Literatur-Nobelpreisträger

Die besten Dylan-Lieder der Redaktion

 - 16:30

„I Shall Be Released“

Es ist eine der verrücktesten Geschichten der Rockgeschichte: Nachdem Bob Dylan in der Saison 1965/66, der kulturellen Wasserscheide zwischen Früher und Heute, drei bahnbrechende Platten veröffentlicht hatte, war es im Folgejahr ganz ruhig um ihn. Sein Lebensstil war damals gesundheitsschädigend, auf Konzerten muss er bemitleidenswert ausgesehen haben. Dann erlitt er einen schweren Unfall auf dem Motorrad, der sein Leben hätte beenden können und ihn zur inneren Einkehr zwang.

Abseits der Öffentlichkeit nutzte er die Zeit, kam herunter von dem atemlosen Leben zuvor, lebte mit Frau und zwei Kindern im Künstlerörtchen Woodstock – nur zwei Stunden von der Metropole New York entfernt. Er lud seine Mitmusiker ein, die später unter dem Namen The Band auch auf eigene Rechnung Großes leisteten, und spielte Lieder ein, die aus dem großen amerikanischen Songbuch oder seiner Feder kamen und eher den ruhigen Charakter der ländlichen Musik der Vereinigten Staaten hatten. Als „Basement Tapes“ wurden die Aufnahmen auch deshalb zur Legende, weil Dylan der Veröffentlichung erst ein halbes Jahrzehnt später zustimmte und in der Zwischenzeit Raubkopien kursierten.

Unter diesen Songs war „I Shall Be Released“, das niemals auf einem offiziellen Studioalbum von Dylan erschienen ist und trotzdem zu einem Klassiker in seinem Katalog wurde. Im Video singt er es mit der Jazz-Pop-Künstlerin Norah Jones. Der Text ist wie immer bei einem, der nun endlich den Literatur-Nobelpreis erhalten hat, sprachlich ansprechend. Er verweist mit den Worten des Titels, die den Refrain beschließen, auf eine religiöse Erlösung. Da sich Dylan aber immer wieder mit Gefängnisthemen beschäftigt hat, steht die Lyrik auch in diesem weltlichen Zusammenhang. Seine Einkehr führte ihn stärker zu religiösen Themen und erinnerte ihn wieder an seine Wurzeln. Die nächsten zwei Platten „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“ waren auch stilistisch eine deutliche Abkehr von den Rockplatten der Mittsechziger. Philipp Krohn

„Blowing in the Wind“

„How many times must the cannon balls fly?“ – ich glaube, diese Zeile war der allererste Brocken Englisch, den ich ganz von selbst verstand. Wir sangen das Lied bei den Pfadfindern, Protesten mancher Eltern zum Trotz, die sich über die Vernachlässigung deutschen Liedgutes sorgten und vielleicht auch über mögliches Einsickern politischer Vorstellungen, die Mitte der Siebziger mit Pazifismus oft einhergingen.

Aber ist es überhaupt ein Antikriegslied? Geschrieben wurde es 1962, noch vor Vietnam. Und die geradezu naturgeschichtliche Perspektive („how many years can a mountain exist?“), die es der menschlichen Sehnsucht nach Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit entgegenstellt, macht es eher zu einem beschreibenden als einem propagierenden Werk. Es ist zutiefst melancholisch. Und voller tiefer sprachlicher Schönheit. Ulf von Rauchhaupt

„Man in the Long Black Coat“

„Oh Mercy“ hieß Bob Dylans Platte aus dem Jahr 1989, und ich dachte damals vor ihrem Erscheinen, wie unpassend der Titel wäre, denn dieser Sänger selbst kannte doch gerade keine Gnade. Ich hatte ihn satt, seine religiöse Phase dauerte nun schon ein Jahrzehnt, und der unmittelbare Vorgänger, „Down in the Groove“, war ein veritabler Langeweiler. Aber dann begann „Oh Mercy“ mit „Political World“, einem verwunschenen Protestsong gegen alles Politische, und am Ende der ersten Seite stand das beste Dylan-Stück der achtziger Jahre, „Man in the Long Black Coat“.

Man hört diesen beiden Liedern sofort an, wer sie produziert hat: der Kanadier Daniel Lanois, jener Klanghexer, der auch für Robbie Robertson, den Lead-Gitarristen von Dylans früherer Begleitband „The Band“, schon eine Soloplatte betreut hatte, die Maßstäbe setzte. Vergessen war die Arbeit von Lanois für Peter Gabriel („So“) und U2 („The Joshua Tree“), obwohl auch die jeweils nicht schlecht gewesen war. Aber für Robertson hatte er die Geräusche und die Klangwelt des Bayou ins Studio geholt, und das wollte nun auch Dylan von ihm.

Vielleicht wollte er das nur der Anfangszeilen seines „Man in the Long Black Coat“ wegen. Sie lauten so:

„Crickets are chirpin’, the water is high.
There's a soft cotton dress on the line hangin’ dry.
The windows wide open, African trees
Bent over backwards from a hurricane breeze.
Not a word of goodbye, not even a note.
She’d gone with the man in the long black coat.”

(Grillen zirpen, das Wasser steht hoch. Auf der Wäscheleine hängt ein Baumwollkleid zum Trocknen. Weit geöffnete Fenster, vom Hurrikanwind hintüber gebeugte afrikanische Bäume. Kein Wort des Abschieds, nicht einmal ein Ton. Sie ist dem Mann im langen schwarzen Mantel gefolgt.)

Die beschworene Atmosphäre ist die des warmen, feuchten Südens, und das Grillenzirpen ist als Soundeffekt in der Musik hörbar, während sich die Gitarre so müde dahinschleppt, wie es der Erzähler ist – angesichts des Mädchens, das ihn für einen Rivalen verlassen hat.

Alles stimmt: der Rhythmus, Dylans typischer Klageton, die Dauer von mehr als fünf Minuten (das längste Lied der Platte) und der Text. Hier ist das Metaphysische der letzten Jahre noch präsent, aber es ist eingebettet in ein Stimmungsphänomen, das den tiefgläubigen amerikanischen Süden mit einer Intensität beschwört wie kaum ein anderes Lied. Es endet mit den Zeilen:

„She never said nothin’, there was nothin’ she wrote.
She’d gone with the man in the long black coat.”

Mehr muss auch ich nicht sagen: Dylan hat nie wieder so geschrieben. Aber er hat „Man in the Long Black Coat“ seitdem immer wieder auf der Bühne gespielt. Andreas Platthaus

„Ballad of a Thin Man“

Wer einmal mit einem guten alten Chevy Caprice durch die Prärie von South Dakota geschunkelt ist, den riesigen blauen Himmel über der verdammten Ödnis, und dabei das Album „Highway 61„ aus fetten Speakern gehört hat, wird die Tage dort oben, den Staub, den Wind und das Gras niemals vergessen. Nicht die zusammengezimmerten Behausungen am Wegesrand, bei denen man sich nie sicher sein konnte, ob sie von Menschen oder Gespenstern bewohnt wurden, oder beiden. Die Bars, bei denen die Blicke der wenigen Gäste den Eintretenden durchbohrten wie Revolverkugeln. Die Nächte, in denen das Heulen der Coyoten wie das Gejammer von Außerirdischen klang.

Und niemand würde sich wundern, in einer der Hütten an staubiger Piste plötzlich wie Dylans Mr Jones vor einem nackten Mann zu stehen, dieser surrealen Szene aus der „Ballad of a Thin Man“. Niemand würde sich dort überhaupt über irgendetwas wundern. Wo die Wirklichkeit zu groß für das Leben ist, wird das Surreale zur Realität. Dakota, das war wie ein Dylan-Land. Mathias Müller von Blumencron

„Workingman’s Blues #2“

Mit Dylans Spätwerk haben die Frühwerk-Liebhaber ja oft Probleme, aber wer will bestreiten, dass spätestens mit „Modern Times“ (2006) eine musikalisch wie lyrisch neue Stufe der Großartigkeit erreicht ist? Das scheinbar einfache „Workingman’s Blues #2“ von diesem Album klingt zunächst wie eine wörtlich zu nehmende Klage, die jeden von der Arbeit müden Menschen ansprechen könnte. Und dann entfalten sich in dem langen, komplexen Text – und mit jedem Hören mehr – die vielen metaphorischen Facetten dieser Klage.

Ein Liebes-, vielleicht auch Lebensmüder spricht da, einer, der Situationswitz mit philosophischer Tiefe verbindet („I sleep in the kitchen with my feet in the hall / Sleep is like temporary death). Und so bitter dieser Song eigentlich ist – seine Musik spendet dann doch wieder Trost, gerade wenn sie einem von einem Freund geschenkt wird. Jan Wiele

„God On Our Side“

„When the Second World War
Came to an end
We forgave the Germans
And we were friends
Though they murdered six million
In the ovens they fried
The Germans now too
Have God on their side“

Dieses Lied ist natürlich keine „Friedenshymne“ für eine „Friedensbewegung“, als das es von dieser verstanden wurde, ebenso wenig eine radikale Religionskritik, als die es von radikalen Religionsgegnern verstanden wurde. Beides nicht. Es ist eine Wuthymne, die von der gefährlichen Selbstgefälligkeit handelt von Leuten, die religiöse oder andere sinnstiftende Überlieferungen nie gegen sich lesen und persönlich, sondern immer für sich und politisch. Dylans „The land that I live in / Has God on its side” klingt ja fast wie ein Zitat von Paulus, der schließlich als erster von den „Feinden Gottes“ sprach, als er die Juden meinte. Ziemlich radikal fragt er in diesem Sinne: „Whether Judas Iscariot / Had God on his side”?

„So now as I’m leavin’
I’m weary as Hell
The confusion I’m feelin’
Ain’t no tongue can tell
The words fill my head
And fall to the floor
If God’s on our side
He’ll stop the next war“

Dylan kannte 1963, als er ,,God on our side“ schrieb, weder den Irakkrieg, noch den Islamischen Staat, der derzeit stellvertretend für Gott kämpft. Er kannte Amerika, the Germans und die Friedensbewegung. Das reichte schon für so freischwebende Gedanken. Jan Grossarth

„Tomorrow Is a Long Time“

Es gibt kaum sentimentale Songs von Bob Dylan. Ein paar der späteren streifen großäugige Romantik, werden aber immer von der brüchigen Stimme vor dem Absturz bewahrt. Der frühe Dylan dagegen, vor der Mitte der siebziger Jahre, hat Balladen geschrieben, die den Hörer auch nach dem dreihundertsten Mal so wenig ermüden wie ein Schubert-Lied: „To Ramona“, „Boots of Spanish Leather“ oder „If You See Her, Say Hello“. Unter all diesen ist „Tomorrow Is a Long Time“ von der Platte „Bob Dylan’s Greatest Hits, Vol II“ vielleicht der merkwürdigste Fall.

Eine Live-Aufnahme auf einem Studioalbum. Nur die akustische Gitarre begleitet ihn, die Mundharmonika schweigt. Die Stimme ist so nah am Mikrofon wie selten. Man hört jede Nuance seines Minnesota-Akzents und die lyrische Verstärkung des Augenblicks durch das umgangssprachlich vorgeschobene a und das Weglassen des End-g („your heart a-softly poundin‘“) wie in der berühmten Zeile „the times they are a-changin‘“, dazu die traumhaft sicheren Modulationen, die Intimität, die Trauer, die nicht traurig, sondern von fatalistischer Ruhe ist.

Mit Anfang zwanzig hatte dieser Folksinger schon alles beieinander. Eine frühe Version des Songs redet noch von „endless highways“. In dieser Live-Aufnahme wird daraus einer der schönsten Anfänge in Dylans Gesamtwerk: „If tonight was not a crooked highway, / if tonight was not a crooked trail, / if tomorrow wasn’t such a long time, / then lonesome would mean nothing to you at all.“ Später hat Dylan seinen Song in tausend Konzerten zersungen wie so viele andere. Für Originale wie dieses wurde der Phonograph erfunden. Paul Ingendaay

„Lay Lady Lay“

Es gibt Lieder aus grauen Vorzeiten, die entdeckt man erst im neuen Gewand eines Remixes. Wenn das Lied gut ist, dann strahlt es verheißungsvoll durch das neue Kleid hindurch. Als Hörer möchte man es ihm dann mal vom musikalisch ewig jungen Leib zupfen, es pur genießen.

So wurde mir „Lay Lady Lay“ (Nashville Skyline, 1969) durch den Dylan-Tribut der Rap-Kollaboration von J.Period und Knaan in Form von „Relationships Lay“ (The Messangers, 2009) über den Weg geschickt. Und es schadet bei diesem Song ausnahmsweise wirklich mal nichts, weinselig und allein im Morgengrauen vor dem Computer zu hängen. Denn dann versteht man eines: Es kann so lässig klingen, eine Frau zum Bleiben zu bewegen. Axel Weidemann

„Girl from the North Country“

Als Jugendlicher konnte ich mit Bob Dylan wenig anfangen. Die Hardcore-Fans des Meisters waren im Schnitt mindestens zehn Jahre älter, hatten eine Hippie-Anmutung kombiniert mit deutschlehrerhafter Attitüde der Humorlosigkeit. Also extrem uncool, auch wenn es den Begriff in den siebziger Jahren noch nicht gab. Und als spätgeborener Beatles-Fan Jahrgang 1960 war der näselnde und quäkende Gesangsstil auf vielen Dylan-Songs der frühen bis mittleren sechziger Jahre nichts für mich – verglichen mit den herrlichen Harmoniegesängen der Fab Four.

Um so angenehmer war die Überraschung, als ich vor einigen Jahren „Girl from the North Country“ zum ersten Mal hörte. Kaum zu glauben, dass es Dylan war, der da so schön melancholisch ohne extra schiefen Töne von seiner wahren Liebe im hohen Norden mit seinen kalten Winden sang. Zusammen mit dem großen Johnny Cash, dessen tiefe, weise Stimme im Duett mit Dylan dem Song erst die richtige Abschiedsstimmung verpasste. Thomas Holl

„If You See Her, Say Hello“

Ich finde ja, dass Leonard Cohen den Nobelpreis viel eher verdient hat, aber von Bob Dylan stammt immerhin das perfekteste Herbstlied: In „If You See Her, Say Hello“ schlurft Bob Dylan durch die Noten wie ein soeben verlassener Mann durch den vom Laub bedeckten Central Park. Wenn man einem Song den Kragen so hochklappen kann, wie James Dean es auf dem berühmten Foto tut, dann tut es Dylan hier.

„If You See Her, Say Hello“ ist nicht nur die Zentralhymne des allein durch den Regen geisternden, verlassenen Großstadtmenschen, der sich an eine zauberhafte Person erinnert, was ja von Edward Hopper bis zum „Frühstück bei Tiffany“ ein Großmotiv von Kunst, Film und Literatur im 20. Jahrhundert ist – es ist auch ein Epochenporträt: Aufgenommen im September 1974 in New York, als der Summer of Love auch schon wieder über ein halbes Jahrzehnt her, Nixon gerade zurückgetreten und der amerikanische Optimismus von der Ölkrise und Vietnam zerstört worden war und die letzten echten Hippies sich nach Indien oder Marokko verzogen – und allein in dem lakonischen Satz „she might be in Tangier“ liegt natürlich ein ganzer Roman. Niklas Maak

„Wie 'ne Stein“

„Mit Bob Dylan fing alles an“, sagt Wolfgang Niedecken. Genau genommen mit „Like A Rolling Stone“. Als Niedecken den Song zum ersten Mal hörte, verfiel er spontan dem Dylantum. Ab diesem Moment wusste er, wie Rock’n-Roll-Texte zu sein hatten. Dass sie Geschichten erzählen mussten. Und wie es gehen könnte. Das ungeschminkte Leben in viereinhalb Minuten.

Für seine eigenen Kombo übersetzte er den Text in seine Muttersprache, die „kölsche“ Mundart: „Wie 'ne Stein“ heißt es da. „Wie küsste dir vüür? Saach mir: Wie küsste dir vüür? Do föhls dich nirjens doheim, Weil Frönde hässte'rer kein. Do titschs erömm wie'ne Stein.“ Bei mir war es umgekehrt. BAP eröffnete den Weg zu Dylan. Und zur Erkenntnis, dass kleine Songtexte große Literatur sein können. Achim Dreis

„It ain't me Babe“

Wie von Ferne rollen die Akkorde am Anfang heran, wie Trommelwirbel eines einziehenden Bataillons am Rande der Stadt. Nur kurz heult die Mundharmonika auf und macht den Weg frei für den abgrundtieftraurigen Auftakt-Vers: „Go away from my window/Leave at your own chosen speed/ I’m not the one you want, babe/ I’m not the one you need“. Man sieht ihn vor sich, den blutjungen Dylan, wie er in Perugia sitzt, am Küchentisch nach einer langen Streitnacht mit seiner Freundin Suze Rotolo und seine Wut, seine Enttäuschung, sein Hass auf sich selbst ihm diese Zeilen diktieren. „It ain‘t me babe“ ist schon deshalb ein so starkes, ein so unnachgiebiges Lied, weil es sich nicht entscheiden kann, ob es wütend oder traurig klingen will.

Wer wird schon mit Gewissheit sagen, ob sich hier einer mit Erleichterung endgültig von den spießigen Erwartungen seiner Geliebten verabschiedet, ob er mit Stolz aufzählt, was er alles nicht ist, nicht sein will – kein Beschützer, kein Jasager, keiner, der dauernd die Tür aufhält und Blumen auf den Tisch stellt. Oder ob die bittere Selbstanzeige nicht viel eher aus der Verzweiflung heraus geschieht, der erschütternden Einsicht, niemals der werden zu können, der man sein soll. Kein zuverlässiger Vater, keine treue Seele, keiner, der bedingungslos liebt. In Dylans Song ringt die Romantik noch einmal mit der Aufklärung. Was ist der Liebende bereit zu geben? Wohin führt all die Freiheit? In jedem Fall weg vom Fenster, hinaus in die Nacht. Wo die Verlassenen sich treffen. Wer Dylan hört weiß: „I am not alone“. Simon Strauß

Quelle: FAZ.NET
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