch nicht ganz verzichten konnte, obwohl er 25 Instrumente beherrschte.

Die Plattenfirma Warner hatte dem Neunzehnjährigen einen Vertrag mit ungewöhnlich großen künstlerischen Freiheiten gegeben, die er zunächst zaghaft nutzte. Auf den ersten beiden Platten deutete er die Erneuerungsmöglichkeiten für Rhythm&Blues, Funk und Soul schon an, klang aber für seine Verhältnisse fast noch konventionell. Das Versprechen auf eine in vielerlei Hinsicht schillernde Zukunft aber war damit gegeben.

Harter Rock, butterweicher Soul und tanzbarer R&B

Und dann passierte es auch schon: Wie eine einzige, knapp einen Meter sechzig große, unglaublich schmutzige Phantasie kam Prince 1980 mit seiner dritten Platte „Dirty Mind“ über die Welt, um für sie fortan eine Palette aus Schockthemen, von Oralverkehr über Sadomaso, Gruppenvergnügungen und Transsexualität bis hin zur Inzucht, quasi im Dauerangebot zu haben. Die unerhörte Gewagtheit dieses ganz unverblümt artikulierten Sexkomplexes wurde durch Princes musikalisches Genie auf ein zunehmend massenverträgliches Maß heruntergemildert, fiel also immer weniger auf, ohne je an Delikatesse einzubüßen. Es war, seit diesem Album, Ton gewordene Pornographie, die allerdings erst mit Verzögerung das breite Publikum erreichte.

Dies geschah 1984 mit „Purple Rain“, dem Soundtrack zu einem Spielfilm, den Prince generalstabsmäßig als Vehikel für seinen eigentlichen Durchbruch konstruiert und auch ganz richtig vorausgesehen hatte. Mochte die halbautobiographisch zusammenmontierte Handlung auch nicht weiter von Interesse sein – die Musik schwappte aus der Zitadelle eines bisher eher im Verborgenen wirkenden Tüftlers nun mit Macht über in den Mainstream und definierte ihn genauso neu wie kurz zuvor Michael Jacksons „Thriller“. Harter Rock, butterweicher Soul und tanzbarer R&B verteilten sich hier auf neun Lieder, unter denen „When Doves Cry“ sicherlich das beste, selbstbewussteste ist und der mit einem Oscar ausgezeichnete Titelsong mit zum Unwiderstehlich-Sentimentalsten dessen gehört, was die Popmusik überhaupt hervorgebracht hat.

Hang zum Strichjungenhaften

Bis heute kann es jeden erwischen und zum Weinen bringen wie ein Melodram von Douglas Sirk. Aus dem lederjackigen Motorrad-Lümmel, den Marlon Brando Anfang der Fünfziger als neuen Helden der Massenunterhaltung etabliert hatte, war ein lila schillerndes Vögelchen mit dünnem Bartflaum geworden, das sein ungleich durchtriebeneres Liedchen frech zwitscherte und damit mühelos die paar Männlichkeitsideale aus den Hörerhirnen blies, die der Glamrock unter der Anführerschaft David Bowies übersehen hatte.

Prince bei einem seiner früheren Auftritte in Ohio im Januar 1985.
© AP, F.A.Z.

Das seit je gültige Entertainmentprinzip aus Amüsierwillen und Schönheitskult war damit in ein neues Stadium getreten; von nun an konnte Prince machen, was er wollte, es wurde ein Massenerfolg und brachte ihm den Ruf des ersten schwarzen Rockstars seit Jimi Hendrix ein. Seine Verführungskraft, die aus seiner technischen Brillanz und seiner nur noch mit Michael Jackson vergleichbaren Körperbeherrschung allein nicht zu erklären ist, war allerdings ungleich größer als die aller seiner Vorgänger und Inspiratoren. Sie hatte sicherlich auch mit seinem psychedelisch verbrämten, wahrscheinlich in parodistischer Absicht zur Schau gestellten Hang zum Halbseidenen, Strichjungenhaften zu tun.

Bloß keine Nähe

In seiner winzigen Gestalt kam zusammen, was die Popmusik, vor allem die schwarze, seit den Fünfzigern ausgemacht hatte: die Geschlechtergrenzen aufreizend unterlaufende Exaltiertheit Little Richards, der musikalische Universalismus Stevie Wonders, die Funk-Durchschlagskraft James Browns, die Lüsternheit Marvin Gayes, die Unverfrorenheit Frank Zappas, die gewinnende Geschmeidigkeit Sammy Davis Juniors und die frauenunterwerfende Geste Ike Turners. Aus diesen Prägungen, Inspirationen, „Zutaten“, kurz: aus dieser Tradition schmiedete Prince im Alleingang etwas, das die Welt noch nicht gesehen hatte – ein quecksilbriges, vor Ideen sprühendes, musikalisch fast beängstigend souveränes Massenidol, das in jedem Moment seine Farbe und Garderobe wechseln konnte und gegen das Michael Jackson fast eindimensional wirkte.

Es mag damit zusammenhängen, dass beide ihre absoluten Glanzzeiten in den achtziger Jahren hatten – die Rassenfrage wurde weniger diskutiert, ohne sich damit schon erledigt zu haben. Jedenfalls fällt es auf, dass ihre Musik nie direkt mit einer sozialen Komponente in Verbindung gebracht wurde, wie dies bei fast allen großen Stilisten der Black Music üblich war. Was Prince betrifft, so muss man nüchtern feststellen, dass seine Kunst dazu auch viel zu narzisstisch und hedonistisch ist und als solche nicht milieugebunden. Wenn man ihn mit so etwas wie „Emanzipation“ in Verbindung bringen will, dann ginge das nur in einem quasi individualtherapeutischen Sinne: Jeden Hörer und Zuschauer, der sein Gesamtfeuerwerk auf sich wirken ließ, befreite er von sich, seinen Hemmungen, von seinem Gewissen wegen eventuell schmutziger Phantasien, indem er sie selbst artikulierte.

Das hatte wenig mit Identifikation zu tun, die im Grunde auch gar nicht möglich war. Schon aufgrund seiner umfassenden Perfektion wirkte Prince wie nicht von dieser Welt; seine Öffentlichkeitsscheu, seine Geheimniskrämerei und die Abschottungsmechanismen, mit denen er sich und seinen Stab umgab, taten ein Übriges, damit eine Nähe zu diesem Musiker, der sonst so viel von sich preisgab, gar nicht erst aufkam.

„Luzifers Antwort auf Michael Jackson“

Aus dieser Ausnahmestellung heraus schienen ihm selbst die größten Erfolge anstrengungslos zu glücken. Die Platte „Parade“ (1986) barg mit „Kiss“ das wohl wichtigste Popstück des Jahrzehnts. Prince trieb mit schrillem Falsett die damals eher materialistisch gehaltenen Sujets des Soul in solche Höhen, dass sie auf einmal, wie in der Gründerzeit, wieder die ganz einfachen Wahrheiten vermittelten: „You don’t have to be beautiful to turn me on/I just need your body, baby, from dusk till dawn... You don’t have to be rich to be my girl/You don’t have to be cool to rule my world“: In der körperlichen Ekstase, zu der er nicht nur hier fand, kamen sämtliche Spielarten und Formen der Liebe zur Deckung.

Sein eigentliches Meisterwerk legte er dann ein Jahr später vor: „Sign ’O’ The Times“ war durchwabert vom kalten Rauch des Funk, schmerzlichem Soul, technisch noch einmal nachgerüstetem Pop und hartem Rock, eine zunächst disparat wirkende Mixtur, die man aber nur noch mit dem Reichtum der ganz großen Doppelalben vergleichen kann: weniger mit Dylans „Blonde On Blonde“ als vielmehr mit dem Weißen Album der Beatles und „Exile On Main St.“ von den Rolling Stones. Jedes dieser sechzehn Lieder, selbst das knochentrockene Titelstück, triefte geradezu vor sinnlicher Schwermut, die durchaus auch Wärme verströmen konnte. So wurde Prince vollends „Luzifers Antwort auf Michael Jackson“, wie ihn ein Magazin damals nannte.

Prince bei einem Auftritt im Jahr 2007
© Reuters, F.A.Z.

Seiner Zeit voraus – und zugleich von gestern

Dass im folgenden Jahrzehnt mehr über seine Auseinandersetzungen mit der Plattenfirma Warner, die seinen enormen Ausstoß nicht mehr hinnehmen und die Masterbänder mit viel unveröffentlichtem Material behalten wollte, gesprochen wurde als über seine Musik, nahm er in Kauf. Dieser slave der Musikindustrie, wie er sich, in grotesker Tatsachenverdrehung, welche die schwarze Community eigentlich brüskieren musste, in jener Zeit titulierte, blieb für den Mainstream-Pop auch weiterhin das Maß aller Dinge; seine Platten, die teils einen Zug ins Esoterische nahmen, teils entschieden jazzig wurden, hatten, während ja auch andere Musiker welche machten, ihre Strahlkraft auf diesem natürlichen Wege nur eingebüßt.

Eine der letzten öffentlichen Aufnahmen des Popstars zeigt Prince in Oakland am 3. März.
© dpa, F.A.Z.

Blieb er am Ende ein Popstar der Achtziger? Nein, dafür hat er zu viel angestoßen und zu viele andere Künstler inspiriert. An ihm ist das Paradox zu studieren, dass einer seiner Zeit voraus sein kann, aber dann, auf rätselhafte Weise, ganz schnell wie von gestern wirkt. Aber das scheint nur so.

Denn in Wahrheit ist seine Musik immer noch unabgegolten, unerreichbar deponiert in höheren Pop-Schubladen als die allermeiste andere, die wir so hören. „Sometimes It Snows In April“ heißt ein ungewöhnlich trauriger Song von ihm. Der Donnerstag, an dem Prince Rogers Nelson siebenundfünfzigjährig nahe seiner Heimatstadt Minneapolis in Minnesota für alle Welt unerwartet gestorben ist, war ein solcher Tag. Es wird lila Flocken geschneit haben.

Eine Ikone der Popmusik: Prince ist am Donnerstag im Alter von 57 Jahren gestorben.
© dpa, F.A.Z.
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
James Brown | Madonna | Marlon Brando | Michael Jackson | Prince | Stevie Wonder