Resozialisierung mit Gitarren

Wenn das Johnny Cash noch erlebt hätte!

Von Philipp Krohn
 - 19:44

Wenn sich Rockmusiker für eine vermeintlich gute Sache engagieren, kann das sehr anstrengend werden. Der U2-Sänger Bono hat es in dieser Disziplin zu einiger Berühmtheit gebracht. Seine Kampagne für eine Entschuldung armer Staaten der südlichen Halbkugel hat zwar durchaus Eindruck bei politischen Führern hinterlassen und Ergebnisse gezeitigt. Doch in Künstlerkreisen gibt es nicht wenige, denen seine Umarmungen mit den Mächtigen der Welt eindeutig zu weit gehen: Rockmusik solle sich nicht mit Kriegstreibern und Sparpäpsten verbrüdern.

Andererseits ist soziales Engagement in der Rock- und Folkmusik so alt wie das Genre selbst. Die kritischen Stücke von Songwritern wie Pete Seeger oder Woody Guthrie waren konstitutiv für die Entwicklung der Musik. Einige der prominentesten Vertreter, von Bob Dylan bis Bruce Springsteen, von The Clash bis zu den Dead Kennedys, waren mehr oder weniger explizit politisch. In dieser Traditionslinie sieht sich auch Billy Bragg. Seit Beginn der achtziger Jahre hat der Ost-Londoner Singer-Songwriter mit vielen sozialkritischen Songs Stellung bezogen. Dem Punk der späten siebziger Jahre fühlt er sich weniger musikalisch als vielmehr durch seine Haltung verpflichtet.

Vierhundert Gitarren für britische Gefangene

Aus Braggs Sicht verkörpert der verstorbene Clash-Sänger Joe Strummer diese kritische Attitüde, die gesellschaftliche Missstände wahrnimmt und benennt. Eine unreflektierte Heldenverehrung aber widerspreche genau dieser Geisteshaltung. „Joe Strummer starb 2002, und jedes Jahr bekam ich eine Einladung zu irgendeinem Event, um Clash-Songs zu spielen und mich der Nostalgie hinzugeben. Das interessiert mich aber nicht“, sagte er kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung während eines kurzen Deutschland-Aufenthalts.

Fünf Jahre nach Strummers Tod hatte Bragg nach etwas gesucht, das mehr dem Geist des Punksängers entspricht, als seine Lieder nachzuspielen. Der Zufall brachte ihn weiter: Ein Gefängnismitarbeiter in der Nähe seines Wohnorts im Südwesten Englands bat ihn um Hilfe. Er wolle Insassen Gitarrespielen beibringen. Ob Bragg einige alte Gitarren übrig habe, die er entbehren könne, wollte er wissen. Denn er habe nur eine einzige Gitarre. Am nachhaltigsten sei der Effekt, wenn die Häftlinge in ihrer Zelle weiterüben könnten. Unmittelbar weiterhelfen konnte Bragg zwar nicht, er fragte aber unter Bekannten nach und sammelte einige Instrumente.

„Ein Instrument zu lernen, Gitarrespielen zu können und Leute zum Zuhören zusammenzubringen fördert das Selbstvertrauen“, sagt Bragg. Das gemeinsame Spielen habe therapeutische Wirkung. Ganz einfach: Wer andere zum Zuhören und Applaudieren bringe, erfahre eben von ihnen Anerkennung. Das stärke Häftlinge in ihrer Resozialisierung. 400 Gitarren hat Bragg seit 2007 an englische Gefängnisse ausgehändigt - jede von ihnen ist ein Bekenntnis, dass er Gefängnisinsassen Vertrauen entgegenbringt. Er berichtet von einem drogenabhängigen Ex-Häftling, der seit seiner späten Jugend nie länger als zwei Jahre in Freiheit gewesen sei. Erst nachdem er an einer von Braggs Gitarren zu spielen gelernt habe, sei er erstmals seit mehr als vier Jahren nicht mehr inhaftiert worden. „Seine Drogensucht ist nicht geheilt, aber heute zieht er seine Energie aus Auftritten“, sagt Bragg.

Sich ausdrücken, ohne andere niederzudrücken

Benannt hat er seine Initiative folgerichtig nach einem Song der Clash: „Jail Guitar Doors“. Zwei Jahre nach dem Start in Großbritannien expandierte die Initiative in die Vereinigten Staaten. Bragg war von dem Gitarristen Wayne Kramer zu einem Auftritt vor Jugendlichen mit Drogenerfahrung eingeladen worden. Auf der Fahrt zu dem Konzert fragte er den Mitgründer der Rockband MC5, die in den späten sechziger Jahren die Grundlagen des Punk gelegt hatte, ob er den Song der Clash kannte. „Ich komme darin vor“, antwortete ihm Kramer und spielte auf die erste Zeile des Songs an: „Let me tell you ’bout Wayne and his deals with Cocaine“ - einen Umstand, den sogar Songschreiber Mick Jones Jahre später vergessen hatte.

Wayne Kramer sitzt in seinem Musikstudio in Hollywood und holt einen Stapel Aufkleber von „Jail Guitar Doors“. Seit 2009 hat er mit Herzblut den amerikanischen Ableger der Initiative aufgebaut. „Gitarrespielen erlaubt es jemandem, sich auszudrücken, ohne andere niederzudrücken. Das führt zu einer Veränderung im Herzen“, sagt er. Kramer selbst hat einige Jahre hinter Gittern verbracht. Seine Heimatstadt Detroit war in den siebziger Jahren so heruntergekommen, dass viele seiner Freunde in den Drogenkonsum und -handel abrutschten. Nach seiner Entlassung gelang ihm ein Neuanfang in New York. Später baute er sich als Filmkomponist eine eigene Existenz in Los Angeles auf. Gleichzeitig wurde er zu einer Galionsfigur der Post-Punk-Bewegung.

Wenn die Sozialpolitik versagt

Kramer sieht sich als Teil einer Generation, die sich gegen das amerikanische Establishment aufgelehnt hat. In seiner Jugend sei eine Art „Plastikkultur“ in seinem Heimatland dominant gewesen. „Alles, was wir taten, war Ausdruck einer jungen Generation in Amerika, die sich darin einig war, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegte“, sagt er. Mit der harten, treibenden Rockmusik der MC5, der auch Patti Smiths späterer Ehemann Fred „Sonic“ Smith angehörte, schufen sie das musikalische Äquivalent der politischen Auflehnung. Mit seinen Zeitgenossen habe er die Auffassung geteilt, dass „der Krieg in Vietnam ein schreckliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit war, dass farbige Menschen in Amerika ungerecht behandelt wurden und dass es eine kulturelle Unterdrückung aus den fünfziger Jahren gab“.

Seine Erlebnisse im Gefängnis hat Kramer bis heute nicht vergessen. Jugendlichen die Folgen ihrer Drogensucht aufzuzeigen, hat er deshalb als eine Verpflichtung verstanden. Doch erst, als Billy Bragg ihn auf „Jail Guitar Doors“ aufmerksam machte, erkannte er die heilende Wirkung des Gitarrespielens. Indem er sich an der Initiative beteiligte, konnte er gegen den aus seiner Sicht verfehlten Kampf gegen Drogen in den Vereinigten Staaten angehen. Mehr als zwei Millionen Amerikaner seien einzig wegen ihrer Vergehen gegen Betäubungsmittelgesetze in Haft. Das Gefängnis aber treibe sie nur noch tiefer in die Kriminalität. „Der Kampf gegen Drogen ist das größte Versagen in der amerikanischen Sozialpolitik. Es ist eine nationale Schande“, sagt Kramer.

Damit sie eine Tür aufschließen

In den Vereinigten Staaten gibt es eine lange Tradition, sich als Künstler mit Gefängnisinsassen zu solidarisieren. Das bekannteste Beispiel sind die Konzertreisen des Countrysängers Johnny Cash in den späten sechziger Jahren. Mehrere Live-Alben („Johnny Cash at San Quentin“, „At Folsom Prison“) dokumentieren die besondere Atmosphäre seiner Gefängnisauftritte und die Dankbarkeit der Insassen dafür, dass man ihnen Unterhaltung bot.

Ihr Ansatz unterscheide sich fundamental von diesem, betonen Wayne Kramer und Billy Bragg. „Es geht nicht um Unterhaltung. Wir machen keine Auftritte. Wir schauen den Leuten in die Augen und sagen: Das kann euch dabei helfen, die Tür zu euch selbst aufzuschließen“, sagt Bragg.

Dann ist „Smoke on the Water“ dran

So einleuchtend ihr Engagement auch erscheinen mag - in Großbritannien hatte Bragg in den vergangenen Monaten mit erheblichem Widerstand zu kämpfen. Im Herbst 2013 hatte die konservativ-liberale Regierung den Katalog möglicher Privilegien für Gefängnisinsassen zusammengestrichen. Auf der Liste waren neben Büchern auch Gitarren mit Stahlsaiten, die der britische Justizminister Chris Grayling als Sicherheitsrisiko ansah. Bragg allerdings nutzte seine Kontakte zu Labour-Politikern wie dem Unterhaus-Abgeordneten Kevin Brennan und zu anderen Musikern. Gemeinsam mit David Gilmour von Pink Floyd, Johnny Marr von den Smiths, zwei Mitgliedern von Radiohead und vielen anderen verfasste er einen Brief an die Zeitung „Guardian“. Sie glaubten daran, dass Gitarren eine wichtige Rolle bei der Resozialisierung von Häftlingen spielen könnten, schrieben die Musiker. „Diese Fähigkeit wird ernsthaft in Frage gestellt, wenn Insassen zwischen den Gruppensitzungen nicht üben können.“

Ende Juli konnte Braggs Gitarrenlobby einen Erfolg feiern. Justizminister Grayling nahm das Verbot zurück, nachdem ihm mehrere Gefängnisdirektoren signalisiert hatten, welch heilsame Wirkung die Instrumente auf die Stimmung im Gefängnis hatten. Künftig sollten die Haftanstalten nach eigenem Ermessen entscheiden, ob sie das Risiko, Gitarren mit Stahlsaiten auszuhändigen, für vertretbar halten. „Es gibt Menschen in Gefängnissen, die niemals wieder herauskommen dürfen - vielleicht ein Fünftel von allen“, stellt Bragg klar. „Aber die anderen achtzig Prozent werden herauskommen. Und sie könnten Tür an Tür mit dir wohnen. Also ist es vielleicht eine gute Idee, den Teufelskreis der Kriminalität aufzubrechen und sie dabei zu unterstützen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.“

Noch nicht ganz so weit wie er ist eine ähnliche Initiative in Deutschland, die der Duisburger Musiker und Gitarrenbuchautor Peter Bursch vorantreibt. Seine Lehrbücher haben sich millionenfach verkauft und ihm den Beinamen „Gitarrenlehrer der Nation“ eingebracht. Auch in vielen deutschen Gefängnissen lernen Häftlinge nach seiner Methode Gitarrespielen. Immer wieder haben ihn Insassen angeschrieben und von ihren Erfahrungen berichtet. Im September vergangenen Jahres hat Bursch erstmals einen Workshop in einem Gefängnis in Schwerte ausgerichtet. „Meine Methode erlaubt ihnen, schon nach wenigen Minuten selbst mitzuspielen“, sagt Bursch. Mit zwei Fingern begleiteten die Teilnehmer Eric Clapton zu „Tulsa Time“, das auf CD lief. Als Bursch ihnen nach einer halben Stunde den Riff von Deep Purples „Smoke on the Water“ zeigte, wussten sie, dass ihr Ansehen unter ihren Gefängniskumpels jetzt deutlich steigen würde.

Hoffnung auf eine kleine Welle

36 Gitarren hat Bursch organisiert, die inzwischen in mehreren Haftanstalten Nordrhein-Westfalens zirkulieren. Gespendet hatte sie das Musikzubehörgeschäft „Musicstore“ in Köln. Hatte er im direkten Kontakt mit den Gefängnissen viel Widerspruch erfahren, war ein Kontakt zum Pressesprecher des Landesjustizministers, Detlef Feige, die Initialzündung. „Musik kann so stark sein, dass die Häftlinge neuen Lebenssinn finden“, sagt Bursch, der bis heute mit seiner Band Bröselmaschine auftritt und viele Kontakte zu Musikern hat.

Von den Scorpions hat er die Zusage, dass sie Gitarren beisteuern. Bislang hat er sein Engagement noch in einem überschaubaren regionalen Rahmen gehalten. Doch kürzlich, beim Burg-Herzberg-Festival in Nordhessen, hat er sich schon eine Stunde mit Billy Bragg darüber ausgetauscht, wie man so eine Initiative ins Rollen bringt. „Es wäre doch toll, wenn sich eine kleine Welle entwickeln würde“, sagt Bursch. Die Hoffnung, dass daraus ein Engagement wird, das nicht so nervt wie Bono oder Bob Geldof, lässt sich so vielleicht erfüllen.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
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