Tom Petty zum Sechzigsten

Ein amerikanischer Hybrid

Von Edo Reents
 - 08:51
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Anders als die ersten beiden Generationen der amerikanischen Rockmusiker hatte die dritte am Anfang Identitätsprobleme. Bruce Springsteen wollte Rock'n'Roller sein, wurde aber unter die Singer/Songwriter einsortiert; John Mellencamp hielt man für einen Glamrocker, dem sein Aussehen wichtiger war als der Sound. Tom Petty hatte es am schwersten, aber, wie wir heute wissen, auch am besten: Er saß zwischen allen Stühlen.

Wer weiß, was aus ihm geworden wäre, wenn es in seiner Vaterstadt Gainsville, Florida, keinen Hippie-Campus gegeben hätte, der ihn Tuchfühlung halten ließ mit dem, was in Kalifornien und New York vor sich ging - womöglich einer dieser Country-Reaktionäre, die, wie Lynyrd Skynyrd, ihr Genüge gefunden hätten an Sumpflandmusik und denen der Duft von Freiheit und Motorradabenteuern, den um 1970 die Allman Brothers verströmten, im Grunde doch nicht behagte. Als Petty vor zwei Jahren endlich die Platte herausbrachte, die er mit seiner ersten Band Mudcrutch nie gemacht hatte, zeigte sich, dass der Southern-Rock nur noch eine Spielart war, auf die sich festzulegen vermutlich ein Fehler gewesen wäre.

Das wohl gröbste Missverständnis

In Tom Pettys Musik ist erheblich mehr eingeflossen, wobei er sich zwischen dem Erbe der Rolling Stones und der Byrds nie zu entscheiden brauchte. Er formte aus der Rhythm-&-Blues-Aufsässigkeit und der Folkrock-Nonchalance einen hochenergetischen Hybriden, der es fast unmöglich machte, ihn in seine Bestandteile zu zerlegen. Tom Petty and the Heartbreakers, wie seine feste Band seit 1975 hieß, spielten ökonomisch wie die britische Rockinvasion und wussten sich gleichzeitig dem unberechenbaren Songschreibertum Bob Dylans und Neil Youngs verpflichtet. Petty wusste von Anfang an deftig zu rocken, ließ natürlich auch Ländliches mit einfließen und näselte wie Dylan und Roger McGuinn zusammen. Und nicht nur von Ferne wehte der überreife, weiche Westcoastrock herüber, wie ihn die Flying Burrito Brothers und die Eagles machten.

Dass Tom Petty und die Heartbreakers zunächst für Punker gehalten wurden, war das wohl gröbste Missverständnis. Petty bediente sich der Tradition, ohne sie, wie die Ramones, Patti Smith oder The Clash, zu untergraben. Das New-Wave-Umfeld zwang ihn zu einer Geradlinigkeit, die zum entscheidenden Merkmal seiner Karriere wurde. Standen die ersten beiden Platten noch im Zeichen des Rootsrock - mit dem kühl-abrupten „Breakdown“ und dem aufgekratzten „American Girl“ -, so sah sich die Band mit dem allenthalben als Meisterwerk gepriesenen, vom jungen Produzenten Jimmy Iovine auf Breitwandformat getrimmten „Damn The Torpedos“ (1979) plötzlich dort, wo zumindest Petty immer hinwollte: Großartige, fiebrig flirrende, dabei nie zu harte Rocksongs wie „Here Comes My Girl“ und „Refugee“ dröhnten aus sämtlichen Autoradios, und eine Ballade wie „Lousiana Rain“ trieb einem die Tränen in die Augen. „Hard Promises“ (1981) konnte das Niveau halten.

Einer der letzten Unabhängigen

Das neue Jahrzehnt sah Petty und die Seinen beinahe richtungslos. Nach Country- und Soulexperimenten fanden sie mit Jeff Lynne zu jenem geschmeidigen, aber hochraffinierten Hitparadensound, den insbesondere der Gitarrist Mike Campbell und der Organist Benmont Tench als zu großes Zugeständnis an den Markt empfanden. Nicht zufällig fehlte auf den Erfolgsalben „Full Moon Fever“ und „Into The Great Wide Open“ (1989/91) das Heartbreakers-Etikett. Petty, inzwischen geadelt durch gemeinsame Tourneen mit Dylan und die Mitgliedschaft in der Prominentencombo Traveling Wilburys, zog seine Mitspieler nur noch unregelmäßig heran, wobei er auf den harten Kern freilich nie verzichtete.

Der Produzent Rick Rubin Petty bugsierte Petty dann in seine eindrucksvollste Phase. „Wildflowers“ (1994) bestach durch den Wechsel zwischen knochenhartem Rock (“Honey Bee“) und luftigem Folk. Mit dem kargen, zerklüfteten „Echo“ (1999) beendete Petty das Jahrzehnt und seine Ehe, bevor er sich 2002 als „The Last DJ“ zurückmeldete. Sein Werk, zu studieren auf der Filmdokumentation Peter Bogdanovichs und einer Livebox, besitzt in jeder Hinsicht gewaltige Dimensionen; erst im Frühsommer wartete er mit dem ausgefeilten Bluesrockalbum „Mojo“ auf (siehe CD der Woche: Tom Petty). So wirkt er, dem es nie um Fortschritt, sondern immer um anschlussfähige Musik ging, fort, hoffentlich noch ganz lange über seinen sechzigsten Geburtstag am Mittwoch hinaus: als einer der letzten Unabhängigen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
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