Tocotronics „Die Unendlichkeit“

Mein Gott, ist das beziehungsreich

Von Wolfgang Schneider
 - 17:23

Ist das neue Album von Tocotronic denn ein Hörbuch? Den Eindruck könnte man gewinnen, wenn man die Interviews, Homestorys und Kritiken zu „Die Unendlichkeit“ liest. Da ist ausgiebig von literarischen Verweisen die Rede, von Theorie-Lektüren, von der Mode des Memoirs, vom Konzept des Albums als Autobiographie und „Ethnologie des eigenen Lebens“. Mein Gott, ist das beziehungsreich... Selbst Bassist Jan Müller plaudert keineswegs über seine beachtliche Arbeit am Tiefsaiter, sondern über seine Funktion als „Lektor“ der Texte des Sängerpoeten Dirk von Lowtzow.

Vielleicht muss man jetzt erst einmal daran erinnern, dass es sich bei Tocotronic um eine Rockband handelt. Und dass ihr neues Album nicht deshalb auffällt, weil es ganz neue poetische Wege gehen würde, sondern weil die Band in ungewohntes musikalisches Gebiet vorstößt. Der erst dilettantische, dann zunehmend feingestrichelte Schraddelsound, lange das Markenzeichen dieser im Grunge wurzelnden Band, weicht orchestralen Ambitionen. Die Tocotroniker bewegen sich mittlerweile souverän zwischen progressivem Pathos-Rock und Chamber-Pop.

Eine Prise Rammstein

Die ersten drei Lieder sind erstaunlich. Das Titelstück baut einen Hallraum der Erinnerung: Ein treibender Dubsound schafft Atmosphäre und wird dann im Chorus mit düsteren Akkordgewittern und später mit kreischender Leadgitarre überwölbt. Ist da nicht gar eine Prise Rammstein zu vernehmen? Sehr effektvoll, wenn nach dem Getöse jeweils wieder zurückgeschaltet wird in den federnden Dub. Das hat etwas Kathedralenhaftes. Es folgt ein subtiles Stück Art-Rock, eine Beschwörung von Kindheitsängsten, der Refrain setzt sich fest: „Tapfer und grausam/ bist du nicht.“ Wie geradezu altmeisterlich ist dieses Lied gebaut! Mit raffinierten Verschiebungen zwischen Moll und Dur, und wenn nach einem gekonnt verknautschten Gitarrensolo die Tonart von H nach Fis wechselt, entsteht ein unter die Haut gehender Pathosmoment.

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MusikvideoTocotronic - „Electric Guitar“

„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ lautet ein zur Redewendung gewordener Songtitel der Band. Die gute alte Rebellion, von Poptheoretikern gern als Apriori aller Rockmusik geltend gemacht, war bei Tocotronic seit je nur ein sentimentalisches Motiv, das allerdings ziemlich merkwürdig wirken kann, wenn es von Männern angestimmt wird, die mittlerweile auf die Fünfzig zugehen. „Man kann den Erwachsenen nicht trauen . . . Wir sind Babys, sie verstehen uns nicht“, hat Dirk von Lowtzow auf dem 2015 erschienenen „Roten Album“ gesungen. Das ist ironisch und kokett und etwas peinlich zugleich.

Das autobiographische Konzept bietet nun wieder Gelegenheit zum Reenactment der Pubertät: „Ich drücke Pickel vor dem Spiegel aus / Manic Depression im Elternhaus“, lautet ein treffender Reim des dritten Songs „Electric Guitar“, der geschmeidigen Hymne des Albums. Es ist eine Hommage auf das Instrument, das mancher Adoleszenz Halt und Haltung gegeben hat: „Ich schnalle dich um/Nehme dich in die Hände/Und schicke den Sound/ Zwischen die Wände.“ Drauflosgelärmt wird hier aber keineswegs. Die sanften Harmonien und der Cleansound der Gitarre bilden vielmehr einen Kontrast zu dem, was beschworen wird: „Teenage Riot im Reihenhaus“. Milde Melancholie statt wilder Wut.

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MusikvideoTocotronic - „Hey Du“

Nach diesen drei grandiosen Songs fällt das Album leider merklich ab. Bei „Hey du – was starrst du mich an?“, einer Mischung aus Achtzigerjahre-Kirmespop und Postpunk, schimmert allzu deutlich „Hey Jane“ der Band „Spiritualized“ als Schnittmuster durch. Noch plakativer ist „1993“ geraten. Da geht es um den Aufbruch aus der „Schwarzwaldhölle“ in die Großstadt im Gründungsjahr der Band. Die Wichtigkeit überträgt sich nicht, vielmehr nervt der Jahreszahlen-Refrain, der nicht nur musikalisch einfallslos ist, sondern mit dem „. . . zig“ am Ende auch sehr ungelenk klingt. Der Gesang Dirk von Lowtzows, der sich wie der Sven Regeners nie ganz vom Sprechgesang löst, klingt hier wie aufgesagt.

An die Musikkulisse eines Hörspiels erinnert „Unwiederbringlich“. Ein repetitives, schlichtes Motiv wird instrumentiert mit Orffschen Klanghölzern, Schellen und Klarinette. Der Text handelt von einem sterbenden Freund, damals, Mitte der neunziger Jahre. Die Nachricht seines Todes kann das lyrische Ich nicht erreichen, denn der Sänger sitzt gerade im Zug: „Es gab noch keine Handys / Es war alles Gegenwart / Die Zukunft fand ausschließlich in Science-Fiction-Filmen statt.“ Das klingt forciert bedeutsam. Und ist schief gedacht: Haben doch gerade die Handys für Allgegenwärtigkeit gesorgt.

Schmerzgrenze der Schnulze

Im letzten Drittel wird es dann wieder besser. „Bis uns das Licht vertreibt“ hat einen angenehmen Flow mit puckerndem Bass, luftigen Klavierakkorden und einem sphärischen Gitarrensolo. Ein bezauberndes, in Streichern schwelgendes Liebeslied ist „Ausgerechnet du hast mich gerettet“. Zunächst ist man skeptisch – wird hier nicht die Schmerzgrenze zur Schnulze überschritten? Aber der Text ist überhaupt nicht schnulzenhaft: „Du bist nicht schön / doch auch kein Biest / Vielleicht etwas dazwischen/das noch nicht bezeichnet ist / (...) mit deinen schiefen Zähnen und der schmalen Brust“. Und dann kommt die Melodie des Refrains und ist über jeden Verdacht erhaben. Die letzten beiden Songs schließlich kehren zum orchestralen Rock zurück, ohne ganz die Stärke der ersten Stücke zu erreichen.

„Die Unendlichkeit“ ist ein Konzeptalbum von schwankender Qualität, das aber auf jeden Fall beweist, wie viel Potential nach einem Vierteljahrhundert noch in dieser Band steckt. Niemand, der 1995 das erste Tocotronic-Album mit seinen gewitzten Slogans und seiner ziemlich begrenzten Krachkultur gehört hat, hätte ahnen können, dass die Band im Jahr 2018 so klingen würde, wie sie es jetzt tut, so aufgeschlossen, experimentierfreudig und musikalisch ausgetüftelt. Es sieht ganz so aus, als würden sie gut altern und irgendwann Teil einer musikalischen Seniorenbewegung sein.

Tocotronic: „Die Unendlichkeit“. Vertigo (Universal)

Quelle: F.A.Z.
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