Hommage an Patti Smith

Rock ’n’ Rimbaud

Von Jochen Distelmeyer
 - 15:08

Das letzte Mal gesehen hab’ ich sie im Oktober 2014. Als Patti Smith mit ihrer Tochter Jesse Paris Smith und dem New Yorker Soundwalk Collective die Nico-Tribute-Performance „Killer Road“ an der Berliner Volksbühne aufführte, war es, als wäre eine Königin heimgekehrt.

Nicht nur das Publikum, das Haus selbst, auf dessen Bühne sie im Halbdunkel stehend letzte Gedichte der vor der Zeit verstorbenen Velvet-Underground-Sängerin vortrug, von Videos und Fieldrecording-Collagen in Szene gesetzt in die Texte hinabstieg wie in Totenreiche, schien nur auf sie gewartet zu haben.

Die Gralshüterin eines schamanistischen, dem Glauben an das Heilende, Rettende der Musik verpflichteten Rockideals hatte zu einer Séance geladen, die die autoaggressiven Trancebemühungen vergangener Castorf-Schlingensief-Vinge-Inszenierungen aussehen ließ wie unaufgeräumte Kinderzimmer. Mami’s back.

Mit ihren kunstvoll entwickelten Rezitativen erinnerte Smith an diesem Abend an ein Versprechen, durch das die Volksbühne stilbildend zum Wallfahrtsort eines postdramatischen Exorzismus avanciert war: Die Erlösung des Sprechtheaters aus dem Geist des Rock ’n’ Roll.

Allerdings stand die Musikerin damit auch für ein Menschenbild ein, zu dessen Vorstellungen von „Seele“, „Selbst“, „Liebe“, „Wahrheit“ und dergleichen die Zauberlehrlinge der Postmoderne bis zur Denunziation auf Distanz gegangen waren. So lange, bis ihr emanzipatorischer Elan die Bühne zum Bootcamp für durchtrainierten Selbstbezichtigungsklamauk runtergerockt hatte.

Die treuhänderische Enteignung und Abwicklung des Ostberliner Voodootempels zum gutvernetzten Sammelsurium sozialdemokratischer Gleichschaltungsphantasien erscheint folgerichtig, ist aber eine andere Geschichte, die demnächst als Rührstück vom Ende einer Ära unter Krokodilstränen aufgeführt wird. Motiv: Kunsthass. Titel: „Weltkulturerbe in der Hand von Terroristen. Oder: Denn sie wissen nicht, was die Arbeit ist.“

Durch lyrische Unterwelten

An diesem Abend war die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz noch einmal der ideale, von Geist wie Spirit getragene Raum für die Smithschen High-End-Meditationen zum Thema „Circle of Life“. Von Möwengeschrei und Meeresrauschen, Windspiel- und Waterphoneklängen begleitet, folgte man der Sängerin gebannt durch die lyrischen Unterwelten ihrer Kollegin Nico.

Am Ende der knapp anderthalbstündigen Nachtmeerfahrt, die letzten Mantren und Soundwellen waren verklungen, herrschte für einen langen Moment Stille im Theaterraum. Niemand wagte zu klatschen. Als wäre es Frevel. Dann der erst schüchterne und gleich darauf brandende Applaus des wie aus Hypnose erwachten Publikums, und unter den stehenden Ovationen verließ Smith mit ihren Begleitern ein letztes Mal winkend die Bühne.

Von Sam Cooke heißt es, er habe ein Kompliment zur Schönheit seines Gesangs dankend mit dem Hinweis zurückgewiesen, man solle die Qualität einer Stimme nicht nach ihrem Wohlklang, sondern danach beurteilen, ob sie uns glauben mache, dass sie die Wahrheit sage. Wenn Patti Smith in diesem Sommer zum 40-jährigen Jubiläum ihres Debüt-Albums „Horses“ mit ihrer Band auf Tournee geht, wird man sich nirgends besser von der Gültigkeit des Cookeschen Diktums überzeugen können.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Ob mit ihrem an amerikanischer Beatliteratur, Bob Dylan und Jim Morrison geschulten Deklamationsstil, dem atemlos-treibenden Sprechgesang, ihren wehmütig-hymnischen Chants und Wiegenliedgesängen oder den maximal druckvollen Shouts einer wütenden Squaw: Smith’ Vokalkunst ist reinste Überzeugungskraft. Oder anders gesagt: Von Patti Smith lernen heißt singen lernen.

Allerdings bedarf es dazu gänzlich anderer Einübungen und Skills als der eines hilflos-technokratischen Kolloraturdrills, wie er seit Whitney Houston, Mariah Carey und Christina Aguilera – als quasi klanggewordenes Abbild postfordistischer Flexibilitätserwartungen – durch Charts und Castingshows geistert und Stimmschwächere in der Selbstentfremdung des Autotune-Programms Schutz suchen lässt.

Der vermeintliche Gegenentwurf einer rückwärtsgewandten Instant-Soulfulness à la Amy Winehouse, Aloe Blacc oder Sam Smith erweist sich schnell als Produktvariante des flexibilistischen Stahlbads, von dem die Beschwichtigungsnebel der Retrokultur aufsteigen und anpassungsunwillige Probanden („I said: No, No, No!“) der Opferung zuführen.

Während beim Sängertypus „weiße Frau“ wieder vermehrt auf Relaunch-Versionen der „Heilige/Hure“-Standards „toughe Röhre“ oder „weirdes Seelchen“ zurückgegriffen wird, hat sich bei den Jungs, als unschöner Effekt heteromännlicher Selbstreflexion, das Klangbild des mitleidheischenden Jammerns und Harmlostuns durchgesetzt. In diese Gemengelage ungeklärter Geschlechter- und Produktionsverhältnisse hinein sendet Smith ihre überzeugungskräftigen Signale gegen jede Form von Unmündigkeit.

Stoische Haltung

Den Verunsicherungen anhaltend prekärer Beschäftigung und einer beispiellosen Verteilungsungerechtigkeit der postdemokratischen Spätmoderne begegnet die Sängerin mit ihrem stoischen Votum für zwei scheinbar aus der Zeit gefallene Klassiker des „Es-sich-nicht-länger-gefallen-Lassens“: Nonkonformismus und Selbstermächtigung.

Auch wenn das künstlerische Profil der Rock- und Fashion-Ikone Smith zwischenzeitlich (Ann Demeulemeester hin, Limi Yamamoto und Christophe Decarnin her) eine gewisse Manufactum-Patina („Es gibt sie noch, die guten Dinge“) angesetzt hatte, ist es dieses Insistieren auf den Kardinaltugenden des Punk, dem Rohstoff aller Jugend- und Befreiungsbewegungen, das Smith nicht nur für jüngere Kolleginnen wie Feist, Lorde, Lady Gaga oder Miley Cirus zur Bezugsgröße der Stunde macht.

In Zeiten einer bis zur Normopathie gesteigerten Anpassungskultur (Socialmediadienste wie Linkedin, Facebook, Tinder und Twitter als Rudelbildungs- und Konformitätsrefugien für Selbsterschöpfte) ist das „Sapere aude!“ des „Rock’n’Roll Niggers“ Smith der Nektar, der ihre Konzerte zu euphorisch gefeierten Erweckungserlebnissen für Aussteigewillige aus der Multioptionsgesellschaft macht. „Outside of society – That’s where I wanna be!“

„Jesus died for somebody’s sins, but not mine“: Mit diesem Schlachtruf eröffnet die Patti Smith Group 1975 ihr erstes Album „Horses“. Eine Unabhängigkeitserklärung. Und klare Chefansage. So wie das schlichte, schwarzweiß gehaltene, längst ikonisch gewordene Coverporträt der Künstlerin von ihrem Freund und Partner Robert Mapplethorpe, das Smith als schüchtern-coole Rock-Amazone in Wartestellung zeigt und ihren späteren Ruf als Stilikone begründen sollte.

Das von John Cale (Velvet Underground) in Jimi Hendrix’ „Electric Lady“-Studio produzierte „Horses“ markiert den Übergang von Beatnik-, Rock-, und Hippiekultur zu Punk und gilt zu Recht als Meilenstein des frühen amerikanischen New Wave.

Drei weitere Alben – das mit seinen Agit- und Hardrock-Reminiszenzen (MC5/ Blue Öyster Cult) von der Kritik unverstandene, dunkel schwingende „Radio Ethiopia“, Smith’ durch ihre Zusammenarbeit mit Bruce Springsteen („Because the Night“) und Jimmy Iovine (Produktion) etwas plump geratener, größter Chartserfolg „Easter“ und schließlich das von Todd Rundgren einfühlsam poppig produzierte „Wave“ – sollten bis 1979 folgen, bevor sich die Sängerin überraschend aus der Öffentlichkeit zurückzog, um mit ihrem späteren Ehemann, dem MC5-Gitarristen Fred Sonic Smith, in Detroit zusammenzuleben und dort die gemeinsamen Kinder Jackson und Jesse großzuziehen.

Eingeständnis einer Kränkung

In diese Zeit fällt lediglich das von Fred Smith produzierte und co-geschriebene „Dream of Life“ von 1988, das vom Tod Robert Mapplethorpes und ihres Keyboarders Richard Sohl überschattet wurde.

Nach dem Tod ihrer „letzten Liebe“, Fred Sonic Smith starb 1994 an Herzversagen, kehrte Smith auf die Bühne zurück und veröffentlichte seitdem sieben Alben. Zuletzt das 2012 erschienene, dank Stücken wie „Amerigo“ und „Fuji San“ ziemlich großartige „Banga“. Für viele ihr bestes seit „Horses“.

„Jesus died for somebody’s sins, but not mine.“ Dieser programmatische, erste Satz ist aber nicht nur Ausdruck der kompetitiven Selbstbestimmung der Künstlerin, sondern auch Eingeständnis einer Kränkung.

Des Gefühls, ausgeschlossen zu sein von der Liebe und Gnade des Gottessohnes. Das ist es, was der Suche der Schamanin, dem Schaffen der Sängerin, Dichterin und Performerin Smith Dynamik verleiht und sie immer wieder in die Nähe des Todes anderer Außenseiter, Künstler, Ikonen und Wegbegleiter geführt hat. „Killer Road“?

Aus dem Dunkel dieser Erfahrung von Liebe, Trauer und Schuldhaftigkeit speist sich das Knowhow der Mystikerin und Musikerin Smith. Ihre Begabung. Ihr Mut und Mitgefühl, ihr kämpferisches Pathos, ihre Spiritualität, Wut und kindliche Hingabe. Die Standhaftigkeit und ungeheure Intensität ihrer Erscheinung, durch die wir uns in ihr wiedererkennen können. Nennen wir es Aura.

Dazu: Das Arbeitsethos der Lyrikerin, ihre Bereitschaft, die Welt auf ihre Bedeutungsreize hin zu überprüfen, das Zeichenhafte von potentiell allem in den Blick zu nehmen und auf sich wirken zu lassen; dem Ruf des Göttlichen also zu folgen, der da lautet: „Dass es etwas bedeutet“, ist selber Animierung des Göttlichen und seine Verankerung in der Welt durch die Kunst.

Worum es geht

Ich wäre an diesem Abend in der Volksbühne fast zu spät gekommen. Tatsächlich war ich eher unwillig einer Einladung zu der „Killer Road“-Performance gefolgt. Nach Jahren phasenweiser, immer wieder intensiver Beschäftigung mit ihrem Werk hatte ich das Gefühl, verstanden zu haben – worum „es“ geht –, und geglaubt, ihr Ding für mich abhaken zu können.

An die Stelle meiner Begeisterung für Songs wie „Birdland“, „Horses“, „Dancing Barefoot“ und „Frederick“ war mit der Zeit eine zunehmende Skepsis („Beware of Darkness“) getreten, die mich nicht als Fan, eher wie ein kritischer Beobachter zu der Aufführung gehen ließ.

Kaum hatte ich aber den Saal betreten und auf den überfüllten Stufen im Zuschauerraum Platz genommen, als mich ihre Präsenz, mit der Smith selbst im Flüsterton, unter Harmoniumklängen und Vogelgezwitscher den Raum erfüllte, ihr Vibe wieder ganz für sie eingenommen und in den Bann gezogen hatte.

Die soghaften Soundwelten ihrer Begleiter und Smith’ bewegender Vortrag der Nico-Gedichte, die Virtuosität, mit der sie der Toten ihre Stimme lieh und den Texten Leben einhauchte, ließen mich dabei an einen anderen, früheren Song von ihr denken.

Den einzigen, den das Ehepaar Smith gemeinsam „eingesungen“ hatte: Das in seiner Einfachheit erhabene „It Takes Time“ von 1991, in dem Patti und Fred Smith, wie Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies, von den Unwägbarkeiten des Lebens und der Liebe erzählen; und das klingt wie ein frühes Vermächtnis. It takes time.

Ich fühlte mich an diesem Abend beschenkt von der gebenden Künstlerin Patti Smith. Und so sind diese Zeilen (geschrieben zum dauerrotierenden „How much a dollar cost“ des derzeit größten amerikanischen Rhapsoden Kendrick Lamar) mein bescheidener, ungestümer Versuch einer Würdigung und Danksagung.

Und Ausdruck der Freude darüber, dass sie, Patti Smith, da ist und uns am Ende eines ihrer Konzerte erneut zurufen mag: „Be happy. Be strong. Work hard. Don’t be afraid! And: Have Fun!!“

Der Autor ist Musiker und veröffentlichte zuletzt den Roman „Otis“ (Rowohlt, 19,95 Euro). Patti Smith und ihre Band spielen „Horses“ am 22.6. in Frankfurt, am 23.6. in Köln, am 12.7. in Lörrach, am 13.7. in München, am 16.7. in Singen, am 21.7. in Karlsruhe, am 22.7. in Winterbach, am 8.8. in Dresden und am 11.8. in Berlin.

Quelle: F.A.S.
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